Der glanzlose FC Bayern schafft bei Hannover 96 nur dank seiner Ausdauerleistung ein 3:3.
Hannover - Drinnen im Bus saß längst der Manager mit seinem 90 Spielminuten unter Plexiglas gegrillten Charakterkopf. Uli Hoeneß trank Sprudelwasser, als der Arbeitnehmer Robert Kovac zustieg, mit nacktem Oberkörper. Uli Hoeneß ignorierte ihn. Draußen, am Hinterausgang, wählte Kovac' Mitspieler Sebastian Schweinsteiger eine Nummer nach der anderen, er sprach dabei nicht in sein Handtelefon, er grinste eher hinein. Und vorne vor der Frontscheibe stand Michael Ballack, er erzählte von der Kunst des Freistoßschießens, "Mehmet ist eigentlich so ein Spezialist", sagte er, Scholl also, der unter der Woche ein paar schöne Trainingsschüsse gezeigt hatte und im Freibad vom 3-Meter-Brett passable Salti rückwärts. Doch in Hannover ist Scholl am Samstag nicht gewesen. Der Rücken. Owen Hargreaves vertrat ihn am Samstag als Kunstschützen, und Michael Ballack fand das in Ordnung so, "denn er kann ja diese Dinger".
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So geht es hinterher zu beim Rekordchampion, wenn er eine kleine Blamage verhindert hat.
Was der FC Bayern diese Saison zu leisten in der Lage ist, möchte man nur ungern weissagen nach dem glücklichen und zugleich verdienten 3:3 in Hannover, das Hargreaves mit seinem gefühlvollen Tritt in der Nachspielzeit sicherstellte. Sollte man sie bewundern, weil sie trotz des 1:3 zur Pause und ungeachtet der Temperaturen noch einen Punkt retteten auf der staubigen Baustelle AWD-Arena (deren Tribünensitz manch einer nur über eine steile Leiter erreichte)? Eher ja, befand Ballack, "das war unsere erste richtige Prüfung unter extremen Bedingen, die Mannschaft hat sich zusammengerissen und Willen gezeigt". Das indes war nur die halbe Wahrheit.
Denn Hannover 96 hatte die Prominenz aus München eine Halbzeit lang durcheinander geschüttelt wie im Cocktailmixer, sie hatten mit ihr gespielt, sie beherrscht und auch ein bisschen gedemütigt. Nicht nur Ballack und sein fehlerhafter Schattenmann Hargreaves verloren sich im furiosen Konterspiel der 96er, das Publikum jedenfalls schrie eine Halbzeit lang vor Begeisterung; sie sprangen immer wieder auf, wenn ihr Heimkehrer Jan Simak die Verteidiger Linke und Kovac mit Übersteigern und Haken zu hilflosen Pirouetten zwang; oder wenn Jiri Stajner, Simaks tschechischer Landsmann und trinkfester Thekenpartner, erneut den Ball zwischen dem Profimagier Zé Roberto und Tobias Rau vorbeigeschoben hatte - und der Grundlinie zustrebte mit seinen raumgreifenden, tapsigen Schritten.
Nur manchmal setzten sich die staunenden Menschen hin. Wenn sie die vielen Eindrücke zu verarbeiten hatten in einer "annähernd perfekten ersten Halbzeit", von der später zurecht 96-Coach Ralf Rangnick sprach. Inklusive eines Freistoßes, der Hargreaves als Ideal gedient haben mag, Krupnikovic' frühem 1:0 (9.); mit dem zweiten Tor durch Stajner (27.) und Christiansens 3:1 (43.), das prompt dem von Keeper Tremmel begünstigten Anschluss Ballacks (39.) gefolgt war. "Drei Tore zuhause gegen Bayern", sagte Kapitän Altin Lala und zog die schmalen Schultern hoch, "das muss eigentlich reichen." Eigentlich.
Vermutlich hätten aber nicht einmal vier gelangt, denn so viele Tore schossen die Bayern, eigentlich. Doch Pizarro, kurz nach dem Wechsel zum 2:3 erfolgreich, musste sich von Referee Aust sagen lassen, seinem vermeintlichen Ausgleich (66. ) habe eine Abseitsposition im Wege gestanden. Ein böser Irrtum, der immerhin bewirkte, dass Giovane Elber wenigstens einmal kraftvoll auftrumpfte - zornig trat der Brasilianer den Ball in einem wunderbaren Bogen hoch auf die Tribüne. Er sah deshalb Gelb.
Das sind die Fakten eines lebendigen Duells, das nach dem Wechsel auch die Gäste bereicherten mit wachsendem Elan. Weil sie sich in einem Baucontainer (ein solcher dient hier zurzeit als Kabine) ordentlich die Meinung gesagt hatten, wie Ballack andeutete. Mag sein. Vor allem überließ ihnen Hannover jetzt das Terrain. Die Mannschaft hatte sich bei gut 40 Grad mit Leidenschaft verausgabt, sie verlor Idrissou per Platzverweis nach einem halbherzigen Schwinger gegen Linke (83.). Und zudem hatte Rangnick schon nach einer Stunde Simak und Christiansen vom Feld geholt. Seine Elf zog sich daraufhin weit zurück - zu weit. Nun durfte Bayern spielen. Der Ausgleich würde fallen, das war jetzt sicher.
Hannovers Manager Ricardo Moar nannte das späte 3:3 "kein Glück", sondern einen "Ausdruck ihrer Macht, das machen sie wie Real Madrid oder Barcelona". Dennoch ärgerten sie sich über den entgangenen Sieg, mit dem Schlusspfiff trat Rangnick einen Eimer Wasser um. Die Ambitionen wachsen in Hannover mit den aufstrebenden Grundfesten des neuen Stadions, doch an der vom Anhang ersehnten Aufnahme ins Establishment mochte die Mannschaft weder nach der Pause noch hinterher glauben. "Die Leute können so viel erwarten wie sie wollen", sagte Altin Lala abweisend, "für uns zählen erstmal die 40 Punkte". Der Klassenverbleib.
Die niedersächsische Zurückhaltung und Tremmels Unsicherheiten ersparten den Bayern letztlich eine erste Blamage. Pizarro und mit Abstrichen Zé Roberto ragten aus einem wenig homogenen Team heraus, dagegen absolvierte Sebastian Deisler bis zu seiner Auswechslung vermutlich eine weitere Einheit seines Rehaprogramms. Dennoch, ein erkämpfter Punktgewinn als Fortschritt? Niemand wollte das sagen, nicht Hoeneß ("Ich sag' nichts"), nicht der belebende Einwechselspieler Schweinsteiger ("Nö, sag' nichts") und auch nicht Ballack. Einen Durchmarsch wie in der Vorsaison werde es nicht mehr geben, erklärte er, "das passiert nicht jedes Jahr, das wird eine Ausnahme bleiben". Niemand hätte etwas dagegen.
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