Hauptversammlung des FC Bayern Kuschelalarm mit Freibier

Alles so harmonisch: Auf der Jahreshauptversammlung des FC Bayern gibt es kein Gepöbel und Gemecker, sondern lauter gute Laune. Stolz präsentiert der Klub seinen Rekordumsatz von 332,2 Millionen Euro. Uli Hoeneß wird als Präsident wiedergewählt - und verspricht den braven Mitgliedern am Ende sogar Freibier.

Der Liveticker zum Nachlesen von Jonas Beckenkamp

Nach der Verabschiedung von Vizepräsident Bernd Rauch wiedergewählt: Präsident Uli Hoeneß.

(Foto: dpa)

Ist es draußen schmuddelig kalt, lädt der FC Bayern zur Jahreshauptversammlung: Im vergangenen Jahr rief Uli Hoeneß die Veranstaltung zum "Hort der Glückseligkeit" aus, doch das diesjährige Mitgliedertreffen übertrumpft in Punkto Harmonie alles bisher Dagewesene. Die Bayern verkünden stolz den Rekordumsatz: Mit 332,2 Millionen Euro im Geschäftsjahr 2011/12 erlöste die FC Bayern München AG so viel wie noch nie in der 112-jährigen Vereinsgeschichte. Unter dem Strich fuhr der FCB nach Abzug aller Steuern einen Gewinn von 11,1 Millionen Euro ein. Konsolidiert erreichten die AG und die Allianz Arena Stadion GmbH sogar einen Konzern-Umsatz von 373,4 Millionen Euro. Nach der Verkündung des Zahlenpakets hält Hoeneß eine launische Rede, plaudert über das Nachtleben von David Alaba und Franck Ribéry - und wird anschließend als Präsident wiedergewählt. Konfrontationen mit den Fans gibt es in diesem Jahr keine, obwohl die aufgekommenen Sicherheitsdebatten in den vergangenen Tagen durchaus Streitpotential hatten.

23:16 Uhr

Die ersten Mitglieder verlassen schon die Halle - irgendwie verständlich, denn hier dürfte bis auf das Ausschenken von Freibier nichts mehr passieren. Zeit für ein Fazit: Wie harmonisch kann eine Jahreshauptversammlung eigentlich sein? Gestritten wurde hier so wenig wie beim Kaffeekränzchen des örtlichen Bingo-Klubs, alle haben sich gern und Uli Hoeneß bleibt wohl auch die nächsten zehn Jahre Präsident. Dem FC Bayern geht es wirtschaftlich blendend, auch sportlich läuft alles nach Plan. Wir will da schon streiten? Etwas verwunderlich bleibt, dass die Debatte mit den Fans aus der Südkurve nicht etwas emotionaler geführt wurde. Hoeneß beendet den Abend mit weiteren guten Wünschen - Pech haben jetzt nur diejenigen, die mit dem Auto nach Hause müssen. Für den Rest gilt: Anstellen beim Freibier.

23:09 Uhr

Tut sich hier noch etwas außer Klamauk? Es kommt ein Mann zum Thema "Pyrotechnik und Matthias Sammer" - Hoeneß schmunzelt: "Ich weiß nicht, was das eine mit dem anderen zu tun hat?" Der Redner in Bayernkluft lobt das Präsidium und  Sammer überschwänglich. Und die Pyrotechnik? "Das G'lump habe ich nie gebraucht. Meiner Meinung nach ist das für Fankultur nicht notwendig." Zustimmender Applaus - auch die Ultras scheinen bereits zu müde zu sein für eine feurige Debatte. Auch der nächste Vorträger berichtet über das Thema Bengalische Feuer. Sein Anliegen: Wer die Dinger zündet, sollte denunziert werden. Das würden Teile der Ultras in Deutschland sicher anders sehen, aber das hier ist eben der FC Bayern. Da scheint die Pyro-Debatte kein Streitpunkt zu sein.

