Von Jürgen Schmieder

Wie Louis van Gaal und Uli Hoeneß mit dem Sieg in Lyon umgehen: Der FC Bayern ist nicht nur ein Fußballverein und ein Unternehmen, sondern vor allem eine Familie.

Nach dem Spiel griffen Uli Hoeneß und Louis van Gaal sogleich zum Telefon. 3:0 hatte der FC Bayern gerade gegen Olympique Lyon gewonnen und war ins Endspiel der Champions League eingezogen. Der Trainer van Gaal schickte sogleich eine Kurznachricht an seinen einstigen Übersetzer José Mourinho, der mittlerweile Trainer bei Inter Mailand ist. "Noch ein Spiel, dann treffen wir uns", war der Inhalt der SMS.

Louis van Gaal und Uli Hoeneß

Die Chefs der Bayern-Familie: Louis van Gaal und Uli Hoeneß auf dem Bankett in Lyon. (© Foto: Getty)

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Der Präsident des FC Bayern dagegen telefonierte mit Anatolij Timoschtschuk. Er wollte dem Mittelfeldspieler, der in München geblieben war, nicht die frohe Kunde vom Sieg verkünden - vielmehr wollte sich Hoeneß erkundigen, wie es dessen Frau Nadeschda geht. "Jetzt kann ich es sagen: Bei seiner Frau ist im sechsten Monat die Fruchtblase geplatzt. Beide Kinder sind gefährdet. Wir hoffen, dass alles gutgeht", sagte Hoeneß und widmete den Sieg der Mannschaft der Familie des Ukrainers.

Freilich muss man nach diesem formidablen Abend in Lyon die spielerische Leistung der Münchner Elf loben, die flüssigen Kombinationen und den dauerlaufenden Torschützen Ivica Olic. "Wir haben alle gemeinsam gut gespielt und ich musste alle drei Tore machen. Ich habe gedacht, Manchester war das Spiel meines Lebens, aber jetzt das Halbfinale war wieder so ein großartiges Spiel", sagte Olic nach dem Spiel.

Der Zusammenhalt, die mentale Stärke und der Charakter dieser Mannschaft, von der Trainer Louis van Gaal behauptet, er habe derartiges in 19 Jahren als Cheftrainer noch nicht erlebt, müssen ebenfalls erwähnt werden. "Wir haben die letzten Spiele Großartiges geleistet", sagte van Gaal. "Bayern kann jede Mannschaft schlagen, deswegen sind wir hier."

Um zu verstehen, wie diese Mannschaft, die im Herbst 2009 noch in eine Krise zu rutschen drohte mit einem Trainer, der Ballgeschiebe als hervorragende Spielkontrolle verkaufen wollte und anachronistische Verhaltensregeln als modernen Führungsstil, nun im Endspiel der Champions League stehen kann, genügen dieser eine Anruf und diese SMS. Der FC Bayern ist nicht nur ein Fußballverein und Unternehmen - er will auch eine Familie sein.

Trainer Louis van Gaal wäre in diesem Bild der gestrenge Vater, der seine Eleven nach seinen Wertvorstellungen erzieht. Der sich in schwierigen Momenten (von denen es im vergangenen Herbst einige gab) schützend vor sie stellt und sie in erfolgreichen Situationen (von denen es derzeit einige gibt) zurückholt auf den Boden. Und der natürlich, wenn seine Kinder etwas Besonderes auf dem Spielplatz leisten, in diesem Fall das Stade de Gerland in Lyon, den anderen Vätern (in diesem Fall Mourinho) stolz davon berichtet.

Die Kinder dieser Familie sind buntgemischt. Es gibt die kreativen, mitunter aber störrischen Künstler Franck Ribéry und Arjen Robben, es gibt die wild herumtollenden Kleinkinder Thomas Müller, Diego Contento und Holger Badstuber. Und es gibt die bereits erwachsenen Geschwister, die den Jüngeren sagen, was sie zu tun haben. Damit ist nicht nur Mark van Bommel gemeint, sondern auch Philipp Lahm und Bastian Schweinsteiger.

Dass die Familie zusammenhält, darüber wacht mittlerweile Großvater Uli Hoeneß - der sich den Begriff Großvater natürlich verbitten wird. Hoeneß ist nicht nur gewiefter Manager und Leiter der Abteilung Attacke beim FC Bayern, sondern einer, der sich rührend kümmert. Es gibt etwa Erzählungen eines ehemaligen Amateurspielers. Der berichtet von Hoeneß' Bürotür, die ständig offen stand, als er noch Manager war. Für jeden. Für die Nummer eins der Profis über die Nummer 25 der Amateure bis hin zum Greenkeeper der Allianz-Arena. "Wenn du abends um zehn bei ihm angerufen hast, weil der Fernseher kaputt war, dann hat er sich darum gekümmert", sagt der ehemalige Spieler der Regionalliga-Mannschaft.

In den vergangenen Jahren war der Familien-Gedanke beim FC Bayern ein wenig abhandengekommen, der Verein wollte sich zu sehr als modernes Unternehmen und Weltverein präsentieren. Erst in dieser Saison ist es den Verantwortlichen gelungen, eine Atmosphäre zu schaffen wie vor zehn Jahren, als die Münchner innerhalb von drei Jahren zwei Mal im Finale der Königsklasse standen.

Egal, ob diese Champions-League-Saison nun endet wie 1999 oder wie 2001 - der FC Bayern darf stolz auf seine Familie sein. Und darf anderen Familien per Anruf und SMS davon berichten.

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(sueddeutsche.de/dav)