FC-Bayern-Aufsichtsrat Hoeneß braucht keine Lex Hoeneß

Es mag sein, dass das Verhalten anderer Großverdiener verachtungswürdiger ist als der Fall des Uli Hoeneß. Trotzdem ist es unbegreiflich, wie die Vorstände großer Dax-Unternehmen im Aufsichtsrat das Rücktrittsangebot ablehnen konnten. Ihr Warten auf die Prüfung der Richtigkeit und Wirksamkeit der Selbstanzeige ist ein moralisches Armutszeugnis.

Ein Kommentar von Hans Leyendecker

Vor gut zwanzig Jahren wurde das Wort Compliance ins deutsche Wirtschaftsrecht eingeführt. Es klingt fremd und kompliziert, beschreibt aber einen einfachen Sachverhalt: Gesetzliche Bestimmungen und interne Standards von Unternehmen müssen übereinstimmen. Regelverstöße dürfen unter keinen Umständen akzeptiert werden. Deshalb müssen Konzerne harte Maßnahmen gegen Mitarbeiter ergreifen, die auffällig geworden sind.

Compliance, die mit einem Ethik- und Wertemanagement kombiniert wird, ist ein Teil der deutschen Firmenphilosophie geworden. Wie angesichts dieser Umstände Vorstände großer Dax-Unternehmen, die im Aufsichtsrat des FC Bayern sitzen, das Rücktrittsangebot des Aufsichtsratschefs ablehnen konnten, ist unbegreiflich; mehr noch, es ist instinktlos.

FC-Bayern-Aufsichtsratschef Uli Hoeneß - 2009 noch als Manager auf der Bank

(Foto: dpa)

Was will der Vorstandschef von VW seinem Compliance-Officer künftig sagen, wenn dieser einem Mitarbeiter nachstellt, der in China einen Zöllner bestochen hat, damit die Autos schneller ins Land kommen? Dass die eigenen Regeln im Fall Hoeneß nicht gelten? Oder will der Telekom-Mann seinen Mitarbeitern verkünden, die neue, nach etlichen Sauereien beschlossene saubere Linie des Unternehmens gelte nicht mehr?

Sollen Regeln, die mühsam erarbeitet wurden, plötzlich keinen Bestand mehr haben? Ist der Fußballbetrieb ein ganz anderer Betrieb als der normale Betrieb? Ist ein Aufsichtsrat in einem solchen Betrieb nur ein Edel-Fan, der es über die Barriere nach oben in die Loge geschafft hat? Der Mensch Uli Hoeneß hat den Fiskus betrogen, nicht der Bayern-Aufsichtsratschef Hoeneß. Das ist wahr, aber eine solche Trennung von Person und Person gibt es in der Welt der Compliance nicht. Es kommt auch nicht allein auf das Strafrecht an; auch moralisch zweifelhafte Verhaltensweisen verlangen Konsequenzen.

In diesem Zusammenhang spielt es überhaupt keine Rolle, ob der geständige Steuerhinterzieher Hoeneß angeklagt und verurteilt wird oder nicht. Er hat gestanden, dem Fiskus 3,2 Millionen Euro vorenthalten zu haben - und das zählt. Das Warten der Aufsichtsräte auf die Prüfung der Richtigkeit und Wirksamkeit einer Selbstanzeige ist ein moralisches Armutszeugnis.

Reaktionen auf Aufsichtsrat-Entscheidung "Uli Hoeneß gehört zum Verein"

Spieler und Funktionäre des FC Bayern begrüßen die Entscheidung des Aufsichtsrats, dass Uli Hoeneß im Amt bleiben soll. Kritik übt dagegen SPD-Kanzlerkandidat Steinbrück. Und das ziemlich heftig.

Natürlich ist es ein Ärgernis, dass im Fall Hoeneß das Steuergeheimnis gebrochen wurde. Natürlich kann man mit dem Finger auf andere Großverdiener zeigen, die es vorgezogen haben (anders als Hoeneß), ihr Einkommen in Deutschland nicht zu versteuern. Es mag sein, dass deren Verhalten verachtungswürdiger ist als der Fall des Uli Hoeneß; aber eine solche Betrachtung hilft nicht.

Das Kontrollgremium hatte sich nicht mit prominenten Steuerflüchtlingen zu beschäftigen, sondern mit dem Chef des eigenen Aufsichtsrats. Eine Lex Hoeneß braucht ein Hoeneß nicht. Seine Verdienste um den Verein sind so groß, dass Vereinsmeierei erbärmlich wirkt. Präsident (nicht aber Aufsichtsratschef!) kann er vermutlich bleiben, wenn er nicht angeklagt wird. Der Fußball war noch nie der Ort der Reinheit und Sauberkeit.