Von Melanie Ahlemeier

Die deutschen Vielseitigkeitsreiter haben noch eine Rechnung offen: Nach der Schmach von Athen wollen sie nur eines - olympisches Gold. Heute könnte es soweit sein.

Die heul-kreischende Bettina Hoy dröhnt noch im Ohr: "Papi, ich hab Gold!", krakeelte die bei Prinzessin Anne angestellte Berufsreiterin grinsend bei den Olympischen Spielen 2004 in Athen in die Kamera. Doch das Glück war nur von kurzer Dauer. Weil Hoy eine Grundregel des Reitsports ignorierte und zu Beginn der Springprüfung zweimal die Startlinie überquerte, wurde der quirligen Blonden nicht nur die Einzel-Goldmedaille, sondern auch der Mannschaft das Edelmetall für den ersten Platz aberkannt.

Stürze gehören beim Geländeritt zum Geschäft, dieser ist glimpflich ausgegangen. (© Foto: dpa)

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In Hongkong soll es für den undankbaren vierten Mannschaftsplatz die Revanche geben. Und die Zeichen stehen nicht schlecht, dass die Mission gelingt. Denn: Nach der Dressur und der Geländeprüfung liegt die deutsche Mannschaft vor der entscheidenden dritten Teilprüfung, dem Springen, mit 158,10 Minuspunkten vor Australien (162,00) und Großbritannien (173,70) auf Rang eins (Finale ab 13.15 Uhr). In der Einzelwertung führt der 45 Jahre alte Zahnarzt Hinrich Romeike (50,20) vor Ingrid Klimke (50,70) - der Doppelsieg ist zum Greifen nah (Finale ab 16.45 Uhr).

Schlechtes Image

Als erstes der drei deutschen Pferdesportteams könnten die Vielseitigkeitsreiter bei diesen Spielen ganz oben auf dem Siegertreppchen stehen und nicht nur den bislang enttäuschenden deutschen Medaillenspiegel aufpeppen, sondern zugleich das schlechte Image der eigenen Sportart aufpolieren.

Eine große Portion mit Schuld am schlechten öffentlichen Bild der Buschreiter tragen vor allem die festen Hindernisse im Gelände. Denn während Hindernisstangen im Springparcours schon bei der kleinsten Berührung mit dem Vorder- oder Hinterhuf zu Boden fallen, ist das auf der mehrere Kilometer langen Geländestrecke anders - die naturgetreuen Hindernisse sind festgezimmert.

Todesurteil Beinbruch

Genau an diesem Punkt setzt die Argumentation der Tierschützer ein: Sie verweisen auf die Tierquälerei - Beinbrüche nach brutalen Stürzen im Gelände sind für Pferde immer noch ein Todesurteil. Jahr für Jahr werden Dutzende Tiere eingeschläfert.

Auch für die Reiter ist die Gefahr groß: Weil die Hindernisse bei einer Unachtsamkeit des Pferdes oder auch bei einem Fehler des Reiters eben nicht nachgeben, reitet der Tod quasi immer mit. Allein im vergangenen Jahr starb rund ein Dutzend Vielseitigkeitsreiter, darunter zwei Deutsche. Einer von ihnen erlitt einen Genickbruch. "Reiten gehört zu den gefährlichsten Sportarten", gibt denn auch der Präsident der Deutschen Reiterlichen Vereinigung, Breido Graf zu Rantzau, zu bedenken.

Dennoch fasziniert diese Sportart gerade wegen ihrer immanenten Unberechenbarkeit. Im Gelände ist es nicht die Höhe, welche die Pferde fordert. Es ist vielmehr die Optik. Hindernisse mit Wassergräben, Unebenheiten - die Pferde müssen mit optischen Täuschungen umgehen können, ansonsten haben Ross und Reiter schon verloren.

Im Gelände zählen raumgreifende Galoppsprünge, im Parcours der technische Ritt - die Sprünge sind nicht vergleichbar. Für die Pferde ist gerade dieser Wechsel eine besondere Herausforderung, sie müssen lernen, die Hindernisse in der dritten Teilprüfung sensibler anzureiten. Denn wer den Springparcours wie einen Geländeritt angeht, erntet Strafpunkte in Viererschritten.

Lesen Sie weiter: Das Manko der Allrounder.

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