Erste Trainerentlassung der Saison Hannover trennt sich von Neururer

96-Chef Kind befragt das Team nach dem Arbeits- und Führungsstil des Trainers - und kommt zu der Erkenntnis, dass es besser ist, Peter Neururer zu feuern.

Von Jörg Marwedel

Spötter mutmaßen, der Fußballlehrer Peter Neururer, 51, habe in seiner Karriere mehr Geld mit Abfindungen verdient als mit Erfolgsprämien. Das ist zumindest nicht sehr übertrieben. Am Mittwoch endete zum zehnten Mal ein Dienstverhältnis Neururers vorzeitig. Diesmal allerdings hat Neururer um sein Abschiedsgeld hart feilschen müssen, bevor sein bisheriger Arbeitgeber Hannover 96 eine Trennung im "gegenseitigen Einvernehmen" vermelden konnte.

Bei den Verhandlungen mit dem Vorstandsvorsitzenden Martin Kind ging es dem Vernehmen nach auch um einen Passus im Vertragswerk, der eine Entlassung Neururers in der Winterpause sozusagen zum Discountpreis ermöglicht hätte.

Nur 150 000 Euro wären bei einer Scheidung fällig geworden, falls der Trainer mit dem Team am Jahresende keinen einstelligen Tabellenplatz belegt hätte. Neururer, der sein Amt erst am 9. November 2005 als Nachfolger von Ewald Lienen angetreten hatte und mit 96 zuletzt nach drei Niederlagen mit 2:11 Toren auf den letzten Platz in der Bundesliga abstürzte, soll dagegen sein volles Gehalt bis Saisonende eingefordert haben, geschätzte 800 000 Euro. Vermutlich hat man einen Kompromiss gefunden.

Die 297. Trainer-Entlassung der 43-jährigen Bundesliga-Geschichte hatte sich nach dem 0:3 am Samstag gegen Aufsteiger Aachen bereits angekündigt, aber auf fast unwürdige Weise hingezogen. Kind, dessen Erkundigungen beim Mannschaftsrat über Neururers Arbeits- und Führungsstil die Lage des Coaches nicht verbessert hatten, wollte keine Entscheidung treffen, ohne den designierten neuen Geschäftsführer René C. Jäggi einzubeziehen.

Defizite in Taktik, Training und Aufstellungsfragen

Jäggi wiederum, noch durch geschäftliche Termine in der Schweiz gebunden, wollte zunächst kein Urteil aus der Distanz abgeben. Noch am Dienstagabend hatte Kind dem Trainer nach einem weiteren einstündigen Gespräch eine Galgenfrist eingeräumt. Danach hat er offenbar auch seinen Männerfreund Jäggi von der zügigen Umsetzung dieser Maßnahme überzeugen können.

Zu erdrückend war, was Kind bei seiner internen Analyse über den Zustand der Mannschaft und das Wirken des Trainers herausgefunden hatte. Die Profis hatten ihrem sportlichen Vorgesetzten Defizite in Taktik, Training und Aufstellungsfragen vorgehalten. Zudem hieß es in Mannschaftskreisen, der Coach habe seine Lieblinge, bei denen das Leistungsprinzip nur vermindert gelte.

Jüngstes Beispiel könnte der Stürmer Vahid Hashemian gewesen sein. Neururer hatte den im Dauerformtief befindlichen Iraner auch gegen Aachen spielen lassen und stattdessen Thomas Brdaric auf die Tribüne verbannt, einen Mann, der zwar zuweilen aneckt, "aber immer für zwölf, 13, 14 Tore pro Saison gut ist", wie Torhüter Robert Enke feststellte.

Noch am Dienstag hatte Neururer für einen weiteren Eklat gesorgt, indem er den Co-Trainer Michael Schjoenberg wegen angeblich "fehlender Solidarität" mit einer Art Stadionverbot belegte.

Laut Kind hat es bislang "null Kontakt zu irgendeinem möglichen neuen Trainer gegeben". Sicher ist nur, dass vorerst Assistenztrainer Thomas Kristl die Mannschaft betreut.

"Jemand anderes muss die PS auf die Straße bringen"

Manager Ilja Kaenzig wird bei der weiteren Suche wohl keine Hauptrolle mehr spielen, er war schon in die Neururer-Entlassung nicht mehr eingebunden. Vermutlich wird Kaenzig das zweite Opfer des Neubeginns, denn ihm werden gravierende Fehleinschätzungen in der Personalpolitik vorgehalten.

Auch die Verpflichtung Neururers hatte Kaenzig, der nach Kinds Rücktritt vor einem Jahr zwischenzeitlich zum starken Mann bei 96 aufgestiegen war, durchgesetzt und sich bald darauf mit dem Coach überworfen.

In der örtlichen Neuen Presse sagte Kaenzig fast fatalistisch: "Am Ende wird man an Ergebnissen gemessen. Und wenn du die PS, die du hast, nicht auf die Straße bringst, muss halt jemand anders die PS auf die Straße bringen."