Englischer Fußball Eigentümer von den Jungferninseln

Ein Gaunerstück um den Viertligisten Notts County setzt den passenden Schlusspunkt hinter ein Jahrzehnt, in dem Englands Fußball seine Traditionen verkaufte.

Von R. Honigstein

"Ich bin nach Nottingham gekommen, um die größte Fußball-Herausforderung meines Lebens zu bestehen und Notts County in die Premier League zu führen", sagte Sven Göran Eriksson bei seiner Präsentation im Juli. Den Job als Sportdirektor beim Viertligisten habe er nicht des Wetters, der schönen Stadt oder des Geldes wegen angenommen.

Die ersten beiden Nicht-Beweggründe nahm man dem geschäftstüchtigen Schweden ab, den letzten nicht. Natürlich war es das üppige Gehalt, das den ehemaligen Nationaltrainer Englands zum ältesten noch aktiven Profiklub der Welt lockte; die neuen County-Eigentümer - Munto Finance, ein in der Schweiz registriertes Konsortium aus dem Nahen Osten - hatten Eriksson auch ein üppiges Aktienpaket in Aussicht gestellt.

Das Provinz-Projekt ließ sich gut an. Notts County verpflichtete Torhüter Kasper Schmeichel, den Sohn des ehemaligen dänischen Weltklasse-Torwarts Peter Schmeichel, für eine knappe Million Euro von Manchester City - Transfer-Rekord für die League2 genannte vierte Klasse. Verteidiger Sol Campbell, 35, einst beim FC Arsenal, unterschrieb kurz darauf einen Fünfjahresvertrag. Notts County, von dessen Trikotfarben sich 1903 Juventus inspirieren ließ, führte nach zwei Spieltagen die Tabelle an.

Campbell aber verabschiedete sich im September nach nur einem Spiel. Dem Vernehmen nach hatte County ihm gegenüber gemachte Zusagen bezüglich eines neuen Trainingsplatzes und weiterer Star-Spieler nicht eingehalten; Campbell äußerte sich wegen einer Schweigeklausel im Auflösungsvertrag nicht. Erstmals kamen nun Fragen nach der Identität der Eigentümer und ihrer Finanziers auf. Eriksson gab keine Antwort. "Ist es wichtig, wem der Klub gehört? Die Fans lieben Fußball, sie wollen neue Spieler und ihre Mannschaft gut spielen sehen. Ich kenne zwei Investoren, ob es mehr gibt, weiß ich nicht."

Mysteriöse Geschichte

Munto Finance ließ verlautbaren, eine Tochtergesellschaft von Qadbak zu sein, eine auf den Britischen Jungferninseln gemeldete Investmentfirma. Notts County gab daraufhin den pakistanischen Geschäftsmann Anwar Shafi offiziell als Qadbak-Investor bekannt, doch der Millionär aus Islamabad stritt alles ab. "Ich bin das nicht", sagte Shafi, "ich habe mit dem Verein überhaupt nichts zu tun."

Noch mysteriöser wurde die Geschichte, als Qadbak versuchte, den BMW-Sauber-Rennstall zu übernehmen. Eine Delegation der Swiss Commodity Holding (SCH), eine Schweizer Firma mit den selben Vorstandsmitgliedern wie Qadbak, reiste im Oktober nach Nordkorea, um die Regierung von Pjöngjang als Investor zu gewinnen. Der Versuch scheiterte. Der Formel-1-Deal platzte, weil die von SCH angeblich kontrollierten 800 Milliarden Dollar nur auf Papier existierten. Die Schweizer Sonntagszeitung fand heraus, dass hinter Qadbak niemand anders als "der rechtskräftig verurteilte Betrüger und Finanzjongleur" Russel King stand. Eine jenem King nahestehende Firma namens First London hatte Munto Finance - also letztlich King selbst - vor dem Kauf von Notts County eine Garantie von fünf Millionen Pfund ausgestellt.

"Ich wurde reingelegt", sagte John Armstrong-Holmes, der im Sommer als Vorsitzender der County-Treuhandgesellschaft den hochverschuldeten Klub für ein Pfund an Munto Finance verkauft und sogar ein durch Fan-Spenden finanziertes Darlehen von knapp 200 000 Euro abgeschrieben hatte: "Man hat mir versichert, dass reiche Investoren ganz neue Möglichkeiten für den Klub schaffen würden, aber nun muss man um die Zukunft des Vereins fürchten." Eriksson erwachte im Dezember auch aus seinen Träumen: Er beauftragte einen Anwalt, versprochene Millionen einzuklagen.

Das Gaunerstück aus den Midlands setzt den passenden Schlusspunkt hinter ein Jahrzehnt, in dem der englische Fußball sich und seine Tradition bedenkenarm an die Meistbietenden verkaufte. 2002 wurde der Traditionsklub FC Wimbledon von den Besitzern gegen den Willen der Fans hundert Kilometer weiter nördlich in die Trabantenstadt Milton Keynes verpflanzt. Ein Jahr später leitete der Russe Roman Abramowitsch mit der Übernahme des FC Chelsea einen internationalen Run auf die Premier League ein; den Ausländern gefielen die steuerlichen Erleichterungen im Vereinigten Königreich und die investitionsfreundlichen Klubstrukturen. Amerikaner kassierten mit Hilfe großzügiger Bankendarlehen den FC Liverpool und Manchester United, oder sie finanzierten wie der Kreditkartenmilliardär Randy Lerner (Aston Villa) das neue Hobby aus der Privatschatulle. Die Herrscher-Familie von Abu Dhabi päppelte Manchester City zum Spitzenklub hoch, Birmingham City soll es unter dem Casino-Besitzer Carson Yeung aus Hongkong ähnlich ergehen.

Wem gehört Leeds United

Während in der erfolgreichsten Fußball-Liga der Welt das öffentliche Interesse und die Lizenzauflagen der Premier League noch für relative Transparenz der Eigentumsverhältnisse sorgen, geben sich in den Etagen darunter die Hasardeure die Klinke in die Hand. Vier Jahre nach der Übernahme durch den früheren Chelsea-Besitzer Ken Bates ist immer noch nicht bekannt, wem Leeds United wirklich gehört. Der Drittligist wird von einer Steueroasen-Firma kontrolliert. Bates gab im Januar zu, deren Besitzer zu sein, zog im Mai aber seine Aussage zurück. Er habe sich "geirrt", gab der 78-Jährige vor Gericht zu Protokoll.

Oft haben es die Nicht-Investoren in unteren Klassen auf die Spielstätten abgesehen. Mehrere Traditionsklubs mussten erleben, wie die neuen Eigner die Stadien verkauften und mit dem Erlös das Darlehen für den Kauf des Vereins zurückzahlten. Zurück blieben Teams mit Schulden, aber ohne eigenen Platz.

Dieses Schicksal droht Notts County noch nicht. Der von Munto Finance eingesetzte Geschäftsführer Peter Trembling erwarb den Klub vor zwei Wochen für eine symbolische Summe von den Eigentümern und versprach neue Investitionen. Die Football League nickte das Geschäft sofort ab; Eriksson macht vorerst weiter. Wer Trembling die finanziellen Mittel für den Neubeginn zur Verfügung stellt, weiß offiziell niemand. Demnächst soll County übrigens ein neues Wappen bekommen. Im alten prangt noch das Logo von SCH.