Enthüllungen im Fußball "Anabolika-Doping in systematischer Weise"

Eine Expertengruppe der Uni Freiburg findet Belege, dass bei den Fußballklubs VfB Stuttgart und SC Freiburg in den 1970er und 1980er Jahren leistungssteigernde Mittel eine Rolle gespielt haben sollen. Im Mittelpunkt steht der umstrittene Sportmediziner Armin Klümper.

Von Johannes Aumüller und Thomas Kistner

Dem deutschen Fußball droht der größte Dopingskandal seiner Geschichte. Nach Erkenntnissen der unabhängigen Evaluierungskommission, die seit 2007 der Doping-Vergangenheit der Universität Freiburg nachspürt, lasse sich anhand neu ausgewerteter Akten erstmals "Anabolikadoping in systematischer Weise" für den Profifußball in Deutschland "sicher beweisen". Betroffen davon waren demnach in den späten 70er- und frühen 80er-Jahren der Bundesligist VfB Stuttgart sowie der damalige Zweitligaklub SC Freiburg. Die Dopingforscher stützen sich auf juristische Ermittlungen aus den 80er-Jahren.

Die zentrale Figur ist dabei der langjährige Freiburger Sportmediziner Armin Klümper. Dass er enge Bande in die Fußballwelt unterhielt, ist kein Geheimnis. Viele Profis ließen sich in den 80er-Jahren von ihm behandeln. Der frühere Stuttgarter Vorstopper Karlheinz Förster etwa berichtete, wie er einmal im Monat zu Klümper fuhr, um sich spritzen zu lassen: "Fünf, sechs Injektionen mit knorpelaufbauenden Mitteln, und wenn eine Entzündung drin war, natürlich auch mit Cortison."

Als Klümper 1987 wegen eines Betrugsverfahrens Probleme mit dem Finanzamt bekam, hatten für ihn "fast 1000 Sportler eine Ehrenerklärung unterschrieben", wie es in einem unveröffentlichten Buch-Manuskript Klümpers heißt, das der SZ vorliegt. Zudem sollen reichlich Spenden geflossen sein, unter anderem sollen auch namhafteste Fußballer "tief in die Tasche" gegriffen haben, wie Klümper selbst schreibt. Zu seinen Fürsprechern zählte er neben damaligen Stuttgarter Stars wie Hansi Müller auch die Bayern-Profis Uli Hoeneß, Karl-Heinz Rummenigge und Paul Breitner. 1987 hatte bereits der Spiegel im selben Kontext Rummenigge und die Hoeneß-Brüder benannt.

Die Drähte von Sportarzt Klümper in die Fußballwelt waren schon immer eng

Zugleich zählt Klümper, der vor mehr als zehn Jahren nach Südafrika umsiedelte, seit vielen Jahren zu den Zentralfiguren einer weitflächigen (west)deutschen Doping-Systematik. Unter anderem war er ein behandelnder Arzt der Leichtathletin Birgit Dressel, die 1987 nach jähem Multi-Organversagen verstarb, als Folge eines toxisch-allergisch ausgelösten Kreislaufschocks. Dressels Tod wurde auch auf einen endemischen Dopingeinsatz zurückgeführt. Zur Todesursache wurde ermittelt, dass sie seit 1981 Patientin von Klümper war und in den 16 Monaten vor ihrem Tod etwa 400 Spritzen erhalten hatte. Auch nahm sie das Anabolikum Megagrisevit.

Neu ist an den Erkenntnisse der Freiburger Forscherkommission, dass es nun auch einen unmittelbaren Dopingzusammenhang zwischen Klümper und dem Fußball gibt. "Gezeigt werden können erstmalig die Strukturen des Dopings im Fußball am Beispiel der hauptverantwortlichen Mitwirkung von Prof. Dr. Klümper inklusive der Finanzierung solcher Aktivitäten durch die Vereine", heißt es in einer Mitteilung des Kommissionsmitglieds Andreas Singler. Es sei "der sichere Befund" möglich, dass Anabolikadoping im Profifußball eine zentrale Rolle gespielt habe, nämlich in größerem Umfang beim VfB Stuttgart sowie - wenn auch nur punktuell nachweisbar - bei Freiburg, wo immerhin eine Anabolika enthaltende Lieferung auf Veranlassung von Klümper überliefert sei. Dabei kam jeweils Megagrisevit zum Einsatz. Generell verweist die Mitteilung auf einen enormen, auf mehrere Zehntausend D-Mark pro Jahr bezifferten Medikationsaufwand in den Vereinen, die auf eine verbreitete Praxis des Medikamentenmissbrauchs schließen lassen.

