Erfolgssaison des FC Bayern Kampf dem Sekundenschlaf

Aufgepasst, Juve kommt: Die Bayern-Spieler freuen sich über das 9:2 gegen Hamburg.

(Foto: dpa)

Nur eines könnte derzeit die Laune des Rekordmeisters gehörig verschlechtern: Wenn es gegen Juventus wieder so ein Schock-Erlebnis gäbe wie damals im Finale gegen Chelsea. Aber dafür wirken die Bayern in dieser Saison zu gefestigt, zu dominant und zu zielstrebig.

Ein Kommentar von Klaus Hoeltzenbein

Rekorde, Rekorde, Rekorde, ganz schwindlig kann einem werden von all den rekordigen Rekordrekorden. Als da wären, um nur die wesentlichen zu nennen: a) die meisten Siege am Saisonanfang (8); b) die früheste Herbstmeisterschaft (am 14. Spieltag); c) die beste Rückrunden-Startbilanz (zehn Siege, da geht noch was!!); d) die meisten Auswärtssiege (zwölf, auch da ist viel, viel mehr drin!!!).

Das ist schön für die Chronik, aber damit sitzt der FC Bayern nun auch in der Falle, der selbstgestellten. Die Münchner setzen Maßstäbe, schüren Erwartungen, an denen sie im Saisonfinale gemessen werden. Man stelle sich nur eines vor: Am Samstag wird en passant in Frankfurt die Meisterschaft besiegelt - und vorher, an diesem Dienstag, hätten sie 0:2 gegen Turin verloren.

Es wäre aus der Perspektive des ehedem so stolzen HSV, der sich in München 2:9 demütigen ließ, und der in Dekaden nicht mehr in der Nähe eines Viertelfinales der Champions League erwartet wird, ein vergleichsweise erträgliches Schicksal. Nach der innerbetrieblichen Erfolgs- Logik der Münchner wäre es eine Katastrophe. Es wäre ein vergifteter Titel.

Weil sie wissen, dass sie es in dieser Saison drin haben. Weil sie wissen, dass sie dominanter, zielstrebiger sind als vor einem Jahr. Da scheiterten sie erst am FC Chelsea, im Finale, weil sie in einer Sekunde, bei einer Ecke von rechts, geschlafen haben. Und heute? Fallen die wenigen Gegentore, die sie bekommen, meist nach dem gleichen Muster: nach Ecken von rechts!

Zwei Mal gar gegen den HSV! Das ist chronisch und erinnert an die altdeutsche Heldensage - an Jung-Siegfried, der in Drachenblut badete, nur dort, wo dieses Lindenblatt lag, zwischen den Schulterblättern, da blieb er verletzlich. Und Chelseas Drogba, das ist den Münchnern jetzt ihr Mörder Hagen.

Aber wer hat schon so ein eigenes Trauma? Auch deshalb kann der FC Bayern mildernde Umstände reklamieren, sobald ihm mal wieder die Rhetorik entgleitet. Wenn Präsident Hoeneß wie jüngst gegen den FC Arsenal bis Abpfiff zittern muss und später klagt, "einen Dreck" habe er da zuletzt gesehen. Oder wenn Sportmanager Sammer, die neue Gouvernante des Klubs, nach dem HSV-Sieg streng den Befehl zur Mutation erteilt: "In den vergangenen Wochen hat es bei uns ein bisschen gemenschelt - jetzt wollen wir wieder Maschinen sein."

Kalt könnte es einem da den Rücken runterlaufen, würden die Profis nicht so quicklebendig wirken. Die meisten scheinen gegenüber den Münchner Rollenspielen längst eine gewisse Resistenz entwickelt zu haben, zudem eint vor dem Besuch der Juve aus Turin ein Ziel: der Kampf gegen den Sekundenschlaf. Da es dagegen kein Allheilmittel gibt, wird halt im Tonfall experimentiert.