Erster Fußball-Profi mit Armprothese "Ich werde umgegrätscht. Das freut mich"

Andreas Schicker (l.) freut sich darüber, von den Gegenspielern nicht geschont zu werden.

(Foto: Andreas Schaad/dpa)

Andreas Schicker verlor bei einem Böller-Unfall seine linke Hand. Beim Comeback scheut er weder Zweikämpfe noch Kopfbälle.

Interview von Christopher Gerards

Als Andreas Schicker auf den Platz lief, sah man ihm seine Geschichte nicht an. Er hob den rechten Arm, trabte rückwärts, sah sich um. Der Schiedsrichter pfiff, und Andreas Schickers Rückkehr in den Profifußball begann. Schicker, 29, 17-maliger U21-Nationalspieler Österreichs, hatte 2014 bei einem Unfall mit einem Böller seine linke Hand verloren. Vor einer Woche gab er sein Comeback, beim 2:2 des SC Wiener Neustadt gegen Austria Salzburg, in der zweiten Liga Österreichs. Schicker trug ein langärmeliges Trikot, es verdeckte die Folgen seines Unfalls: Schicker spielte als erster Profifußballer in einem Ligaspiel mit einer Armprothese.

Herr Schicker, was unterscheidet einen Fußballer mit Prothese von einem Fußballer ohne Prothese?

Alle, die mich schon lange kennen, sagen: Du spielst genau wie früher. Sicher, wenn ich auf die Seite fallen würde, dann würde ich mich nicht mit den Händen abstützen, sondern mich abrollen. Aber im Spiel denke ich keine Sekunde an die Prothese.

Auch nicht bei Zweikämpfen?

Überhaupt nicht. Da gibt es keinen Moment, in dem ich nur darüber nachdenke, ob ich hingehe oder nicht. Gegen Austria Salzburg habe ich 70 Prozent der Zweikämpfe gewonnen.

Was ist mit Kopfbällen?

Vor allem dafür haben wir die Prothese ja entwickelt. Weil es bei Kopfbällen wichtig ist, dass man Schwung holt. Und auch bei Sprints ist der Armeinsatz sehr wichtig.

Und bei Einwürfen? Sie sind schließlich Außenverteidiger.

Vom Reglement her ist es so: Man muss mit beiden Armen einwerfen und mit beiden Händen. Das klappt mit der Prothese. Natürlich werde ich nicht mehr so weit werfen wie zum Beispiel Christian Fuchs (Außenverteidiger und Einwurf-Spezialist bei Leicester City, früher Schalke 04, Anm.). Aber das konnte ich vorher auch nicht.

Sie klingen wie jemand, dem es inzwischen wieder sehr gut geht. Aber vor 15 Monaten hatten sie einen schweren Unfall: Sie haben Ihre linke Hand verloren, weil Ihnen ein Böller in derselben explodiert ist.

Ich weiß, dass das ein Riesenblödsinn war. Ich habe auch sofort gewusst, dass etwas Schlimmes passiert ist. Die Finger meiner linken Hand waren nicht mehr da. Die rechte Hand hat auch einiges abbekommen, zudem sind mir beide Trommelfelle geplatzt. Der Arzt hat dann gesagt, dass er die linke Hand amputieren muss.

Was hat Ihr Arzt gesagt, als Sie ihn das erste Mal gefragt haben, ob Sie wieder würden Fußball spielen können?

Er hat mir keine Antwort geben können. Er meinte: Ja, es ist möglich. Aber er wusste nicht, ob es auch als Profi geht.

Heute wissen Sie, dass es geht.

Ich war ein halbes Jahr in Reha, habe mich wieder fit gemacht. Ich hatte ja kurz vor dem Unfall auch noch einen Kreuzbandriss, da musste ich erst einmal Muskelmasse aufbauen. Also habe ich am Ergometer trainiert, bin gelaufen, und irgendwann bin ich mal alleine auf einen Fußballplatz gegangen. Da habe ich Pässe gespielt und gemerkt: Von der Technik her ist es wie früher. Die Frage war nur immer: Wie schaut es im Zweikampf aus?

Und?

Ich bin im Sommer 2015 zum SC Wiener Neustadt gewechselt. Am Anfang waren meine Mitspieler schon vorsichtig im Zweikampf; wenn ich am Boden lag, sind sie immer zu mir gerannt. Mittlerweile werde ich ganz normal zusammengeschnitten, wie man in Österreich sagt.

Umgegrätscht.

Genau. Und auch wenn das komisch klingt: Das freut mich. Genau solche Situationen brauche ich ja.

Was für eine Prothese brauchten Sie, damit Sie im Ligabetrieb spielen dürfen?

Ich habe eine Alltagsprothese, die hat elektrische Funktionen, und eine Sportprothese. Die ist viel weicher und hat keine Funktionen. Das ist ein Kosmetikhandschuh mit einem Schaft aus Silikon. Den haben wir mit Weichschaum ausgegossen, und darüber ist auch weicher Stoff, damit keine Verletzungsgefahr besteht. Im Herbst hat mir die Fifa genehmigt, mit der Prothese Pflichtspiele zu absolvieren. Danach habe ich bei den Amateuren dreimal mitgespielt, im Winter folgten Testspiele bei den Profis und Anfang März das erste Pflichtspiel.

Auf Twitter findet man ein Bild von Ihnen, Sie tragen ein Tattoo über der Prothese.

Es hat mich anfangs Überwindung gekostet, auf die Straße zu gehen und die Prothese zu zeigen. Aber mittlerweile ist das normal. Und zum Tattoo: Ich bin eigentlich nicht tätowiert, aber im Fußball gehört das ja fast dazu. Also habe ich im Internet Tattoo-Strümpfe bestellt. Sind eigentlich für Fasching gedacht. Aber die sehen so echt aus, dass mich schon Leute gefragt haben, wo ich mich habe tätowieren lassen.