Ein Kommentar von Klaus Hoeltzenbein

Bayern-Manager Uli Hoeneß betont, dass gegen die Stimmung der Fans keine Politik möglich sei. Von dort sind indes auch "Vorstand raus!"-Rufe zu hören.

Früher, im Olympiastadion, wurden die Trainer noch von der Haupttribüne entlassen. Da stürmten die Honoratioren, die heute, in der Arena, akustisch abgeschottet in ihren Logen granteln, runter an den Spielerausgang. Dieser lag praktischerweise direkt vor den Ehrenrängen, von denen sich prima schimpfen ließ - auf den Lattek, den Cramer, den Lorant, auf Csernai, Heynckes, Lerby, Ribbeck, Trapattoni oder Rehhagel. Kurz vor seinem erzwungenen Abschied bekam Pal Csernai sogar eine Torte.

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Die Stimmung in der Kurve der FC-Bayern-Fans ist derzeit deutlich zu sehen und zu hören. (© Foto: AFP)

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Bodo, Anfang der achtziger Jahre der Zuckerbäcker der Münchner Schickeria, stellte sie auf der Pressekonferenz direkt vor Csernai und den Mikrofonen ab. Klingt charmant, war aber geschmacklos, denn Bäcker Bodo hatte die Torte in der Form eines Sarges gefertigt. Innen Butterkeks, außen schwarze Schokolade. Ein Stadionangestellter packte sich den süßen Schrein, trug ihn angewidert durch den Saal und schmetterte ihn in eine Mülltonne.

Heute tobt der Fußball fernab solch folkloristischer Entgleisungen. Heute wird versucht, Politik aus der Kurve heraus zu machen, wo sich jene versammeln, die sich als die wahren, die letzten Fans darstellen. Während die Haupttribüne das 1:1 gegen Barcelona schweigend ertrug, hat die Stimme des Volkes ihr Lied gesungen: "Klinsmann raus!" lautete der Refrain. Eingestreut wurden die Namen der Kurvenlieblinge aus der Historie des Vereins, von Lattek und Hitzfeld über Matthäus und Scholl bis hin zum knorrigen Amateurcoach Hermann Gerland.

Man kann vox populi ignorieren, wie es seit Monaten der sturen Frankfurter Eintracht ("Funkel raus!") gelingt, aber dies dürfte nach Lage der Dinge in München nicht der Fall sein. Im Gegenteil, der Verein wird sich auf Volkes Stimme berufen, wenn sich demnächst die Wege des FC Bayern und von Trainer Klinsmann trennen. Gegen die Kurve lasse sich keine Politik machen, hat Manager Hoeneß schon häufiger betont. Diese Auffassung wird bei einer Scheidung ganz bestimmt hervorgeholt, falls am Ende die Sachargumente knapp werden.

Und dies ist schon jetzt der Fall, nachdem Franz Beckenbauer, der Klubpräsident, am Mittwoch via Fernsehen verkündete, nein, nein, er sei nicht sauer, "wenn wir nicht Meister werden", dafür sei in dieser Saison "mit Verletzungen und so weiter" einfach zu viel schiefgelaufen. Platz zwei aber, die direkte Qualifikation zur Champions League und die Vermeidung des verhassten Uefa-Cups, ist selbst im aktuellen Reizklima unter Klinsmann ein realistisch erreichbares Ziel - und dann?

Im normalen mittelständischen Betrieb wäre die Zufriedenstellung des Chefs eine Garantie zum Weitermachen. Nun stellt der FC Bayern aber keine Kneifzangen oder Heckenscheren her, und er zeigt seit jeher weit über den Fußball hinausreichende Talente: In Notlagen hat der Klub noch immer mit seiner Rhetorik überrascht; mit Slalomkurven, so scharfkantig, wie sie Felix Neureuther zuletzt auf Skiern nicht gelangen. Man darf gespannt sein, wie sich die bayerische Dialektik 2009 darstellen wird. Ziel erreicht, trotzdem Servus? Die neuen Mächtigen in der Fankurve sind jedenfalls schon alarmiert. Neben "Klinsmann raus!" war auch ein leiseres, aber vernehmbares "Vorstand raus!" zu hören.

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(SZ vom 16.04.2009)