Ende der neunziger Jahre waren Fanfreundschaften der letzte Schrei in den Kurven. Und heute? Eine Bestandsaufnahme von 11-Freunde-Autor Philipp Köster.

Es geschah im Ligapokal 2007. Der FC Schalke 04 und der 1. FC Nürnberg kickten gerade eher lustlos gegeneinander, da schallte es plötzlich aus der FCN-Kurve: "Ihr werdet nie deutscher Meister." Die königsblaue Antwort folgte ebenso prompt wie beleidigt: "Ihr seid scheiße wie der BVB!" Was sich für gelegentliche Stadionbesucher anhören mochte wie das übliche Kurvengeplänkel, war tatsächlich ein Fall für die Eheberatung. Schließlich verband Schalker und Nürnberger bis dahin die wohl innigste Fanfreundschaft des deutschen Fußballs.

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Rot-schwarz-blaue Fahnenmeere: Zwischen den Anhängern des FC Schalke und des Nürnberger Clubs besteht eine Fanfreundschaft. (© Foto: AP)

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Entstanden war die Beziehung Anfang der Achtziger, durch ein Missverständnis hatten sich die Kutten beider Klubs ausnahmsweise einmal nicht gegenseitig verdroschen, die verdutzten Fans hatten daraufhin voreilig Brüderschaft getrunken. Seither fielen sich bei jeder sich bietenden Gelegenheit königsblaue und rot-schwarze Anhänger in die Arme und schworen sich mit Tränen in den Augen ewige Zuneigung. Freundschaftsfahnen wurden geschwenkt, Freundschaftsschals gereckt, Freundschaftschoräle geschmettert.

Ja, es war Liebe!

Und nun das. Schmähgesänge vom Partner. Enttäuschung, Wut, Trauer, Zorn. Auch Betroffenheit. In den Schalker Fanforen stand anschließend die Mülltrennung hoch im Kurs: "Freundschaft is' für mich vorbei, und der Schal kommt in die Tonne." Szenen einer zerrütteten Ehe.

Das Ende der Traumpaare

Und kein Einzelfall. Wohin man auch gerade in den Profiligen blickt, überall zerbrechen langjährige Beziehungen, leben sich Traumpaare auseinander, ist Sprachlosigkeit eingekehrt. Alles aus zum Beispiel zwischen den Anhängern von Borussia Mönchengladbach und dem FSV Mainz nach langen Ehejahren. Nicht mehr allzu viel zu sagen hat man sich auch zwischen Lauterern und Sechzig München. Und in Bochum erklärte man schon 2004 wegen jahrelanger Missachtung das Bündnis zu den Anhängern des FC Bayern für beendet.

Der Münchner Fanbeauftragte Raimund Aumann reagierte allerdings auf die Vorwürfe ungefähr so gelangweilt wie ein 55-Jähriger, der gerade mit seiner blutjungen Geliebten im gemieteten Cabrio die Côte d'Azur entlangdüst und kurz vor Antibes von seiner verhärmten Ehegattin aus Dorsten angerufen wird.

Das war mal ganz anders: In den neunzigerer Jahren verging kaum ein Bundesliga-Spieltag, an dem nicht zwei bislang spinneverfeindete Fankurven plötzlich Zungenküsse austauschten und verkündeten, fortan "in ewiger Treue" zueinanderstehen zu wollen. Fanfreundschaften waren derart en vogue, dass traditionelle Abneigungen binnen Spielminuten über Bord geworfen wurden und es auf den Stehplätzen plötzlich so harmonisch zuging wie auf dem Eröffnungsgottesdienst eines evangelischen Kirchentages.

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