22:56 Uhr

(Foto: Bongarts/Getty Images)

Dem nächsten Redner geht es um Toiletten auf dem Busparkplatz, Abfalleimer im Stadion und Freiheit in der Südkurve. Was er genau für die Fankurve will, wird nicht ganz klar. Immerhin branden kurz Rufe von den Rängen auf: "Südkurve, Südkurve!" Wo waren diese Fans eigentlich, als Hoeneß vorher die durchaus brisante Thematik der Zugangsbedingungen im Fanblock ansprach? Offenbar hat man sich auch auf Seiten der Anhänger darauf verständigt, die Probleme beim angekündigten Treffen mit dem Präsidenten zu klären. Und wo bleibt überhaupt das Freibier?

22:46 Uhr

Weiter geht's mit einem Herren, der vor allem durch seine fahrige Art auffällt. Der FC Bayern sei eine "Religion und uns alle verbindet doch einiges an Werten" ist noch das Verständlichste, was er zu sagen hat. Ihm folgt eine ziemlich kesse Jura-Studentin, die zwei überaus interessante Anliegen äußert: Sie wünscht sich, dass in Zukunft an allen Spieltagen der Bayern die Arena in Rot leuchtet (Hopfner: "Wir werden uns darum kümmern") und dass die Netze hinter den Toren verschwinden (Hoeneß: "Es kann nicht sein, dass Gegenstände aufs Spielfeld fliegen, daher: nein").

22:34 Uhr

(Foto: Bongarts/Getty Images)

Naja, vielleicht doch nicht China: Bevor es zu den "weltberühmten Wortmeldungen" (Zitat Hoeneß) kommt, verkündet der Präsident noch schnell, dass es gleich Freibier geben werde, da der Abend so harmonisch verlaufe. Demokratie und Gerstensaft. Herrlich. Das findet wohl auch der erste "Büttenredner": Ein tief-bayerischer Waldschrat betritt die Bühne und ruft: "Mia san in allen Disziplinen Erster, dafür vielen Dank!" Alle Disziplinen? Er meint wohl Liga, Pokal und Champions League. Es zeigt sich: Sein Vortrag zur "allgemeinen sportlichen Lage" (so der Titel seiner Wortmeldung) gerät zur originalen Lederhosen-Show. Ob der Mann gleich noch von einem Weizenstutzen auf die Torwand schießt? Oder ein Gedicht vorträgt? Zuzutrauen wäre es ihm. Er schließt mit Worten, die auch seiner Rede gelten könnte: Vergelt's Gott.

22:19 Uhr

(Foto: dapd)

Die Wahl des Präsidiums geht dann schnell: Zahlreiche Arme schnellen bei "dafür" in die Höhe, nur Wenige aus der Ecke des Club Nr12 zücken ihr Kärtchen für "dagegen". Damit wird Hoeneß als Präsident bestätigt, während Hopfner zum Vize-Präsidenten gewählt wird. Ebenfalls zum Vize erklärt wird Schels, dessen Werberede für sich selbst offenbar funktioniert hat. In der Halle geht es jetzt zu wie im Klassenzimmer: Menschen heben zu zahlreichen weiteren Entscheidungen die Hände oder enthalten sich. Wichtig sind die genauen Wahlergebnisse ohnehin nicht - denn hier gibt es kaum Gegenstimmen. Also doch wie in China.

22:10 Uhr

(Foto: dpa)

Nach ein wenig bürokratischem Ablaufgeplänkel betritt der designierte neue Vize-Präsident Rudolf Schels die Kanzel. Der Unternehmer aus Regenburg soll einer der Nachfolger von Scherer und Rauch werden - und er startet eine Werbeoffensive in eigener Sache. Er sei dem FC Bayern eng verbunden, besitze den Segen des Präsidenten und könne sich die Aufgabe gut vorstellen. So weit, so brav. Ein wenig fremdelt die Menge noch mit dem möglichen Neuen, aber dann gibt es höflichen Beifall.

21:58 Uhr

Hoeneß schließt seinen launigen, warmherzigen Vortrag mit einem "Bonbon", wie er es selbst nennt, über David Alaba und dessen Ausflüge ins Münchner Nachtleben. Wo er denn da nachts immer so unterwegs sei mit Franck Ribéry, habe er den jungen Wiener gefragt. "Darüber muss ich erst nachdenken," habe Alaba in breitem Wienerisch geantwortet. Am nächsten Tag habe Hoeneß ihn erneut gefragt, woraufhin der Österreicher sagte: "Nirgends. Da muss Ribéry mit einem anderen Schwarzen um die Häuser ziehen." Die Halle klopft sich kollektiv auf die Schenkel und selbst Hoeneß muss noch einmal selbst über die Episode lachen. So ist also derzeit beim FC Bayern die Atmosphäre. Nicht einmal ein paar FC-Hollywood-Allüren sorgen für schlechte Laune. Die Mitglieder sind jetzt rundum zufrieden, schließlich werden sie hier bestens unterhalten. Ernsthaftes Gezanke ist nunmehr schwer vorstellbar.

