Erik Zabel im SZ-Interview "Meine Schuld wird mich immer begleiten"

Vergangenheit in Magenta: Der frühere Telekom-Fahrer Erik Zabel. 

(Foto: dpa/dpaweb)

Epo, Cortison, sogar Bluttransfusionen: Erik Zabel hat endlich ausgepackt und alles über seine jahrelangen Dopingpraktiken erzählt. Im Interview mit der SZ berichtete der ehemalige Radprofi über die schwerwiegenden Lügen in seiner Karriere, die jetzt in Trümmern liegt. Das Geständnis im Wortlaut.

Von Andreas Burkert

"Ich habe viel länger gedopt, viele Jahre": Dieses Bekenntnis des ehemaligen Rad-Profis Erik Zabel in einem ausführlichen Interview mit der Süddeutschen Zeitung hat für viel Wirbel gesorgt. Zabel erntete positive Reaktionen - aber auch Kritik. Im Jahr 2007 hatte er schließlich schon einmal behauptet, all seine Doping-Sünden zu gestehen - aber lediglich eingeräumt, 1996 kurz mit dem Blutdoping-Mittel Erythropoietin, kurz Epo, experimentiert zu haben. Zabels neue Aussagen, erschienen in der Ausgabe vom Montag, den 29. Juli 2013, gehen nun wesentlich weiter.

Der sechsmalige Gewinner des Grünen Trikots bei der Tour de France räumt ein, ab 1996 regelmäßig Epo und Cortison genommen zu haben und spricht über Eigenblut-Infusionen. Er beschreibt, wie er zum Doping kam und wie dieses sein ganzes Leben veränderte. Außerdem äußert er sich zu den Beweggründen für seinen späten Schritt an die Öffentlichkeit: Er will seinen Frieden finden und einer neuen Generation Radsportler, zu der auch sein 19-jähriger Sohn Rick gehört, helfen. Das Gespräch im Wortlaut.

Viel geschlafen, das sieht man, hat Erik Zabel die letzte Zeit nicht mehr, vor allem nicht mehr seit Mittwoch - seitdem in aller Welt auch von seiner "Lebenslüge" geschrieben wird, die er 2007 mit einem allzu rudimentären Geständnis zu übertünchen suchte. Ein paar Tage hat er mit sich gerungen, nun doch mal richtig reinen Tisch zu machen, mit seiner kompletten Vita als erfolgreicher Radprofi, der das tat, was wohl alle taten im Feld: dopen, jahrelang. Ein erstes, langes Treffen an einem Flughafen bringt ein offenes Gespräch, viele Emotionen - und auch wieder Zweifel. Es wird sich vertagt, aber gleich abends ruft er dann an und sagt, etwas unerwartet nach den Eindrücken des Tages : "Ich mach's."

Insgesamt mehr als tausend Kilometer legt er dafür noch mal im Auto zurück, auf der Hinfahrt immer wieder die Frage: "Umdrehen?" "Aber ich bin ja gefahren", erzählt seine Frau Cordula beim zweiten Treffen. Seit 1991 sind sie ein Paar - und sie hat doch nichts gewusst, sagt sie, allenfalls "geahnt", in welcher Parallelwelt auch ihr Mann feststeckte, wie so viele. Dort regierte bisher die Omertà, das Schweigegelübde, und so sollte man jetzt auch Zabels Mut sehen, den er aufbringt, wenn auch im zweiten Anlauf. "Ich stecke jetzt in der Ulle-Falle", hatte er ganz zu Beginn mal gesagt, mit Verweis auf seinen einstigen Kapitän Jan Ullrich, der Persona non grata ist, mehr denn je. Doch Erik Zabel, 43, will dort raus. Ein schwerer Weg, einer, der weh tut.

Aber er versucht es.

SZ: Herr Zabel, am Mittwoch hat eine Anti-Doping-Kommission des französischen Senats die Ergebnisse von Nachtests der Tour 1998 veröffentlicht. Ein Detail lautete: Nicht nur Jan Ullrich und Marco Pantani waren mit Epo gedopt, sondern auch Erik Zabel, obwohl er 2007 der Nation erklärt hatte, nur 1996 eine Woche Epo genommen zu haben.

Erik Zabel: Ja, jetzt bin ich das Arschloch, und ich fühle mich auch unwohl in meiner Haut. Und das eigentlich schon seit fünf Wochen. Ich bin gar nicht mehr aus dem Haus gegangen, wenn ich nicht irgendwohin musste.

Seit vor der Tour 2013 die Meldung kam: Frankreichs Volksheld Laurent Jalabert wird in dem Pariser Report als Epo-Sünder enttarnt werden?

Ja, am Montag vor der Tour habe ich um 21.30 Uhr im Internet die Meldung von Jalabert gelesen und das mit den Nachtests der Tour 1998. Da holt dich auf einmal die eigene Geschichte ein.

In Ihrem Fall: Ein Geständnis am 24. Mai 2007 zum damals enthüllten Doping beim Team Telekom - ein Geständnis, das nicht wirklich aufrichtig war.

Weil ich da nur einen kleinen Teil der Wahrheit gesagt habe. Ich habe viel länger gedopt, viele Jahre.

Diese Lüge im vermeintlichen Geständnis, wie haben Sie mit ihr all die Jahre seit 2007 gelebt?

