Manager Uli Hoeneß sieht die Bayern nach drei Ligasiegen in Folge wieder "bei den Leuten" und lobt Aufsteiger Hoffenheim - nur Lukas Podolski rüffelt er wegen seiner verpassten Chance.
Tim Borowski stand nach dem Spiel im Sportunterhemd Rede und Antwort. Es ging los mit einer berechtigten, aber absurd formulierten Frage: "Müssen die Bayern immer erst in Rückstand geraten, um ein Spiel umzubiegen?" "Ja, logo" , hätte Borowski locker entgegnen können, es muss ja auch regnen, damit eine Wetterbesserung eintreten kann. Doch natürlich wusste der Mittelfeldspieler des FC Bayern, wie die Frage gemeint war. "Nein", sagte Borowski daher artig und leitete schnell über zur positiven Quintessenz des Abends: "Entscheidend war aber die Reaktion nach dem 0:1. Es hat sich gezeigt, dass wir ein Team mit Moral sind, das Gas gibt".
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Gib Pfote! Bayern-Trainer Klinsmann ist sichtlich erfreut über die starke Form seines Dauerrenners Franck Ribéry. Der Franzose ist fast wieder der Alte. (© Foto: Getty)
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Subtext: Wenn uns jemand reizt! Wie gegen Wolfsburg (4:2), entluden die Münchner am Mittwoch beim 2:1 in Frankfurt kräftige Energiestöße erst, als sie der Stromschlag eines Gegentors gekitzelt hatte. So kennt man sie seit Jahren, die Rotmänner. Die Dinge scheinen sich zu normalisieren bei den Klinsmannbayern.
Positive Körpersprache
Für den Rest der Republik ist das eher keine gute Nachricht. Gegen die hartnäckig verteidigende Frankfurter Notelf - die aktuelle Verletztenquote bei der Eintracht ist horrend - bewegten sich die Münchner Ergebnisumbieger zwar erneut auf dünnem Eis. Doch Trainer Jürgen Klinsmann war, anders als noch vor Wochen, "nie beunruhigt, denn nach dem 0:1 haben alle in die Hände geklatscht und gesagt: Okay, jetzt ist Zeit aufzudrehen!" Auch Bastian Schweinsteiger war "klar, dass wir das Spiel drehen". So reden Willensstarke mit breiter Brust. Das Mir san mir gelte wieder, sagt Manager Uli Hoeneß: "Wir mussten zeigen, dass wir dieses Gefühl noch haben!" Daher machte er zuletzt die "provokante" Kampfansage, trotz des Holperstarts noch Herbstmeister zu werden.
Nach drei Ligasiegen in Serie ist dies kein irrwitziges Ziel mehr. Klinsmanns neue Lieblingsvokabeln sind inzwischen: Rhythmus, fit, stabil. Ich hab's ja immer gewusst, schien sich der Trainer am Mittwoch zu denken: Wenn erst mal die Nachwehen der "komplizierten Vorbereitung" (Klinsmann) mit den EM-müden "Nachzüglern" überwunden sind, dann kommt in den englischen Herbstwochen "immer mehr Rhythmus. Die jetzigen Leistungen sind die logische Konsequenz unserer Arbeit, nun wollen wir auch an die Tabellenspitze", sagte Klinsmann. Er wirkte tiefenentspannt.
Zuletzt dokumentierten Stressfurchen in seinem Gesicht die harte Last des neuen Amtes. Doch Trends im Fußball, böse wie gute, sind zuweilen von flüchtig kurzer Dauer. Lehman Brothers kann kein Rückspiel mehr retten, die CSU hat erst in vielen Jahren wieder einen Reparaturtermin an den Wahlurnen. Anders der FC Bayern. Der war zwar auch in Frankfurt nicht völlig frei von Krisensymptomen, könnte nun aber schon am Samstag gegen Bielefeld, zack, das Mittelmaßgespenst vertreiben: "Wenn wir Arminia besiegen, sind wir wieder oben bei den Leuten dabei", hofft Manager Uli Hoeneß, obwohl er auch die neuen frechen Überflieger der Liga in den Rang eines ernstzunehmenden Rivalen erhob: "Hoffenheim wird sich nachhaltig in der Spitze etablieren und um die Meisterschaft mitspielen", so Hoeneß' Ritterschlag, "ich habe hohen Respekt vor ihrer Arbeit."
Baustelle defensives Mittelfeld
Seinen Trainer hatte Hoeneß zuletzt mit subtilen Ratschlägen ermuntert, bei seinem Reformprojekt das Mehr im Weniger zu entdecken ("Rom ist auch nicht an einem Tag erbaut worden"). Inzwischen vertraut Klinsmann einer Stammelf, die er nur noch punktuell ändert (in Frankfurt neu dabei: Borowski). Dennoch steht die Frage im Raum, ob der Kader im Winter an neuralgischen Stellen aufgerüstet wird. Anatoli Timoschtschuk, 29, von Zenit St.Petersburg, hatte im Uefa-Cup-Halbfinale im Frühjahr demonstriert, wie ein Sechser das Zentrum vor der Abwehr rigoros sichert. Im defensiven Mittelfeld könnte Bayern Stabilisierung vertragen, das zeigt die bisherige Saison.
Im Sommer hatte sich Hoeneß um den blonden Ukrainer bemüht, Petersburg verweigerte jedoch die Freigabe - und aktuell sei ein Timoschtschuk-Transfer "kein Thema", so der Manager am Donnerstag. Bestätigt hat Hoeneß italienische Avancen (angeblich: Juventus, Milan, Inter) für Bastian Schweinsteiger, "aber wir werden uns einiges einfallen lassen, um ihn zu halten". Auch Zé Roberto soll zur Vertragsverlängerung überredet werden. Der ursprüngliche Vorsatz des Brasilianers, 2009 zu gehen, ist nicht mehr in Stein gemeißelt: "Zé ist ein sehr emotionaler Mensch, wenn seine Gefühlslage passt, dauern die Verhandlungen sieben bis zwölf Minuten", hofft Hoeneß.
Kritik an Podolski
Einen Manager-Rüffel kassierte Luca Tonis Stellvertreter im Sturm, Lukas Podolski: "Er hat zwei Chancen nicht genutzt", urteilte Hoeneß hart, "das Problem ist: Wer im Nationalteam zwei Tore gegen Liechtenstein macht, wird hochgejubelt". In Wahrheit, findet Hoeneß, sei Podolskis Leistungsdiskrepanz zu Bayerns anderen Nationalspielern (Klose, Lahm, Schweinsteiger) "gravierend".
Vor einigen Wochen noch war Zé Roberto beim FC Bayern der einzige Spieler in Hochform. Jetzt sind es wieder deutlich mehr - was, ganz banal, den Aufwärtstrend erklärt. Miroslav Klose, in Frankfurt Torschütze zum 1:1, stürmt wieder mit erhobenem Haupt, Schweinsteiger wuselt aufgedreht umher. Und der Schlüsselfaktor: Franck Ribéry führt wieder kraftvoll vor, warum ihn die Fifa soeben als einzigen Bundesliga-Profi in die Wahlvorschlagsliste zum "Weltfußballer des Jahres" aufnahm. Der Franzose ist für Bayern "mit seinem Spielwitz unersetzbar", sah Klinsmann auch am Mittwoch. Eine der impulsiven Einzelaktionen Ribérys bereitete das 1:1 vor, das 2:1 erzielte er selbst.
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(SZ vom 31.10.2008/jbe)
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