21:42 Uhr

Dann kommt Hoeneß zu den drängenden Fragen des Tagesgeschäfts: Die jüngsten Attacken von Louis van Gaal oder Theo Zwanziger. "Selbst Querschüsse aus Holland oder Altendiez können uns nichts anhaben. Mein Geduldsfaden ist arg angespannt, aber er hält derzeit selbst solche unsachlichen Angriffe aus," sagt der Präsident und verkneift sich an dieser Stelle bewusst eine Revanche gegen seine Kritiker.

Auch die Fan-Debatte um die Probleme im Block 112 der Arena spricht er an. Dort mussten die Ultras zuletzt erschwerte Zugangsbestimmungen über sich ergehen lassen. "Ich habe einen Brief vom Club Nr12 (einer Fanklub-Vereinigung, d. Red.) bekommen. Ich habe ihnen mitgeteilt, dass wir offene Ohren haben für ihr Anliegen wegen der Fanblock-Thematik. Darauf habe ich versprochen, dass wir uns zusammensetzen, um im Rahmen der Gesetze Lösungen zu finden," sagt Hoeneß. Er klingt versöhnlich. Von den Rängen schreit einer: "Das wollen wir auch!" Darauf Hoeneß: "Dann haben wir ja eine gute Basis." In der Halle macht sich Gemütlichkeit breit.

21:35 Uhr

"Dass der FC Bayern derzeit mit solchen Zahlen da steht - dafür kann man den Leuten im Vorstand gar nicht genug danken. Es ist ein Traum, Präsident dieses Vereins zu sein," sagt Hoeneß nicht ohne Stolz. "Wir haben eine Analyse gemacht und neue Spieler geholt, die hier heute alle beklatscht wurden." Der Präsident ist jetzt in seinem Element. Erfolgreiches Wirtschaften und sportlicher Erfolg - das gefällt Hoeneß. "Ich glaube auch, dass wir mit Matthias Sammer einen sehr fähigen Ersatz für Christian Nerlinger als Sportvorstand geholt haben," so der Präsident unter großem Beifall. Er habe kein Problem mit Nerlinger, doch der sei wohl einfach zu unerfahren für den Job als Sportdirektor gewesen. Ausführliches Lob erfährt auch Trainer Jupp Heynckes: "Schade, dass er nicht hier ist, denn er hätte eine Menge Applaus verdient."

21:25 Uhr

Hoeneß beginnt mit weiteren Frotzeleien Richtung Giesing: "Ich hörte, dass 1860 endlich ein eigenes Stadion bauen will. Für mich gilt weiter: An dem Tag, wo sie raus sind, werden wir sie mit einer Blaskapelle verabschieden - und ich werde vorneweg marschieren." Solcher Populismus erfreut die Masse, sie gröhlt verzückt.

21:23 Uhr

(Foto: dpa)

Es folgt großes Schulterklopfen und stehender Beifall. Hopfner darf sich wieder setzen und Hoeneß legt noch ein paar Nummern drauf. Offizielle Mitglieder: 187.865, Fanklubs: 3202 - "stolze Zahlen," wie der Präsident findet. Dann schreitet er selbst zum Mikrofon für seine große Rede. Bastian Schweinsteiger wird unterdessen ebenso aus der Halle verabschiedet wie die Basketballer - schließlich stehen sie vor großen Aufgaben am Wochenende.

21:17 Uhr

Aber im Ernst: Was macht der Klub mit dem ganzen Gewinn? 5,5 Millionen schütten die Münchner als Dividende an ihre Anteilsinhaber aus, 4,5 Millionen leitete man direkt an den eigenen e.V. weiter. Auch Vater Staat darf sich über die reichen Bayern freuen: 111,3 Millionen Euro Steuergelder fließen in die Kassen. Hopfner sagt: "Das sind bemerkenswerte Zahlen, aber wir dürfen nicht den sportlichen Erfolg vergessen: Je mehr Pokale hier stehen, umso besser fallen auch die Zahlen aus."

