Von Christof Kneer

Wie Trainer Ottmar Hitzfeld versucht, eine echte Hitzfeld-Mannschaft zu bauen

Bis heute ist viel zu wenig bekannt, warum Ottmar Hitzfeld früher so ein gefährlicher Stürmer war. Es wird erzählt, er sei schnell gewesen und sei mit einer guten Technik sowie einem sog. Torriecher ausgestattet gewesen. Nichts davon ist falsch, aber der wahre Grund ist bis heute ein Geheimnis geblieben. In Wahrheit hat der junge Hitzfeld beim FC Basel nur so forsch stürmen können, weil er eine fantastische Absicherung hinter sich wusste. Hinten drin stand nämlich der Verteidiger Urs Siegenthaler, der, wie Siegenthaler selbst sagt, ,,theoretisch alles konnte, nur die Technik hat manchmal nicht so mitgespielt''.

Ottmar Hitzfeld

Ottmar Hitzfeld: eine neue Hitzfeld-Mannschaft, bitte! (© Foto: dpa)

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Urs Siegenthaler ist mit Selbstironie begabt, er kann sie sich auch leisten. Als Vertrauter von Bundestrainer Löw ist der Chefscout und Trendspäher zu einer stillen Größe im deutschen Fußball aufgestiegen, und es ist kein Geheimnis, dass ihn auch der neue, alte Bayern-Trainer gelegentlich in Taktikfragen konsultiert. Sollte Hitzfeld in diesen Tagen auf die Idee kommen, den alten Kumpel anzurufen, könnte er sich ein paar tröstliche Worte anhören. Siegenthaler könnte ihm nämlich sagen, dass Mittelfeldspieler heute ,,Mehrfachqualitäten'' brauchen; dass die Champions-League zeigt, dass ,,jeder Mittelfeldspieler den entscheidenden Pass spielen sollte''; dass, mit anderen Worten, die klassische Nummer zehn ein klassisch deutsches Thema ist - und dass es im modernen Fußball kein Nachteil sein muss, keine Nr. 10 zu haben.

Es ist in den Transferkampfdebatten der letzten Tage ein bisschen untergegangen, dass sich der FC Bayern gerade an der teuersten Kurskorrektur des deutschen Fußballs versucht. Unter Schmerzen haben die Verantwortlichen einsehen müssen, dass anstelle des ausgerufenen Übergangsjahrs ein verlorenes Jahr Eingang in die Klubchronik findet; dass von der kreativen Anarchie, die nach Michael Ballacks Abgang das Mittelfeld befeuern sollte, nur die Anarchie übrig geblieben ist. Kein Santa Cruz hat das Spiel geprägt, kein Karimi, kein dos Santos. Und kein Schweinsteiger auch nicht.

Wer die Indizien der letzten Tage richtig deutet, bekommt eine erste Ahnung davon, wie der Trainer Hitzfeld seinen FC Bayern in der kommenden Saison spielen lassen möchte. Zwar hat die hauseigene Personalabteilung die Hoffnung auf einen kreativen Spielbestimmer keineswegs aufgegeben; intern kursiert unter anderem der Name des Ajax-Strategen Wesley Sneijder, der seine Interessen ebenso wie der Hamburger van der Vaart vom bayernnahen Agenten Sören Lerby vertreten lässt. Entweder wolle man künftig ,,über die Außen ganz stark sein oder zentral mit einer Nummer zehn spielen'', so ließ sich Hitzfeld am Mittwoch auf der Bayern-Homepage zitieren - intern aber wappnen sie sich schon für den Fall, dass sie die offensive Mittelfeldzentrale mangels geeigneten Personals künftig großräumig umfahren müssen.

Luca Toni ist von Anfang an der Wunschspieler des ehemaligen Stürmers Hitzfeld gewesen, und die Einigung mit dem italienischen Weltmeister sowie das Interesse an Miroslav Klose sind ein klarer Hinweis darauf, wie sich Hitzfeld seinen neuen FC Bayern bauen will. Er will die Mannschaft von vorne bauen. Er möchte dem zuletzt erschütternd ziellosen Spiel wieder eine Richtung und eine Zuspitzung geben, und dazu braucht er Angreifer, die verlässlich die gefährlichen Regionen besetzen - anders als der rätselhafte Roy Makaay, der zwar Tore schießen kann wie ein Torjäger, aber nicht so spielt. Ein Torjäger wie Luca Toni ist auch dann eine latente Bedrohung für den Gegner, wenn er gerade mal nicht am Ball ist. Ein Torjäger bindet dann im Strafraum wenigstens die Abwehrspieler, während der intern als Problemfall ausgemachte Makaay allzuoft nur seine Schnürsenkel band, irgendwo am Flügel.

Wer die Karriere des Trainers Hitzfeld verfolgt hat, der weiß, was er für Manschaften mag. Er mag Mannschaften, die Ausstrahlung haben, eine definierte Achse und eine strenge körperliche Präsenz, und er mag Mannschaften, die so gut rechnen können wie ihr Trainer, der studierte Mathematiker. Ottmar Hitzfeld weiß, dass er für die Mühen der Ebene Spieler braucht, die zunächst mal ein sicheres 2:0 gegen Hannover oder Bielefeld im Repertoire haben. Er will sich eine Elf bauen, die über die Pflicht zur Kür finden kann, und spätestens seit den letzten beiden Spielen weiß Hitzfeld, dass er zurzeit nichts davon hat.

Die erschütternde Erkenntnis der Inventur ist, dass sie keine Zeit haben, eine Elf zu entwickeln, die in zwei oder drei Jahren in voller Schönheit erblüht. Deshalb wollen die Bayern jetzt mit dem Kopf durch die Wand - im übertragenen und im ganz direkten Sinne. Mit Wucht und Athletik soll Luca Toni den Klub zurück in die Champions League köpfen, und so vertraut der FCB in der Not einem aus Ballack-Zeiten vertrauten Spielstil und den alten Personalreflexen. Experimente trauen sich die Klubentscheider in dieser Situation weniger zu denn je, und so finden sich unter den 1000 gehandelten Flankengöttern (Jansen, Zé Roberto, Robben), die Bälle auf Tonis Kopf schaufeln könnten, 1000 bekannte Namen. ,,Eine Präferenz für den FC Bayern'' sei bei seinem Klienten Marcell Jansen zu erkennen, sagte gestern Gerd vom Bruch, der Berater des Nationalspielers.

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