Schon Goethe hat den Zwiespalt zur deutschen Tugend erhoben. Seit dieser Fußball-WM aber haben wir Spaß am Scheitern. Ein Abgesang.
Rund um die Fußball-WM standen Deutschland und seine Fußballfans Kopf. Während die Welt auf den Rasen blickte, haben die SZ-Sportautorinnen Iris Hellmuth und Kathrin Steinbichler das Geschehen rund um den Fußball und neben dem Spielfeld beobachtet. "Platzgeflüster" - ein letztes Mal zur WM.
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Die Seele dieser Nation ist schizophren. Gleich zwei davon, ach!, wohnen in unserer Brust, das wusste schon Goethe. Wer hätte gedacht, dass unser Dichterfürst die WM-Euphorie 2006 vorausgeahnt hat: "Wie alles sich zum Ganzen webt / Eins in dem andern wirkt und lebt!", rief sein Faustus aus - erstaunt! - und auf einmal ist das gar nicht mehr so überraschend, was sich in Deutschland getan hat. Wie der erspielte Frohsinn und die gute Laune der Nationalelf uns nicht einen Augenblick überlegen ließen, ob der dritte Platz ein Erfolg oder ein Scheitern war.
"Wenn ihr's nicht erfühlt, ihr werdet's nicht erjagen", hält Faustus seinen Kritikern vor, und wieder muss er an den Jürgen gedacht haben. Der Noch-Immer-Stürmer Klinsmann lebt vom Fühlen und vom Jagen, das hat er rund um dieses Turnier vorgelebt und auch seinen Spielern eingeimpft. Ein Scheitern war nie vorgesehen, höchstens ein zwischenzeitlicher Neuanfang.
Das kommt uns entgegen, denn im Scheitern waren wir Deutschen bislang nie besonders gut. Oder besser gesagt: Wir wussten mit einem Dazwischen nichts anzufangen. Triumph oder Götterdämmerung - dazwischen gab es keine Lage, mit der wir hätten umgehen können. Es fehlt uns einfach ein Stück mediterrane Leichtigkeit, mit der man über eigene Fehler hinweg sehen kann, oder ein Brocken Nonchalance, der die Dinge relativiert.
Besonders deutlich wurde das bislang im Fußball. Ein erfolgreiches Spiel wollten wir sehen, zu den Großen der Welt gehören, doch wenn es über das schöne Spiel nicht ging, dann versuchten wir es eben mit Gewalt. Das hat uns in der Welt nicht gerade beliebt gemacht. "Wir haben nicht die höchste Spielkultur", haben die Sportfreunde Stiller vor der WM getextet, nicht gerade Goethes Erben, aber immerhin doch seiner Sprache mächtig. Es klang wie das achselzuckende Eingeständnis einer Entwicklung, die man mit hefeteigig steigender Konstanz auf sich zuquellen sieht. Dafür konnten wir bislang eben andere Sachen: Autos, Waschmaschinen, sich neigende Schnellzüge.
Doch was, wenn es einer trotzdem probiert? Einer wie Klinsmann, der auf Risiko geht und dafür Zeit verlangt? Dann - das hat das Spiel gegen Italien Ende Februar gezeigt - sind wir Deutschen schlecht im Warten. Jetzt ist die Nationalmannschaft Dritter geworden, und all die Zögerlichen und Skeptischen müssen nun erkennen, dass der größte Verdienst von Klinsmanns Mannschaft war, uns Deutsche das fröhliche Verlieren gelehrt zu haben. Wir wurden Dritter und feiern wie ein Weltmeister. Wir sind nicht Erster und freuen uns doch am sportlichen Erfolg. Wir standen nicht im Finale und freuen uns doch, das selbst gesteckte Ziel erreicht zu haben, nämlich mit gutem Fußball zu begeistern, egal, wie es nach dem Schlusspfiff steht.
Die Schizophrenie unserer Nation wird uns dennoch erhalten bleiben. Ist sie vielleicht sogar das, was uns im Innersten zusammenhält? Was wird sein, wenn die jungen Klinsmänner auf ihrem Weg zur EM ein Spiel lang scheitern? Dann bleibt nur, Klinsmann noch einmal den Faust ans Herz zu legen. Als Student im ersten Teil der Riesensaga gesteht er sich selbst: "Von Zeit zu Zeit seh ich den Alten gern und hüte mich, mit ihm zu brechen." Deutschland liegt Klinsmann zu Füßen, und so alt und grau der DFB war, so ist er doch ein spendabler Arbeitgeber.
"Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube", mag da jetzt Klinsmann wieder mit Faust antworten. Ist doch egal, sagen wir jetzt mal ganz gretchenhaft naiv. Ein bisschen Ungewissheit hält doch den Nervenkitzel - und die Schizophrenie des Fußballfans - am Leben. Beim nächsten Länderspiel jedenfalls gucken wir wieder zu. Mit zwei Seelen in unserer pochenden Brust. Nur dass die eine seit der WM deutlich lauter ist als die andere. Soviel ist versprochen.
Freundschaft zwischen den Geschlechtern