Von Dominik Prantl

Beim 3:0 gegen Florenz lässt der FC Bayern in der Offensive den erhofften Vorwärtsdrang erkennen - und leistet sich in der Defensive etliche ungestrafte Fehler.

Es bedarf keines sonderlich feinen Gespürs, um die Stimmungslage von Fußballfans zu erfassen, erst recht nicht in der Arena des FC Bayern München. Der durchschnittliche Bayern-Fan ist seit jeher ziemlich wankelmütig, schnell eingeschnappt, aber auch stets bereit, den Sportlern in Stutzen zu vergeben. Als in der 28. Minute der Champions-League-Begegnung gegen den AC Florenz die Aufforderung aus der Südkurve schallte, jeder, der sich als Bayern-Fan fühle, solle sich doch bitte aufrichten (Kurz: "Steht auf, wenn ihr Bayern seid"), erhoben sich sogar viele auf der Haupttribüne, dort, wo standesgemäß die Anspruchsvollsten der Verwöhnten sitzen. Die Botschaft war klar: Heute sind wir gerne Bayern!

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Torschützen unter sich: Bayerns wiedererstarkter Miroslav Klose (re., diesmal ohne Salto) herzt Zé Roberto, der das 3:0 erzielte. (© Foto: dpa)

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Der letztlich zu deutliche 3:0-Sieg gegen Florenz entfaltete damit schon während des Spiels eine therapierende Kraft, die das zuletzt doch arg geschundene urbayerische Mir-san-mir-Gefühl zumindest in Teilen wiederherstellte. Der Sieg nährte nämlich nicht nur das Punkte- und Torekonto der Bayern in der einträglichen Champions League auf sieben und 5:1, sondern vor allem die mit Trainer Jürgen Klinsmanns Amtsantritt verbundenen Hoffnung auf Spektakel. Bislang war vom Fußball für Ästheten nur bei genauerem Hinsehen - ähnlich wie bei einem Gemälde - die Handschrift eines oder einiger weniger begabter Künstler zu sehen: ein wuseliger Zé Roberto, hin und wieder flankiert von einem erstarkenden Schweinsteiger. Je weiter man sich jedoch entfernte, um das Gesamtkunstwerk FC Bayern in Augenschein zu nehmen, desto unausgegorener, konfuser wirkte das Bild.

Bayerns starke Offensive

Gegen Florenz war erstmals so etwas wie ein harmonierendes Gefüge zu erahnen, zumindest in der Offensivabteilung. Da zirkulierte die Kugel zwischen Zé Roberto, dem immer noch etwas zurückhaltenden Franck Ribéry und Miroslav Klose. Bei Letzterem darf ausnahmsweise sogar die furchtbare Sportler-Vokabel "Leistungsexplosion" verwendet werden. Sie vollzog sich bereits in der 4. Minute, als der ungewohnt aufopferungsvolle Luca Toni ein ausnahmsweise vertikales Zuspiel Mark van Bommels per Kopf in den Lauf des Nationalstürmers nickte. Klose entledigte sich anschließend gekonnt des nebenher stolpernden Juan Manuel Vargas' sowie offenbar seiner Selbstzweifel und schob zum 1:0 ein.

Auf der rechten Seite wiederentdeckte Bastian Schweinsteiger das Spielgerät endgültig als gehorsamen Freund und durfte nach Ribéry-Flachpass und einem klassischen Schweini-Haken überlegt das 2:0 erschlenzen (25.). Entsprechend fiel der Beitrag Klinsmanns zu den ehemaligen Problemfällen aus: "Es ist offensichtlich, dass der Miro immer mehr kommt." Außerdem wandle sich "der Schweini immer mehr zum Wortführer innerhalb der Mannschaft", worauf natürlich auch der Wortführer selbst zu Wort kommen muss: "Am Ende hatte ich wegen einer Erkältung keine Kraft mehr. Aber im Moment gelingt mir vieles." Klose sagte später noch: "Die ganze Mannschaft muss funktionieren." Und das tat sie bei allem freundlich begrüßten Vorwärtsdrang noch nicht.

Es war schließlich vor allem der Florentiner Abschlussschwäche zu verdanken, dass Klinsmann - "Habe nach zehn Minuten gespürt: Wir sind da, wir sind wach" - einen "relativ gelassenen" Dienstagabend erleben durfte. Nur weil Felipe (15.), Alberto Gilardino (43.) und Adrian Mutu (78.) jeweils freistehend vor Michael Rensing den Ball nicht im Tor unterbrachten, blieben die Mängel in der eigenen Hälfte ungestraft. "Wir müssen die Abstimmung zwischen den einzelnen Positionen korrigieren", erkannte Klinsmann. Zudem interpretierten die Verantwortlichen in der Defensivzentrale, Lucio und Martin Demichelis, ihre Rolle eher im Stile eines Achtziger-Jahre-Verteidigers wie Hans-Peter Briegel.

Abstimmungsprobleme

Natürlich darf ein Demichelis briegeln so viel er möchte, wenn er dabei einen Gilardino an die Kette legt, aber von einem Mittelfeldstrategen wie Mark van Bommel erwartet die erlauchte Kundschaft sowie die dauerkritische Journaille natürlich etwas mehr als nur den mäßig attraktiven Kurzpass. Van Bommel wies am Ende 90 Prozent an erfolgreichen Zuspielen auf, was eine sagenhafte Quote wäre, wenn nicht geschätzte 90 Prozent davon nur ödes Quergeschiebe über wenige Meter gewesen wären. Immerhin erfreute er die Medien später mit einem deftigen Zitat, das man auch als Kritik an Klinsmanns Spielverständnis werten könnte: "Die Nummer 88 von Florenz war immer frei. Das müssen wir taktisch einfach besser machen. Da muss sich vielleicht auch einmal ein Stürmer zurückziehen." Angst davor, wieder auf der Bank Platz nehmen zu müssen, habe er übrigens keine. Wahrscheinlich weiß er ziemlich genau, dass es derzeit kaum ernsthafte Konkurrenten für seine Position im FCB-Kader gibt.

Gerade als der kurzweilige Fußballabend seinem Ende entgegenzubommeln schien, riss der abermals formidable Zé Roberto die Zuschauer mit einem Schlenzer zum 3:0 noch einmal von den Sitzen. Gut möglich, dass die launische Kundschaft schon das nächste Mal nicht mehr so oft aufspringt.

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(sueddeutsche.de/JBe)