Nach dieser Pressekonferenz in Bonn folgte erst mal eine schwere Phase. Aber dann ging es mir eigentlich ganz gut, weil die meisten Leute mein Statement ja akzeptierten. Aber die Diskussionen über Doping blieben an der Tagesordnung, und die, die mich wirklich gut kennen, die haben sicher auch gemerkt: Das war kein Thema, über das ich gerne sprechen wollte. Weil ich da noch etwas verheimlichte.

Wann haben Sie realisiert, dass Sie mit dem Teil-Geständnis den nächsten Fehler begangen hatten?

Eigentlich schon da oben auf dem Podium. Ich wusste sofort, dass diese Pressekon- ferenz nicht ausreichend ist - für mich selbst. Auch wenn ich dann bald dachte, ich komme damit durch. Der Öffentlichkeit hat es ja lange gereicht.

Wieso haben Sie 2007 nicht die ganze Wahrheit erzählt?

Vor allem wollte ich mein Leben behalten, mein Traumleben als Radprofi. Das hat man ja so geliebt, diesen Sport, die Reisen. Dieser Egoismus, der war einfach stärker. Ich wollte weiter fahren.

Und das wäre nicht gegangen, wenn Sie mehr als eine Epo-Kur zugegeben hätten?

Das werde ich leider nie erfahren.

Sie schieben jetzt den Egoismus beiseite und offenbaren sich umfassend. Wieso?

Als ich das las - Jalabert in Nachtests von 1998 positiv auf Epo -, da wusste ich ja, dass die Wahrscheinlichkeit sehr groß ist, dass mir das auch passiert. Der erste Gedanke, der mir nach der Nachricht kam, war a): Hättest du mal damals mehr Mut gehabt, damals vielleicht mit Konsequenzen leben zu können. Und b): Wie sage ich das jetzt meiner Familie, wie sage ich das Rick?

Sie haben Ihren Sohn Rick schon 2007 auf der Pressekonferenz erwähnt, als Sie unter Tränen sagten: "Wenn ich erwarte, dass er ehrlich und geradeaus ist, kann ich ihn halt nicht weiter anlügen." Diese Emotionen haben Ihnen damals vermutlich Sympathien eingebracht - jetzt verstärken sie das Unverständnis der Öffentlichkeit.

Bei allen Fehlern, die ich bei der Presse- konferenz 2007 gemacht habe, war der größte sicher, Rick da mit reinzuziehen. Dass das eine Riesendummheit war, wusste ich schon auf der Heimfahrt. Und deswegen sitzen wir jetzt sicher auch hier, wegen ihm. Ich fordere ja Sachen von ihm ab, an die ich mich bis jetzt selbst nicht gehalten habe. Wie mich die Leute jetzt vernichten oder auch nicht, das kann ich nicht beeinflussen. Aber Rick hat jetzt mit 19 seinen ersten Profivertrag unterschrieben, er startet gerade seine Karriere.

Sie wollen ihm wenigstens einen Rucksack abnehmen?

Den Namen kann er ja nicht ablegen. Auf dem Papier liest sich das ja immer plakativ: "Die Sündergeneration, die alte Garde, die Doper, sie müssen endlich Klartext reden, sich zur Vergangenheit bekennen, damit der Radsport an sich und die neue Generation wieder eine Chance bekommt und nicht dieselben Fehler machen." Das ist eigentlich ein ganz einfacher, plausibler Satz. Aber plötzlich betrifft er mich, und zwar doppelt. Ich weiß nicht, wo es bei Rick hinführen kann. Aber er hat jetzt die Chance und den Wunsch, zu dieser neuen Generation zu gehören. Also muss ich was tun.

Haben Sie am Mittwoch mit ihm geredet, als die Nachricht aus Paris kam?

Ja. Wenn wir mal zusammen Rad gefahren sind, hatte ich schon da in jeder einzelnen Sekunde den Wunsch, ihm meine Geschichte zu erzählen: "Rick, da ist was, da ist noch mehr, das steht eigentlich immer noch zwischen uns, und das ist eine Last für mich und ich würde es gerne versuchen, dir zu erklären." Ihm das zu sagen, hätte jeden Tag klappen können! Aber ich habe immer einen Grund gefunden, es nicht zu tun - selbst in den vergangenen fünf Wochen. Ich fand immer einen Weg, vor dem Schritt zu flüchten.

Am Mittwoch ging das nicht mehr.

Ja, aber es war toll, er hat großartig reagiert. Ich habe ihm versucht zu erklären, wie das mit 2007 kam, dass ich in Wahrheit viel länger gedopt habe - und wie es früher war.

Wie war es früher, wann fing es an? Schon in der DDR, als Sie im National- kader der Bahn-Junioren standen?

Nein, der Beginn, der war schon so, wie ich ihn auf der Pressekonferenz im Mai 2007 geschildert habe, also 1996. In der DDR gab es staatliches Doping. Aber '87 und '88 war ich Junior, '89 bei den Amateuren. Wir hatten da einen guten Trainer, der hat mich vor diesen Dingen beschützt. Es gab damals nur die Ausreise-Kontrollen, um sicherzugehen, dass man clean war. Aber da hatte ich nie etwas zu befürchten.

Es kam die Wende, 1992 standen Sie im deutschen Olympia-Kader. Dort?

Nein. Wir wissen ja inzwischen, dass auch im westdeutschen Sport gedopt wurde. Aber nach der Wiedervereinigung herrschte sehr großes Misstrauen zwischen den Personen aus den beiden alten Systemen. Das war vielleicht mein Glück.