Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele Und die Queen schwebt mit dem Fallschirm ein

London ist laut, verrückt, alles andere als perfekt und stets selbstironisch. Das musste die Eröffnungsfeier transportieren - und es gelang. Regisseur Danny Boyle hat die Olympischen Spiele wieder dorthin gebracht, wo sie hingehören. Zu den Teilnehmern.

Von Jürgen Schmieder, London

Manchmal liegt der Zauber einer Überraschung darin, dass sie eine Enttäuschung beinhaltet. Die aufwändig aufgebaute Spannung muss vollkommen in sich zusammenfallen, nur so funktioniert dieses riskante Stilmittel. Der Regisseur Danny Boyle hat es in seinen Filmen und Theaterstücken immer wieder vorgeführt - und er hat es am Freitagabend bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in London perfektioniert.

Eine Eröffnungsfeier soll ja immer etwas über die Stadt aussagen, in der die Spiele stattfinden. Sydney war voller Symbolismus, in Athen fehlte schon damals das Geld und Peking verschrieb sich dem Gigantismus. London dagegen ist eine bunte Stadt, laut und verrückt, um Gottes Willen nicht perfekt, aber mit einer mitreißenden Geschichte, würdig und dabei stets herrlich selbstironisch. Das musste die Feier transportieren.

Es hat funktioniert, was Boyle gemacht hat mit den 79.000 Zuschauern im Olympiastadion und mehr als einer Milliarde Menschen weltweit, die daheim vor den Fernsehern saßen. Der TV-Sender BBC lobt Boyle danach als "Mastermind", im Guardian steht etwas von "einem angenehmen und amüsanten Spektakel", die Times hält die Inszenierung für eine der "durchdachtesten und angenehmsten Eröffnungsfeiern aller Zeiten".

Was hat Boyle getan? Er hat am Ende alle enttäuscht. Doch dazu musste er erst einmal Spannung aufbauen.

Er schickte James Bond in den Buckingham Palace, um die Queen abzuholen. Es war nicht Judi Dench und auch nicht Helen Mirren, sondern tatsächlich Queen Elizabeth II., die in ihrem nun 86 Jahren dauernden Leben noch nie bei so etwas mitgemacht hatte. Bei so etwas Verrücktem.

Natürlich fährt James Bond die Queen nicht einfach zur Feier, er fliegt mit dem Hubschrauber und springt gemeinsam mit ihr über dem Stadion ab. Tatsächlich sieht man am Himmel Fallschirmspringer. Schnitt. Die Queen kommt ins Stadion.

Auf diese fulminante, furiose und doch würdige Weise ging es weiter, als wäre es das Ziel von Boyle gewesen, dass die Menschen im Stadion nicht vor Verzückung schreien können, weil ihnen ständig der Atem genommen wird. Aus den britischen Wiesen des 18. Jahrhunderts wird in wenigen Minuten eine dunkle Industriestadt, rauchende Schornsteine ragen empor - und plötzlich schweben die aus Stahl gegossenen Olympischen Ringe über dem Stadion.

Da liest J.K. Rowling aus "Peter Pan" vor, Sekunden später tanzen überdimensionierte Puppen von Captain Hook, Cruella de Ville und Lord Voldemort durchs Stadion. Da dirigiert Sir Simon Rattle das Londoner Symphonieorchester - und plötzlich sitzt da Rowan Atkinson am Ostinato und sorgt für eine herrlich komische Einlage. Da fährt David Beckham mit einem Speedboot über die Themse und wirkt dabei noch bondiger als James Bond.

Boyle schaffte nicht nur eine Antithese zu Peking, Athen, Sydney und Atlanta, ihm gelang auch eine herrliche britische Inszenierung, eine Hommage auf London. Und ihm gelang auch ein besonderes Statement: In seine Sequenz der schönsten Küsse hatte er auch den Kuss zwischen Beth Jordache und Margaret Clemence aus der Soap Opera "Brookside" hineingeschnitten - aufgrund der Liveübertragung dürfte das in vielen Ländern der erste lesbische Kuss im Fernsehen gewesen sein. In den sozialen Netzwerken wurde jedenfalls sogleich diskutiert.