Europa League Vom Küken zum Hampelmann

Hinten grätschen, vorne treffen, kurios jubeln: Antoine Griezmann, einst in Frankreich für zu schmächtig befunden, führt Atlético Madrid zum Triumph. Und jetzt lockt Barça.

Von Oliver Meiler

Wann eigentlich haben Fußballer damit begonnen, ihren Torjubel zu personalisieren, sich Bälle unters Trikot zu stecken in heller Freude über den niederkommenden Nachwuchs, oder den Ehering zu küssen, als tue ein öffentliches Gelübde Not, oder mit den Kameraden auf allen vieren über den Platz zu kriechen, Hände auf den Waden des Vordermanns? Und vor allem: warum?

Der Stürmer Antoine Griezmann von Atlético Madrid macht jetzt den Hampelmann, wenn er Tore schießt, was recht oft vorkommt. Im Finale der Europa League gegen Olympique Marseille, das sein Team 3:0 gewann, traf der Franzose in Lyon zwei Mal. Leicht und kalt. Zwei Schüsse, zwei Tore. Er war der Matchwinner. Und so jubelte er zwei Mal, wie er halt gerade zu jubeln pflegt. Den Daumen und den Zeigefinger seiner rechten Hand spreizte er zu einem L, was, so erfährt man, für Loser stehen soll, also Verlierer, und dem Gegner gewidmet ist. Sehr nett ist das natürlich nicht.

"Grizou" aber lacht dazu fröhlich und bübisch, man kann diesem jungen Mann nicht böse sein. Die Hand mit dem L hält er sich an die Stirn und zappelt dazu mit den Beinen, wie ein Hampelmann eben.

Die Pose stammt von einem Videogame, das "Fortnite" heißt und unter Rappern und amerikanischen Basketballern besonders beliebt sein soll. Und da Griezmann ein großer Fan der NBA ist, muss er früh infiziert worden sein vom Virus. Er spielt "Fortnite" stundenlang, offenbar vor allem mit seinem Bruder. Der saß auch mit im Stadion in Lyon. Ausgerechnet in Lyon. Griezmann kommt aus der Gegend, er wuchs in Mâcon auf, einer Weinstadt im Burgund, er wollte schon früh unbedingt Fußballer werden. Seine Eltern zeigten ihn in der Region herum: Auxerre, Saint-Étienne, Metz, Sochaux, auch in Lyon. Der Junge war talentiert, aber schmächtig. Niemand wollte ihn fördern.

Montpellier ließ sich dann breitschlagen, dem kleinen Antoine eine Chance zu geben und nahm ihn mit zu einem internationalen Jugendturnier. Er war damals 13. Beim Turnier tummelten sich Scouts aus halb Europa, ein Späher von Real Sociedad San Sebastián war auch dabei. Der lud Griezmann ein zu einem einwöchigen Probetraining ins spanische Baskenland, das, sollte er sich bewähren, sich leicht ausbauen ließe. Das gab viel zu reden in der Familie, 13 ist ja kein Alter zum Wegziehen.

Jubel, Trubel, Rumgehampel: Antoine Griezmann feiert sein Tor zum 1:0 gegen Marseille.

(Foto: Gonzalo Fuentes/Reuters)

Mit 14 war er dann weg. Seither lebt Griezmann in Spanien und macht dort eine beachtliche Karriere, französischer Internationaler ist er auch schon lange. Wenn er flucht, das sieht man gut im Fokus der Kameras, flucht er immer auf Spanisch, nicht auf Französisch - auch wenn er für die Bleus spielt. Nun, mit 27, will ihn der FC Barcelona verpflichten, das Buhlen dauert schon eine Weile. Seine Freikaufklausel liegt diesen Sommer bei 100 Millionen Euro, was in Zeiten noch viel verrückterer Zahlen unerhört vernünftig klingt für einen wie ihn. Zuweilen aber drängt es Griezmann, die Franzosen an seine Geschichte zu erinnern, an die Anfänge, an die vielen Absagen, an die Verkennung seines Potenzials. Nach dem gewonnenen Finale sagte er: "Ich bin mit 14 von zu Hause weggegangen." Von der Zukunft mochte er nicht so gerne reden, von Barça eben, nicht in der Stunde des Atlético-Triumphs.

