Von Johannes Aumüller

Im ersten Play-off-Spiel der Europa League gastiert Kasachstans Meister FK Aktobe in Bremen - und will zeigen, dass er dort nicht nur wegen einer Modusänderung steht.

Diese Mannschaft spielte nur für ein einziges Spiel zusammen, doch diese Mannschaft deutete an, welche Vorstellungen die Verantwortlichen von Lokomotive Astana für die Zukunft haben. Als sie im Juli mit einer Freundschaftspartie gegen die landeseigenen U21-Junioren ihr neues Stadion einweihten, verstärkten prominente Namen das Team aus der kasachischen Hauptstadt: Andrej Schewtschenko beispielsweise, Kaka Kaladze oder Hakan Sükür.

Bild vergrößern

Angreifer Sergej Ostapenko (hier im Trikot der Nationalmannschaft) zählt zu den Stützen des FK Aktobe. (© Foto: Getty)

Anzeige

Spieler von solchem Kaliber wünschen sich die Astana-Macher dauerhaft, doch fürs Erste muss sich der Klub, der erst 2008 aus einem Zusammenschluss der Vereine FKAstana, Megasport Almaty und Kairat Almaty entstand, noch mit dem früheren russischen Nationalmannschaftskapitän Jegor Titow, dem 27-maligen ghanaischen Auswahlspieler Baffour Gyan oder dem ehemaligen Bundesliga-Profi Sergej Juran (Düsseldorf, Bochum) als Trainer begnügen - was für kasachische Verhältnisse aber auch nicht schlecht ist.

Bis die Hauptstadt-Elf mal in der Qualifikationsrunde eines europäischen Wettbewerbs auftaucht, dauert es noch ein wenig. Nach den Statuten der Uefa muss ein Verein drei Jahre existieren, ehe er an der Champions League oder der Europa League teilnehmen darf. Aber auch ohne das ambitionierte Lokomotive-Projekt darf sich der kasachische Vereinsfußball über seine bislang erfolgreichste internationale Saison freuen. Die Europapokal-Teilnehmer haben für die Uefa-Fünfjahreswertung so viele Punkte wie noch nie gesammelt. Tobol Kostanai leistete in der Europa-League-Qualifikation Galatasaray Istanbul überraschend starken Widerstand (1:1/0:2). Und der FK Aktobe stand kurz vor dem Einzug in die letzte Runde der Champions-League-Qualifikation, ehe er knapp gegen Maccabi Haifa ausschied (0:0/3:4 nach 3:0-Führung) - und nun gegen Werder Bremen immerhin noch um den Einzug in die Gruppenphase der Europa League kämpfen darf (Hinspiel an diesem Donnerstag, live im ZDF).

Klubs mit ehrgeizigen Plänen

So wie den Kasachen geht es derzeit einigen sogenannten kleinen Fußballnationen. Der geänderte Qualifikationsmodus hat es ihnen erleichtert, in den internationalen Wettbewerben weiter zu kommen als früher. Sie müssen sich nicht mehr durch viele UI-Cup-Partien quälen, und sie spielen öfter als zuvor gegen Vertreter anderer schwächerer Fußballnationen. Andererseits ist es aber wohl zu einfach, alles nur auf die Regeländerungen zu schieben. Wie in vielen anderen Ländern der ehemaligen Sowjetunion gibt es auch in Kasachstan, das erst seit 2002 der Uefa angehört und vorher dem asiatischen Kontinentalverband zugeordnet war, Klubs, die ehrgeizige Pläne haben.

Die 300.000-Einwohner-Stadt Aktobe (kasachisch für weißer Hügel), die früher Aktjubinsk hieß, hat sich zu einem Zentrum der Ölindustrie entwickelt, entsprechend ist im Umfeld Kapital vorhanden. Klubpräsident Sagat Jesengenuly ist in der politischen und wirtschaftlichen Elite der Region gut vernetzt, er war unter anderem stellvertretender Bürgermeister von Aktobe. So kann sich der Verein einen starken Kader leisten, der anders als beim Konkurrenten Astana aber nicht auf einen Schlag zusammengekauft wurde, sondern über Jahre zusammenwuchs und nur aus Spielern besteht, welche die kasachische oder die russische Staatsbürgerschaft besitzen. Zu den wichtigsten Akteuren zählen der russische Mittelfeldspieler Marat Chajrullin, die Defensivkräfte Jurij Logwinenko und Samat Smakow sowie Angreifer Sergej Ostapenko, der als einer der wenigen kasachischen Fußballer schon ein kurzes Gastspiel in Westeuropa hinter sich hat: 2008 stand er für einige Monate beim RSC Anderlecht unter Vertrag, kam dort aber zu keinem Pflichtspieleinsatz.

Bestimmende Kraft des kasachischen Fußballs

Mit diesem Kader ist der 1967 als Aktjubinez gegründete FK Aktobe noch die bestimmende Kraft des kasachischen Fußballs. 2005, 2006 und 2008 gewann Aktobe den Meistertitel (die kasachische Liga spielt nach dem Kalenderjahr). "Aktobe zeigt derzeit den besten Fußball der Liga. Die Mannschaft spielt kompakt, schnell, oft nur mit ein, zwei Ball-Berührungen", sagt Kasachstans deutscher Nationaltrainer Bernd Storck. In der aktuellen Tabelle liegt die Elf des russischen Trainers Wladimir Muchanow zwar nur auf Platz drei, doch sie hat auch drei Spiele weniger bestritten als Tabellenführer Astana. Laut eines Beschlusses der Klubvertreter durfte Aktobe alle Ligaspiele verlegen, solange sich der Verein um die Champions-League-Qualifikation mühte. Die misslang, und nun soll es als Entschädigung wenigstens die Europa League sein. So selbstbewusst gibt man sich bereits - auch wenn der Gegner Werder Bremen heißt.

Leser empfehlen 

(SZ vom 20.08.2009/thi)