Der Anfang unter Trainer Jürgen Klinsmann ist gemacht: Der FC Bayern verursacht beim Testspiel gegen SV Lippstadt 08 erst einen Verkehrsstau und siegt dann 7:1.
Als der Mannschaftsbus des FC Bayern München am Sonntag um 14.49 Uhr in der Barbarossastraße 3 in Lippstadt zum Stehen kommt, ist der Fußballtrainer Jürgen Klinsmann endlich wieder in seinem Element. Zwei Jahre und fünf Tage, nachdem am 8. Juli 2006 mit dem 3:1-Sieg im Spiel um Platz drei gegen Portugal das deutsche WM-Sommermärchen und Klinsmanns Bundestrainer-Ära zu Ende gegangen sind, entsteigt der stets lächelnde Schwabe im westfälischen Lippstadt dem noblen Vereinsgefährt und betritt im Stadion "Am Waldschlösschen" jenen Spielertrakt, in dem er seine erste Kabinenpredigt als neuer Trainer des FC Bayern halten wird.
Da war er, der große Augenblick: Jürgen Klinsmann nahm Platz auf der Bank und verfolgte sein erstes richtiges Spiel als Trainer des FC Bayern. (© Foto: dpa)
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Die Fußballnation hat sich 2006 am Feuer seiner Motivationsmonologe gewärmt, aber ausgerechnet im ersten Vorbereitungsspiel der Münchner vor einer großen Saison ist dieses Feuer gar nicht nötig, denn sie spielen mit einer viele Stars entbehrenden Mannschaft gegen den Sechstligisten SV Lippstadt 08. Um 17.50 Uhr haben sie das Spiel zum 100. Geburtstag des Gastgebers 7:1 (4:0) gewonnen. "Schön hier", sagt Jürgen Klinsmann hinterher, "ich war noch nie in Lippstadt."
Alle Eiswürfel beschlagnahmt
Der FC Bayern macht seine stolzen Gastgeber zunächst ein wenig unglücklich, denn erst versperrt der Mannschaftsbus dem Regionalverkehr 73 Wadersloh-Beckum die Durchfahrt, und dann beschlagnahmt die ambitionierte Physiotherapie im Vip-Raum des Vereinsheims auch noch sämtliche Eiswürfel zur Kühlung der wertvollen Belegschaft. Die wertvollsten Spieler freilich haben den Blitzausflug nach Ostwestfalen gar nicht mitgemacht.
Zwölf bedeutsame Fußballer und damit die Hälfte des von Klinsmann für abgerundet und gut befundenen Kaders dürfen nach kraftraubender EM verspätet in die Vorbereitung einsteigen. Ausgerechnet aus diesem freundlich gewährten Bonusurlaub forderte Stürmer Luca Toni am Sonntag via Interview weitere Verstärkungen zur Verwirklichung der auch international hehren Ziele. "Ich find's toll, dass Luca auch die Champions League im Blick hat", antwortet Klinsmann am Abend voller Güte. In Lippstadt genügt ihm das Basispersonal. Von den rund 8000 Zuschauern gibt es Applaus für den mit allerhand Amateurspielern aufgefüllten Kader, als die Bayern um 15.26 Uhr den Rasen zum Warmlaufen betreten.
Die von Klinsmann zusammengestellte und acht Männer umfassende Betreuerriege des FC Bayern dokumentiert erstmals in der Praxis die gewachsenen Ambitionen des Rekordmeisters und beeindruckt auch Lippstadts Trainer Holger Wortmann: "Für so viele Trainer fände ich hier gar keine Beschäftigung." Klinsmann findet genug. Um 15.31 Uhr betritt er Lippstädter Rasen, aber die Zuschauer sehen ihn kaum, denn er wird von einem enormen Schwarm von Fotografen und Kameraleuten umgeben.
Müller trifft drei Mal
Erst als er den Arm hebt und winkt, jault das Publikum und ruft seinen Namen. In der 3.Minute eröffnet der aus der Amateurmannschaft aufgerückte Offensivspieler Thomas Müller den vom Publikum beklatschten Torreigen. An seiner Seite darf der Münchner Gastspieler Joseph Ngwenya, 27, aus Simbabwe stürmen, aber die weiteren Tore zur 4:0-Pausenführung schießen Toni Kroos (21.), Andreas Ottl (23.) und wieder Müller (37.) - Miroslav Klose, Lukas Podolski und Luca Toni fehlen. Der einst an ihrer Stelle stürmende Karl-Heinz Rummenigge, mittlerweile Vorstandschef beim FC Bayern, hat das Gastspiel forciert, denn er stammt aus Lippstadt und wechselte vom örtlichen Klub nach München.
Ein noch bekannterer Bayern-Name aber schießt am Sonntag die meisten Tore: der Müller Thomas erzielt auch noch das Tor zum 5:0 (60.), Ottl (77.) und Amateurspieler Deniz Yilmaz (78.) treffen zudem - zwischendurch schießt Henning Chomse das Lippstädter Ehrentor zum 1:5 (75.). Der Sieg gerät ohne Mühen, "aber es war allemal schön, ein bisschen Spielpraxis zu bekommen", sagt Klinsmann nach dem Abpfiff. "Wir haben hier versucht, ein paar Dinge umzusetzen." So richtig los geht die Vorbereitung erst dieser Tage. "Und jetzt", sagt Klinsmann, bevor er aus Lippstadt wieder verschwindet: "Jetzt freuen wir uns auf unsere Nationalspieler!"
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(SZ vom 14.07.08/cag)
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