FC Bayern Basketball Der 99-Prozent-Rücktritt

66 und kein bisschen leise. Svetislav Pesic will plötzlich vorzeitig raus aus seinem bis 2017 in München laufenden Vertrag.

(Foto: Philippe Ruiz/imago)

Trainer Svetislav Pesic wird beim Sieg gegen Frankfurt erneut der Halle verwiesen und kündigt anschließend seinen Abschied zum Saisonende an: "Ich glaube nicht, dass es sich weiter lohnt."

Von Joachim Mölter

Der letzte Wurf war Quantez Robertson vorbehalten, dem überragenden Mann der Bundesliga-Partie zwischen dem FC Bayern München und den Skyliners Frankfurt. Robertson hatte 20 Punkte erzielt an diesem Sonntagnachmittag, sieben Rebounds eingesammelt und sieben Körbe seiner Kollegen vorbereitet, den Münchnern zudem fünfmal den Ball abgeluchst. Aber mit seiner letzten Aktion konnte er nicht nur zum überragenden, sondern auch zum entscheidenden Mann des Spiels werden: Kurz bevor die Spieluhr auf Null heruntertickte, setzte er zu einem Drei-Punkte-Wurf an, der Ball tanzte auf dem Ring - doch statt hineinzufallen, rollte er heraus und fiel daneben. Das Spiel war aus, die gastgebenden FC-Bayern-Basketballer hatten es gewonnen, 78:76 (40:43) und damit ihren zweiten Tabellenplatz behauptet vor den punktgleichen EWE Baskets Oldenburg (je 38:12); die Frankfurter (34:16) fielen auf Rang fünf zurück hinter Ludwigsburg (36:14).

Das alles war nachher jedoch nur noch Nebensache, denn das letzte Wort dieses Wochenendes war dem FC-Bayern-Cheftrainer Svetislav Pesic vorbehalten: Der kündigte an, seinen Posten am Saisonende "zu 99 Prozent" aufzugeben. "Ich glaube nicht, dass es sich weiter lohnt, in dieser Bundesliga tätig zu sein", sagte er. Und weite: "Ich bin 66 Jahre alt. Ich habe so viel erlebt und erreicht. Ich habe eine schöne Frau und tolle Enkelkinder. Diesen Ärger in der Bundesliga brauche ich nicht mehr." Pesic versicherte aber gleichzeitig: "Ich werde bis zum Ende der Saison alle meine Kräfte in den Dienst der Mannschaft und dieses großartigen Vereins stellen."

Was war passiert? In der schwer umkämpften Partie hatte Pesic sechs Minuten vor dem Ende, beim Stand von 65:69 aus Münchner Sicht, sein zweites technisches Foul bekommen, weil er seine Coaching Zone wieder einmal sehr weiträumig ausgedehnt hatte. Er musste deshalb die Halle verlassen und die Betreuung des Teams in der Schlussphase seinem Assistenten Emir Mutapcic überlassen.

"Die Mannschaft hätte heute wegen dieser technischen Fouls verlieren können", sagte Pesic, "und das will ich nicht." Zwar übte auch sein Frankfurter Kollege Gordon Herbert nach der Partie Kritik an den Schiedsrichtern, die in zwei Vierteln relativ schnell fünf Fouls gegen sein Team verhängt und es damit in einen gewissen Nachteil bei der Abwehrarbeit gebracht hatten. Aber Pesic versicherte, seine Entscheidung sei nicht erst an diesem Sonntag und nicht bloß wegen dieses Spiels gefallen. Auch wenn er monierte, dass das zweite technische Foul (nachdem er das erste wegen Reklamierens erhalten hatte) auf Anweisung des Technischen Kommissars von den Schiedsrichtern verhängt wurde: "Dass der Technische Kommissar Einfluss nimmt, habe ich noch nicht erlebt."

Pesic vermisst hierzulande allerdings generell Anerkennung und gebührenden Respekt für seine Leistungen für den deutschen Basketball: den EM-Titel 1993, die vielen nationalen Titel, die er zunächst mit Alba Berlin und 2014 auch mit dem FC Bayern gewonnen hat. "Ich war immer der beste Botschafter des deutschen Basketballs in der ganzen Welt", findet er. Als "sehr interessant" bezeichnete er es in diesem Zusammenhang, dass er in dieser Saison weder in der Euroleague noch im Eurocup von Unparteiischen mit technischen Fouls bestraft worden sei. "Vielleicht ist es besser, irgendwo anders in Europa Trainer zu sein", vermutet er.

Als Ende seiner Karriere sieht er den angekündigten Ausstieg aus seinem noch bis Sommer 2017 geltenden Vertrag beim FC Bayern München jedenfalls nicht. Auf die scherzhaft gemeinte Nachfrage, ob der Klub in der nächsten Saison zwei Trainer beschäftige, einen für den europäischen Wettbewerb und einen für den nationalen, entgegnete er: "Das ist eine Option, die mir gefällt."

Für seine Mannschaft dürfte die überraschende Rücktritts-Ankündigung freilich zur unrechten Zeit kommen. Am Dienstag muss sie ja schon wieder antreten, im Viertelfinal-Hinspiel des Eurocups empfängt sie Galatasaray Istanbul (20 Uhr). Und der Kader ist chronisch ersatzgeschwächt: Am Sonntag fehlten neben dem Langzeitverletzten Nihad Djedovic (Muskelfaserriss in der Wade) auch Deon Thompson, der im Training einen Tritt in die Wade bekommen hatte, sowie Dusko Savanovic, der wegen eines Magen-Darm-Virus ausfiel.

Wer von den beiden Letztgenannten gegen Galatasaray Istanbul wieder mitwirken kann, ist offen. Sicher ist allerdings, dass Trainer Svetislav Pesic dann wieder an der Seitenlinie stehen wird. Im europäischen Wettbewerb fühlt der 66-Jährige sich allem Anschein nach ja sowieso viel wohler.