21:11 Uhr

(Foto: Bongarts/Getty Images)

Es sind beeindruckende Zahlen, die Hopfner da ganz nüchtern vorliest: Der Verein steht wirtschaftlich so gut da wie noch nie. Zum Vergleich: Vergangenes Jahr hatte die AG des Klubs 328,5 Millionen erwirtschaft, im Jahr davor lautete der bisherige Rekord 350,2 Millionen. Das aktuelle Eigenkapital des FC Bayern beträgt derzeit 278,3 Millionen. Dafür könnte man sich mindestens Zlatan Ibrahimovic UND Lionel Messi leisten. Oder zumindest die ganze Mannschaft von Borussia Dortmund.

21:07 Uhr

Und dann ist es endlich so weit: Karl Hopfner wird von Rummenigge ans Podium gelobt - dort lässt der Vize-Vorstand die Zahlen aus dem Sack. "Wieder einmal darf ich Ihnen einen Rekordumsatz mitteilen. Der Jahresumsatz der AG inklusive der Allianz Arena München Stadion GmBH beträgt 373,4 Millionen Euro. Ohne die Arena GmbH sind es 332,2 Millionen. Lauter Beifall und "Jaaaaoooo-Rufe". Doch dem nicht genug: "Unser Gewinn beträgt 11,1 Millionen Euro - auch soviel gab es noch nie in einem Jahr." Wieder jubelt das Fan- und Mitgliedervolk.

20:55 Uhr

Einmal beim Schwärmen angelangt, gönnt sich Rummenigge noch einen Ausflug zum TSV 1860 München. "Kurz zu 1860," sagt er, ehe laut gebuht wird. "Buhen sie nicht, es gibt Positives zu berichten: Als Mieter in unserem Stadion hat der TSV 1860 alle Zahlungen pünktlich und voll umfänglich geleistet." Das bejubeln die Zuschauer fröhlich. Doch mit dem "Löwen" will man sich hier gar nicht lange aufhalten. Rummenigge bleibt beim Sportlichen. "Unsere Mannschaft zeigt derzeit guten, erfolgreichen Fußball, sie macht einen stabilen Eindruck." Man solle aber deswegen nicht zu großer Euphorie verfallen, noch stünden wichtige Wochen bevor. "Hoffentlich machen wir es ein Stück besser als letzte Saison," sagt Rummenigge, "es wäre wunderschön, den Titel in der Liga zu holen. Das ist der wichtigste Erfolg." Dann widmet Rummenigge Fritz Scherer ein paar Abschiedsworte. Folgt nun endlich ein Gedicht? Nein, "vielen Dank für die 33 Jahre," sagt er. Und Bernd Rauch? "Ihm danke ich für seinen Einsatz im Zuge des Arena-Baus. Wenn ich daran vorbeifahre, freue ich mich jedes Mal. Nur manchmal muss ich dann die Verantwortlichen anrufen, damit ich das Stadion auch ja nie in Blau sehen muss." Wieder ein Seitenhieb gegen den TSV 1860 - die Halle dankt es mit Gejohle.

20:52 Uhr

"Seit gestern ist Uli Hoeneß übrigens bei Twitter dabei", verkündet Karl-Heinz Rummenigge nicht ganz ohne Ironie. Möglich, dass sich die Zwitscherfreunde im Saal trotzdem auf die Account-Suche machen. Ansonsten kümmert sie bisher nur die dargebotene Kost: "Was schon mal gut ist: Es gibt diesmal nicht nur Leberkässemmeln...", schreibt User LudwigR. Ansonsten ist da noch ein Seitenhieb auf das Länderspiel der deutschen Nationalmannschaft von User agitpopblog: "Bisher fussballerisch ansprechender als das Länderspiel gestern." Und das war schon das Aufregendste, was sich unter dem Hashtag "fcbjhv" derzeit auf Twitter verbirgt.

