FC Barcelona Wie Neymar über dem Gesetz tänzelt

Großes Talent, das immer wieder als Sünder Schlagzeilen macht: Neymar.

(Foto: Getty Images)

In Brasilien und Spanien wird gegen Barcelonas Neymar und seinen Vater ermittelt. Der Prozess gilt als exemplarisch für den Sittenverfall - nicht nur im Fußball.

Von Boris Herrmann und Oliver Meiler

Neymar da Silva Santos aus dem Städtchen Mogi da Cruzes bei São Paulo war 14 Jahre alt, als er sein erstes Probetraining bei Real Madrid machte. In Absprache mit seinem gleichnamigen Vater blieb er zunächst in Brasilien. Aber der Hype um diesen begnadeten Stürmer riss nie wieder ab. Mit 17 wurde er Profi beim FC Santos, dem alten Pelé-Klub. Mit 18 debütierte er in der brasilianischen Nationalelf, er schoss im ersten Länderspiel sein erstes Tor, und Pelé sagte: "Wenn er so weiter macht, wird er noch besser als ich."

Mit 19 wurde Neymar erstmals zum Fußballer des Jahres in Südamerika gewählt. Da lockten ihn bereits mehrere europäische Großklubs mit zweistelligen Millionen-Angeboten. Man kann sagen, dass er von klein auf vergöttert wurde. Aber Fußballgötter haben eine hohe Fallhöhe im irdischen Leben. Als Neymar 20 war, nagelten sie ihn erstmals ans Kreuz.

Das Fußballmagazin Placar erschien damals, im Herbst 2012, mit einer verstörenden Titelseite: Der milchbärtige Dribbelkünstler Neymar als gepeinigter Jesus Christus. Das sorgte nicht nur deshalb für Aufregung, weil in keinem Land der Welt mehr Katholiken leben als in Brasilien; die Nationale Bischofskonferenz protestierte vehement. Mauricio Barros, der damalige Chefredakteur von Placar, hält das Titelbild bis heute für gelungen. Er sagt: "Es ging darum, eine Debatte zu befördern über Neymars Rolle als Sündenbock in einem schmutzigen Fußballgeschäft."

Früher ging es noch um Fußball

Die Debatte lebt gerade wieder auf. Und Neymar wäre wahrscheinlich froh, wenn sie noch den Vorwurf von 2012 zum Gegenstand hätte. Damals ging es nämlich noch um Fußball. Dem größten Talent Brasiliens wurde in seiner Heimat nachgesagt, ein "cai-cai" zu sein, in Deutschland sagt man dazu Schwalbenkönig. Einer, der noch spektakulärer fällt als er dribbelt. Barros sagt: "Der Vorwurf war deshalb so unfair, weil hier das ganze Spiel auf den kleinen Betrug ausgerichtet ist."

Mit seinen mittlerweile 24 Jahren hat Neymar junior sein Schwalbenimage weitgehend abgelegt. Beim FC Barcelona ist er ein Star rundum, extrovertiert und expressiv. Er versteht sich auch wunderbar mit Weltfußballer Lionel Messi, dem er huldigt, weil sich das nun mal so gehört. Und er versteht sich mit Torjäger Luis Suárez, der den Dreizack komplettiert, den Rekordsturm Barças. Es heißt, die drei seien Freunde, gönnten sich allen Erfolg, wohnten sogar nebeneinander. Und so spielen sie auch. Eine Idylle, wie man sie in diesem Sport nur selten sieht, ein Spektakel sondergleichen. Zugleich macht Neymar aber wieder als Sünder Schlagzeilen - und diesmal geht es um großen Betrug.

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In Brasilien und in Spanien wird derzeit gegen ihn und seinen Vater ermittelt, der auch sein Berater ist. Es geht um vorsätzlichen Steuerbetrug und um Korruption. Die brasilianische Justiz hat gerade ein Privatflugzeug, eine Yacht sowie mehrere Immobilien und Konten Neymars konfisziert. Damit wird eine Forderung der Steuerbehörden über umgerechnet 42,5 Millionen Euro abgedeckt. Laut der Anklageschrift der brasilianischen Staatsanwaltschaft sollen Neymar und sein Vater zwischen 2011 und 2013, als der Junge noch in Santos spielte, über Scheinunternehmen im großen Stil Gelder am brasilianischen Fiskus vorbei geschleust haben. Die Beschuldigten streiten alles ab.

Wieviel Geld floss offiziell, wieviel inoffiziell?

Im Mittelpunkt der Ermittlungen steht auch der Wechsel Neymars vom FC Santos zum FC Barcelona aus dem Jahr 2013, bei dem offiziell 57,1 Millionen Euro an Ablöse flossen. Die Frage ist, was inoffiziell floss. Seit Längerem ist bekannt, dass Barça wohl einen Teil der tatsächlich vereinbarten Summe über versteckte Kanäle überwies, unter anderem an Marketingfirmen des Stürmers - dabei ging es wohl auch darum, die Finanzämter in Spanien und Brasilien zu täuschen. Barcelonas einstiger Präsident Sandro Rosell musste deshalb zurücktreten. Über ihm und seinem Nachfolger Josep Maria Bartomeu hängt bis heute der Verdacht, die wahre Transfersumme verschleiert und Millionen an Steuern hinterzogen zu haben.

Unlängst wurden die Neymars, Junior und Senior, vor das höchste spanische Gericht zitiert, die Audiencia Nacional in Madrid. Es war ein Auftritt mit Allüren. Die beiden reisten mit einem Privatjet aus Barcelona an, obwohl es doch alle 20 Minuten einen Linienflug gibt zwischen den Städten. Erwartet wurden sie von 100 Reportern und vielen Fans, die auf ein Selfie mit dem Fußballer hofften.

Einige bekamen eins - und ein Lächeln dazu. Der Vater trug einen Anzug, wie man ihn im Süden bei Hochzeiten trägt, inklusive funkelnder Krawattennadel. Auch der Sohn präsentierte sich im schwarzen Jackett. Und mit grün getönter Sonnenbrille und blondiertem Haarkamm. All das signalisierte: Wir gehören hier nicht hin - was will man eigentlich von uns?