Dass die Fakten ausgerechnet jetzt publik werden, zeugt von einem Bruch in der Kommission

Im besagten Zeitraum spielten viele prominente Akteure für die beiden Klubs, darunter neben Förster oder Hansi Müller auch der heutige Bundestrainer Joachim Löw. Von Seiten der Kommission hieß es aber ausdrücklich, "dass eine Zuordnung von Medikationen an einzelne, konkret zu benennende Spieler nach Auswertung der Akten der Staatsanwaltschaft Freiburg nicht möglich ist". Das gilt auch im Hinblick auf den übrigen Patientenkreis des Mediziners im Profifußball.

In einer ersten Reaktion des VfB Stuttgart hieß es am Montag, dass dem Klub das Gutachten nicht vorliege: "Aus diesem Grund kann nach derzeitigem Kenntnisstand seitens des VfB Stuttgart nicht nachvollzogen werden, worauf die Vorwürfe fußen beziehungsweise ob und wenn ja in welcher Form sie zutreffend sind." Festzustellen sei, dass Klümper "zu keinem Zeitpunkt Vereinsarzt des VfB Stuttgart war". Ähnlich äußerte sich der SC Freiburg.

Doping in der Bundesliga, ein offenes Geheimnis?

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Die Sichtung der neuen Akten ergibt den Forschern zufolge auch brisante Funde zu Umfang und Systematik des Dopings im Radsport. "In fast flächendeckender Manier" habe zwischen 1975 und etwa 1980 auf Klümpers Veranlassung Doping stattgefunden; dies sei auch vom BDR aus einem eigenen "Ärzteplan" finanziert worden. "Dabei ist derzeit nicht auszuschließen, dass auch Minderjährige Dopingmittel erhalten haben könnten", heißt es.

Bemerkenswert ist aber auch, dass überhaupt Erkenntnisse zu diesem Themenkomplex publik werden. Als sich die Freiburger Dopingkommission 2007 konstituierte, hieß es zunächst, dass ihre Arbeit auf die Abteilung Sportmedizin beschränkt sei - der gehörte Klümper nicht an. Später wurde der Auftrag ausgeweitet, wobei die Kommission immer wieder Blockaden und Widerstände zu überwinden hatte. Diese offenkundig brisanten jüngsten Erkenntnisse zu Doping in Fußball und Radsport steckten in einem Aktenkonvolut, das im Zuge eines Betrugsverfahrens gegen Klümper in den Achtzigerjahren erstellt worden war. Früh hatten die Forscher Kenntnis davon, allerdings galten die Akten mehr als zwei Jahre als verschollen. Erst Ende 2014 - Kommissionschefin Letizia Paoli hatte wegen diverser Behinderungen bereits ein Rücktritts-Ultimatum gestellt - tauchte das rund 60 Aktenordner umfassende Material plötzlich in einer "Außenstelle" der Staatsanwaltschaft Freiburg auf. Daraus entstand ein zirka 60-seitiges Gutachten, deren zentrale Erkenntnisse nun in einer Pressemitteilung publik wurden.

Allerdings beruht diese nicht auf einem Kommissionsbeschluss, stellte Paoli am Montag klar - sondern auf einem "Alleingang" des Mitglieds Singler. Paoli bedauert dessen Vorstoß "außerordentlich". Jedoch seien die "Dopingvorwürfe gegen Klümper, den Bund Deutscher Radfahrer, den VfB Stuttgart und SC Freiburg nach meiner Kenntnis durch die Akten belegt".