20:40 Uhr

(Foto: dapd)

Ach ja: Uli Hoeneß bekommt ein Benefizspiel von Rummenigge versprochen. Der Präsident feierte im Januar 2012 seinen 60. Geburtstag, das Spiel gegen einen namenhaften Gegner soll es im August 2013 geben - eher ein Geschenk der späteren Sorte. 

20:37 Uhr

Dann wird es spannend. Rummenigge nähert sich in seiner Rede den allseits erwarteten Rekordgewinn-Zahlen. Er spricht über Financial Fair Play und erlaubt sich gleich eine Spitze an die europäische Konkurrenz: "Unsere Homepage gibt es mittlerweile auf Aarabisch, Russisch und in vielen anderen Sprachen, damit uns unsere Freunde in Paris, London und Manchester auch verstehen." Er meint natürlich die Scheich - und Oligarchenklubs ManCity, Chelsea und Paris St. Germain. Und dann folgt Überraschendes: Rummenigge erzählt von ingesamt 5,3 Millionen Facebook-Freunden des FC Bayern - "mehr als alle anderen Klubs in der Bundesliga zusammen." Facebook? "Das dürfte besonders Uli Hoeneß interessieren," witzelt Rummenigge in Richtung seines als Internet-skeptischen Kollegen. Großes Gelächter. Erst recht, als Rummenigge auch noch von FC Bayern-Apps und Twitter berichtet. Man merkt ihm an: Auch seine Sache ist dieses ganze Internet nicht unbedingt.

20:31 Uhr

(Foto: dapd)

Wieder zurück zum Publikum: Erstmals gibt es kleine Zwischenrufe. Sie lauten "Butt Butt Butt" und sind zu hören, als Rummenigge an zuletzt ausgeschiedene Spieler erinnert. Dabei fällt auch der Namen Breno, über den der Bayern-Boss sagt: "Wir hoffen, dass er eines Tages wieder zurück zur Bayern-Familie stößt." Danach brandet Beifall für die Neuen auf: Mandzukic (großes Geklatsche), Shaqiri (mittleres Geklatsche), Dante (großes Geklatsche), Pizarro (Gejohle) und Javier Martínez (verhaltenes Geklatsche). Als "engagierten, qualifizierten und fleißigen Vorstand" bezeichnet Rummenigge dann einen anderen: Matthias Sammer, dessen lichter Hinterkopf aus einer der ersten Reihen nach hinten durchschimmert. Ein Gedicht wie einst für Beckenbauer erspart sich Rummenigge. Ein Glück!

20:27 Uhr

Hier steht die Verkündung noch aus, doch der Rekordumsatz des FC Bayern wurde bereits über die Medien bekannt: Die angekündigten "fantastischen Zahlen" bekommen mit fast 333 Millionen Umsatz nun ein Gesicht. In der Vereinsgeschichte ist das eine historische Marke.

20:23 Uhr

Kleiner Schlenker an den Wortmeldungen-Tisch: Dort sitzen gleich sechs (!) Mitarbeiter und warten auf Kundschaft. Doch während Rummenigge spricht, scheint keiner so recht Lust zu haben, sein Anliegen anzumelden. Stattdessen: Wohlige Novemberstimmung, braver Beifall und angestrengtes Zuhören. Gab es jemals eine harmonischere Jahreshauptversammlung?

20:10 Uhr

Jetzt soll es endlich ums Sportliche und um die entscheidenden Bilanzen gehen. Rummenigge stapft ans Rednerpult, seinen Vortrag beginnt er nüchtern mit dem Verweis auf Platz zwei in der abgelaufenen Bundesliga-Saison. "Das ist eigentlich kein Drama," sagt er. Weil aber im DFB-Pokal und in der Champions League ebenfalls nur der erste Verliererplatz heraussprang, kommt beim Vorstandsvorsitzenden keine rechte Euphorie auf. Und dann fällt noch einmal das Wort "Drama" - bei Rummenigges Erinnerung an das verlorene Finale gegen Chelsea. Dreimal Zweiter, das "sollte für uns nicht die Norm sein," bilanziert Rummenigge mahnend. In der Halle traut sich keiner zu widersprechen, und man spürt am zurückhaltenden Beifall: Der Verein braucht bald wieder sportlichen Erfolg.