Als Griezmann vor vier Jahren zum Verein wechselte, war die Skepsis in Madrid recht groß. Man hielt ihn für ein "pollito", ein Küken - das alte Vorurteil, es hielt sich hartnäckig. Bei "Atleti" war man andere Angreifertypen gewohnt: bullige, böse, die irgendwie besser zur Spielanlage des argentinischen Trainers Diego "Cholo" Simeone passten. Griezmann sollte damals Diego Costa ersetzen, der mittlerweile zurückgekehrt ist und neben ihm oder vor ihm stürmt. Doch das "pollito" wurde ein perfekter Interpret des "Cholismo", das sah man auch im Finale wieder: Wenn die Mannschaft tief steht, kompakt wie ein Block, was die meiste Zeit in jedem Spiel der Fall ist, dann steht auch Griezmann tief, pflügt sich durchs gegnerische Mittelfeld, grätscht nach Bällen, riegelt Räume ab - um dann bei jeder Gelegenheit schnell auf furiose Offensive umzuschalten, leichtfüßig, direkt, über wenige Stationen. "Das ist unser Spiel", sagt Antoine Griezmann, "so lieben wir es."

Manchmal ist es auch einfach Spielverweigerung. In der ersten Halbzeit, als das nervöse und etwas naive Marseille an sich selbst scheiterte, zählten die Statistiker nur 74 Pässe zwischen Spielern von Atlético, weniger geht kaum. Als Zuschauer muss man das nicht mögen - aber es ist effektiv. Unter Simeone, der Atlético nun seit mehr als sechs Jahren coacht, spielte die Mannschaft schon 200-mal zu null, und das liegt nicht nur an der Klasse seiner Torhüter. Stürmer sind für den "Cholo" Abwehrspieler mit zusätzlichen Aufgaben. Sie sollen sich aufopfern, Sturmläufe sind Extravaganzen, Prämien fürs Rackern.

Dritter Titel für Atlético

Alle Endspiele der Europa League

2010: Atlético Madrid - FC Fulham n.V. 2:1

2011: FC Porto - Sporting Braga 1:0

2012: Atlético Madrid - Athletic Bilbao 3:0

2013: FC Chelsea - Benfica Lissabon 2:1

2014: FC Sevilla - Benfica Lissabon i.E. 4:2 (0:0)

2015: FC Sevilla - Dnjepropetrowsk 3:2

2016: FC Sevilla - FC Liverpool 3:1

2017: Manchester Utd. - Ajax Amsterdam 2:0

2018: Atlético Madrid - Olymp. Marseille 3:0

Sechs Titel gewann Simeone schon, so viele wie einst Luis Aragonés, die andere Trainerlegende des Vereins. Da verpufft alle Kritik an Stil und Spektakel so schnell wie ein laues Lüftchen, zumal im Süden Madrids. Und wenn "Grizou" den Hampelmann macht, reicht es meist zum Sieg.

Vor dem Spiel hatte man seine Kollegen gefragt, ob Griezmann denn sehr aufgeregt sei, in seiner Heimat zu spielen, vor vielen Freunden und Verwandten, die im Stadion saßen, gegen OM dazu, das in Kindesjahren sein Lieblingsverein gewesen war. Es gibt Fotos, die ihn im blau-weißen Dress im Stade Vélodrome von Marseille zeigen.

Doch die Kollegen richteten aus, "Grizou" sei ganz gelassen, im Mannschaftsbus auf dem Weg zum Spiel durfte er den DJ geben. Er hat nun diese Ruhe des Arrivierten, des endlich Angekommenen.