Von Wolfgang Koydl

Goldene Medaillen-Ernte: Die Briten sind bei den Olympischen Spielen so gut wie seit 100 Jahren nicht mehr und liegen im Medaillenspiegel vor Deutschland. Dafür gibt es einen Grund.

Im Kaukasus stehen sich Russland und die Nato säbelrasselnd gegenüber, Nordirland versinkt in den schlimmsten Fluten seit Menschengedenken, und Premierminister Gordon Brown kämpft fast schon aussichtslos um das politische Überleben. Doch die Briten und ihre Massenmedien lässt dies alles kalt: Seit Tagen gibt es nur ein Thema, wenn man eine Zeitung aufschlägt, den Fernsehapparat anschaltet, oder ein Gespräch beginnt: die goldene Medaillenernte von Team GB bei den Olympischen Spielen.

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Der Radler Chris Hoy hat in Peking drei Goldmedaillen gewonnen. Das war 100 Jahre lang keinem anderen Briten gelungen. (© Foto: AFP)

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Man muss schon sehr lange zurückgehen, um einen Vergleich für diesen Erfolg zu finden - genau genommen 100 Jahre. Bei den Spielen 1908 in London führte Großbritannien den Medaillenspiegel mit 56 goldenen Auszeichnungen an. Dabei war Britannien nur im letzten Moment eingesprungen: Rom, der ursprünglich vorgesehene Austragungsort, konnte sich das teure Spektakel nach einem katastrophalen Ausbruch des Vesuv nicht mehr leisten.

Der Pool der Fliegenfischer

1908 war auch das letzte Jahr, in dem ein britischer Sportler drei Goldmedaillen gewann. Es war der Amateur-Schwimmer Henry Taylor, dem diese Leistung über 200, 400 und 1500 Meter in einem Swimmingpool gelang, der außerdem für einen Wettbewerb im Fliegenfischen genutzt wurde. Erst der Radfahrer Chris Hoy konnte diesen Erfolg nun in Peking wiederholen.

Dass ausgerechnet die britischen Radler so gut abschnitten, überrascht Kenner der Szene freilich nicht. Denn vor allem der Radsport (22 Millionen Pfund für 2008), aber auch die Segler und die Ruderer profitierten überdurchschnittlich von der massiven Sportförderung, welche die Regierung für die Spiele in der chinesischen Hauptstadt bereit gestellt hatte: Im Schnitt ließ sich das Vereinigte Königreich jede der bislang 16 Goldmedaillen satte 9,4 Millionen Pfund kosten.

Zum Vergleich: Die vergleichsweise magere Ausbeute 2000 in Sydney (elfmal Gold) und 2004 in Athen (neun Goldmedaillen) kosteten jeweils etwas mehr als zwei Millionen Pfund pro Auszeichnung.

Der Wert dauerhafter Investitionen

Der Breitensport ist in Großbritannien eher unterentwickelt, daher erscheint es passend, dass der Löwenanteil der Sportgelder von einem wirklich populären Zeitvertreib der Briten finanziert wird: der Wettleidenschaft. Es war Premierminister John Major, der 1994 eine nationale Lotterie ins Leben rief - mit dem ausdrücklichen Ziel, deren Gewinne in den Sport und in die Kultur fließen zu lassen. John Steele, der Vorsitzende der Sportbehörde UK Sport, bekräftigte denn auch: "Diese Art von Erfolg kommt nicht über Nacht und zeigt den Wert dauerhafter und gezielter Investitionen."

Für die Spiele in London in vier Jahren hatte Gordon Brown als Schatzkanzler bereits vor zwei Jahren 600 Millionen Pfund alleine für die Förderung von Sportlern bereitgestellt. Davon sollen 300 Millionen von der Lotterie, 200 Millionen aus Steuergeldern und die restlichen 100 Millionen aus der Privatwirtschaft kommen.

Aus der letzten Quelle freilich ist noch kein einziger Penny geflossen, weshalb man ein massives Defizit für 2012 befürchtet. Kürzungen scheinen unausweichlich, und daher ist schon jetzt ein Ringen darum ausgebrochen, welche Sportart mehr und welche weniger profitieren wird. So wie es aussieht, wird Erfolg belohnt und Scheitern bestraft. Mit anderen Worten: Wer in Peking Gold gewonnen hat, kann auch weiter Geld erwarten.

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(sueddeutsche.de/sma)