19:58 Uhr

Hoffnungen, dass es sogleich aufregender wird, zerstreut der nächste Reder sofort: Fritz Scherer, ebenfalls Vereins-Vize, sagt: "Ich muss leider gleich mit reichlich Zahlenmaterial anfangen". Zahlen? Aber ja doch! Schließlich war doch vor dieser Veranstaltung schon von Rekordgewinnen und Mega-Umsatz die Rede. Doch Scherer verkündet lediglich die Einnahmen und Ausgaben des FC Bayern e.V.  - er erzählt von Betriebskosten, Abschreibungen, Gehältern und Finanzanlagen. Die Zahlen hören sich durchweg gut an, es geht in die Tausende und Millionen, doch die entscheidende Nummer ist hier noch nicht dabei: Der von allen erwartete Rekordumsatz der FC Bayern AG. Scherer, der ebenfalls nicht mehr kandidiert, erklärt zum Abschied von seiner Tätigkeit als Vize noch einmal seine Liebe zum Verein. Und er zählt seine eigenen Erfolge auf: Unzählige Meistertitel, Pokale und Siege - was man halt so in 33 Jahren Vereinszugehörigkeit mitnimmt.

19:47 Uhr

(Foto: dpa)

Rauch schließt seinen salbungsvollen Vortrag mit warmen Abschiedsworten, schließlich scheidet er ab sofort aus seinem Amt als Vize aus. Es ergehen Dankeswünsche, Liebesschwüre für den Sport und Huldigungen für die Amateurarbeit des Klubs. Als der 72-jährige Rauch fertig ist, drückt ihn Hoeneß an seinen runden Leib, einige Zuschauer erheben sich und es ertönt lauter Beifall. Hat denn hier niemand etwas Kritisches zu sagen? Der schlafende Besucher auf den Rängen hat es sich inzwischen richtig bequem gemacht.

19:36 Uhr

Besonders ausführlich widmet sich Rauch den Basketballern des Vereins. Die Entlassung von Trainer Dirk Bauermann bezeichnet er als "konsequent und unausweichlich". Die Ziele seien insgesamt erreicht worden, sportlich wie wirtschaftlich laufe das Projekt in positiven Bahnen und auch die Sponsoren seien weiter mit an Bord. Besonderer Dank gehe an "Audidas". Rauchs freudscher Versprecher sorgt für großes Gelächter. Er rettet sich und sagt: "Sehen Sie, so sehr ist mir das schon in Fleisch und Blut übergegangen."

Apropos Fleisch und Blut: Wo sind eigentlich die emotionsgeladenen Fans? Die Jubler, die Buhrufer, die Kämpfer gegen Preiserhöhungen und großen Mahner? Sie scheinen sich bisher zurückzuhalten, denn es ist beinahe gespenstisch ruhig. In der Reihe hinter den Presseplätzen nickt einer ein. Träumt er schon von der Weihnachtsgans?

19:25 Uhr

Wer hier mit einem munteren Rambazamba zu Beginn gerechnet hat, wird enttäuscht. Nach einer kurzen Einführung von Hoeneß spricht Vizepräsident Bernd Rauch über Erfolge im Amateurbereich, Kegeln, Schach oder Seniorenfußball. Es fällt der Satz: "Die Saison unserer Seniorenfußballer verlief wieder sehr erfolgreich." So hört sich das wohl auch bei der FC Tirschenreuth oder beim TSV Kareth-Lappersdorf an. Dass Vereinsversammlungen beim großen FC Bayern ähnlich klingen, macht den Klub irgendwie irdisch.

Es folgen Ausführungen über Tischtennis und Kunstturnen - es geht um Abteilungsleiter, Frauen-Teams und Erfolge im Jugendbereich. Da bleibt Zeit für einen Blick an den Rand der Zuschauerränge. Dort tragen drei Angestellte die Reden in Gebärdensprache vor. Einer von ihnen sieht aus wie Louis van Gaal. War der nicht gestern noch in Amsterdam als Bondscoach tätig?

