FC Bayern entlässt Klinsmann Ende einer Dienstfahrt

Das Projekt Klinsmann beim FC Bayern München hinterlässt mehr als einen Verlierer. Scheitert nun auch Aushilfstrainer Heynckes, droht den Bayern ein immenser Schaden.

Ein Kommentar von Thomas Hummel

Jürgen Klinsmann ist einer, der sich nicht unterkriegen lässt. Ein Kämpfer, wie er selbst immer betont. Doch dieser 27. April 2009 ist in seiner Vita ein ganz bitterer Tag. Es ist ein Tag des Scheiterns, und Scheitern kommt für einen wie Jürgen Klinsmann normalerweise nicht in Frage.

Dem 44-Jährigen wurde vor allem die Eigenschaft des unbändigen Ehrgeizes in die Wiege gelegt. Sie hat den Bäckerbuben weit geführt. Zum Beispiel wurde er trotz limitierter Anlagen zu einem der besten Stürmer, die das Land je gekannt hat. Doch dieser Ehrgeiz hat ihn im Jahr 2008 eine schlimme Fehlentscheidung eingeflüstert: Werde Trainer des FC Bayern München!

Die Verbindung des Münchner Nobelklubs und des Schwaben Jürgen Klinsmann stand unter einem denkbar schlechten Stern. Bis zum Tag der Einigung galten die Parteien als in herzlicher Abneigung verbunden: In Erinnerung war die Zeit des Spielers Klinsmann in München mit den Schlaglichtern des Tonnentritts und einen Abgang mit den Worten "Nie wieder Bayern!" Ebenso die Streitereien um Torwart Oliver Kahn und dessen Torwarttrainer Sepp Maier (zwei Bayern-Ikonen!), als der Bundestrainer Klinsmann die beiden vor der WM 2006 ausbootete.

Die Fans jedenfalls schlugen die Hände über den Köpfen zusammen. Der Widerwille auf den Tribünen, sich mit diesem Anti-Bayern als Bayern-Trainer auszusöhnen, schuf von Beginn an eine unerquickliche Arbeitsatmosphäre, fast eine Stimmung des Misstrauens. Es belastete das Arbeitsverhältnis schwer.

Der Argwohn wuchs, als Klinsmann begann, diesen stolzen Klub umzukrempeln. Das Umfeld beäugte die Buddhas, die Ko-Trainer aus aller Welt, das nichtöffentliche Training. Und einige der innigsten Bayern-Anhänger ärgerten sich schlichtweg, dass sie bei einem Besuch an der Säbener Straße keinen Imbiss mehr nehmen konnten, weil beim Umbau das öffentliche Café zu einem nichtöffentlichen wurde.

Vielleicht sah sich Jürgen Klinsmann auch deshalb zu allerlei Versprechungen genötigt, die sich im Rückblick mit dieser Bayern-Mannschaft als uneinlösbar herausstellten: Rückkehr an Europas Spitze mit neuer, offensiver Spielanlage und besserer Fitness. Also irgendwann so spielen wie Manchester oder Barcelona. Dazu die jungen Talente entwickeln, um nicht immer viel Geld ausgeben zu müssen.

Das hörte sich nach einem klaren Plan an, und es stand wohl auch irgendwann mal so klar in irgendeinem Ordner. Doch es folgte kein klarer Weg, sondern ein Schlingerkurs, an dem Klinsmann sowie der bisherige Vorzeigevorstand des Vorzeigeklubs zu gleichen Teilen beteiligt waren. Denn das Vertrauen von Manager Uli Hoeneß und des Vorstandsvorsitzenden Karl-Heinz Rummenigge in ihren neuen Trainer bröckelte schnell, und als immer mehr Vertrauensbrocken offen herumlagen, nutzten das die Spieler für ihre Interessen. Eine fatale Gemengelage.

Plötzlich entstand der Eindruck, dass die Spieler dem Trainer die Taktik vorgaben. Lahm, Klose, Zé Roberto kritisierten Klinsmann öffentlich in Interviews und untergruben dessen Autorität nachhaltig. Im Streit mit Mark van Bommel ging der Niederländer als Sieger hervor. Der augenscheinlich von Klinsmann als nicht für gut befundene Mittelfeldspieler erhielt sogar kürzlich einen neuen Vertrag. Auch das war Teil der bisweilen unergründlichen Haltung der Münchner Chefetage zu ihrem einstigen Wunschtrainer. Das Ende kam nun zwangsläufig und vielleicht schon zu spät.

Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge stehen nun ebenso als Gescheiterte in der Fußball-Landschaft herum. Nun müssen sie beten, dass ihnen Aushilfstrainer Jupp Heynckes noch aus der Patsche hilft, sprich mindestens die Qualifikation zur Champions League rettet. Sonst ist der Schaden an Renommee und finanzieller Kraft erheblich. Noch einmal eine Reihe von Superstars zu verpflichten, wie nach dem vierten Platz im Jahr 2007 dürfte selbst für den FC Bayern schwierig werden. Und wer weiß, ob Franck Ribéry oder Philipp Lahm noch eine Uefa-Cup-Tour mitspielen wollen.

Den Machern hätte von Anfang an klar sein müssen, dass ein Umbruch à la Klinsmann ein Übergangsjahr benötigt. Dass man einem Trainer erst einmal eine Mannschaft nach seinen Vorstellungen zusammenstellen muss. (Kurioserweise sind sie mit den Verpflichtungen Timoschtschuk, Olic und Baumjohann genau auf diesem Weg.) Doch sehr schnell, zu schnell nagte der Zweifel an ihnen, ob sie ihren Verein in die richtigen Hände gegeben hatten. Der Zweifel, ob Jürgen Klinsmann ein guter Trainer ist.

Die furiosen Niederlagen in Leverkusen und Wolfsburg, vor allem die Demontage in Barcelona, wo Klinsmann seiner ersatzgeschwächten Mannschaft keine Strategie mitgab, ließen den Zweifel zur Gewissheit werden. Doch das vielleicht zum Trost des ehrgeizigen Jürgen Klinsmann: Noch ist Zeit für ihn, zu lernen. Für eine Lernphase ist der FC Bayern München allerdings der denkbar schlechteste Verein.

Der neue Klinsmann

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