19:09 Uhr

(Foto: Bongarts/Getty Images)

Pünktlich wie die Handwerker finden sich die Vereinsoberen auf dem Podium ein - es geht los. Verhaltener Applaus und viele Kamerablitze. Ein bisschen wirkt die Szenerie wie auf dem Parteitag der chinesischen KP. Aber hier sind keine Parteifunktionäre am Werk, sondern Verantwortliche eines Fußballklubs, daran sollte man sich erinnern. Als erster schreitet Uli Hoeneß ans Rednerpult. Seine Kopfröte bisher: dezent menschlich-rot. Zornesröte sieht bei ihm gewiss anders aus. Ein erstes Raunen durchzieht die Halle, als der Präsident verkündet, dass Ehrenpräsident Franz Beckenbauer nicht mit von der Partie sein kann. Den ersten lauteren Applaus erntet dagegen Bastian Schweinsteiger, der als einziger Spieler gekommen ist. Der Rest der Mannschaft muss sich nach den Länderspielen unter Woche zu Hause ausruhen. Das gelte auch für Trainer Jupp Heynckes, den eine Grippe plagt. Ist überhaupt jemand aus dem Fußballbereich da? Ja, Matthias Sammer darf seine erste JHV erleben.

19:01 Uhr

Beinahe unbemerkt betreten die Basketballer des FC Bayern den Innenbereich, was etwas überraschend ist, schließlich sind sie fast durch die Bank über zwei Meter groß. Doch das Volk interessiert sich eher für andere: Hinter dem Wortmeldungen-Stand wartet bereits der Vorstandsvorsitzende Rummenigge. Muss er seine Rede etwa erst anmelden? Wohl kaum. Auch Hoeneß plaudert hinter einer Absperrung entspannt mit seinen Klubkollegen - ob er noch schnell Eigenwerbung macht? Schließlich wird ja heute auch der Präsident gewählt. Großer Favorit: Uli Hoeneß.

18:55 Uhr

Die Stimmung im Saal: Gespanntes Warten auf Rekordzahlen (wahrscheinlich), erheiternde Reden (sehr wahrscheinlich),  Wutausbrüche (nur wenn der Präsident gereizt wird) oder auch holprige Gedichte (nur wenn Karl-Heinz Rummenigge gut drauf ist). Überhaupt: Wer ist eigentlich alles da? Bisher belagern das Podium nur zahlreiche Fotografen in der Hoffnung auf ein feines Bildchen der Vereinsprominenz zu Beginn. Links von der Bühne befindet ich übrigens ein Ständchen, wo Mitglieder um Wortmeldungen ansuchen können - in Köln würden sie so etwas Büttenreden nennen. Mal sehen, was es später alles zu hören geben wird. Diskussionsbedarf bestünde allemal, schließlich plagt den FC Bayern derzeit eine Debatte mit den eigenen Fans. Es geht um die Stimmung, Einlassvorschriften in den Fanblock und um die neuen Sicherheitsvorgaben durch die DFL.

18:54 Uhr

(Foto: dapd)

Auf einer Videoleinwand laufen die besten Szenen der vergangenen Champions-League-Saison - die endete bekanntlich mit einer schmerzlichen Niederlage gegen den FC Chelsea. Man stelle sich nur vor, was Präsident Uli Hoeneß heute für ein Triumphzug bevor stünde, wenn die Bayern den Pott damals geholt hätten.

18:52 Uhr

Im Publikum werden bisher eher ästhetische Aspekte diskutiert: Ein Zuschauer raunt beim Betreten der Arena direkt: "Ja mei, die Wände hätten sie schon schöner dekorieren können!" Antwort seines Begleiters: "Und kalt is'!" Damit dürfte die Ausgangslage klar sein: Wenn das die größten Probleme dieses Klubs sind, dann kann das hier eine heitere Angelegenheit werden.

18:45 Uhr

Guten Abend liebe Leser, Bayern-Fans und Freunde von Vereinsfolklore! Ja ist denn heut' schon Jahreshauptversammlung? Ja, es ist, obwohl die Halle der Bayern-Basketballer im Münchner Westen sich erst schleppend füllt. Das Publikum? Ältere Semester, die vermutlich schon die JHV 1976 live mit erlebt haben, aber auch jüngere Anhänger aus Fanklubs und Region. Und eines ist wohl auch beim FC Bayern nicht anders als bei den meisten Dorfklubs: Der Besucherkern ist überwiegend männlich.