Englische Torhüter Pleiten, Pech und Pannen

Jordan Pickford, der englische Nationaltorhüter.

(Foto: Getty Images)
  • Englische WM-Torhüter sorgten in der Vergangenheit für viele Pannen und tragische Momente.
  • In Russland soll nun der junge Jordan Pickford im Tor stehen.
  • Doch auch an ihm gibt es Zweifel.
Von Sven Haist, London

Bevor noch etwas schiefgeht bei Jordan Pickford, entschied sich Trainer Gareth Southgate, seinen besten Torwart gar nicht aufzustellen. Beim 2:0 im Freundschaftsspiel gegen Costa Rica verzichtete der englische Nationalcoach auf einen Einsatz von Pickford, um den Stellvertretern Jack Butland und Nick Pope die Chance zu geben, sich für jeweils eine Spielhälfte zu beweisen. Der Clou hinter Southgates Personalauswahl lag darin, dass sich Pickford auf der Ersatzbank keines Fehlers schuldig machen konnte, so unmittelbar vor der Weltmeisterschaft in Russland.

Nicht auszudenken wäre es gewesen, wenn nach einem Lapsus im aufgeregten England die Diskussion über die Besetzung des Keepers nach einer knapp zweijährigen Selektion wieder von vorne begonnen hätte. Schließlich war es schwer genug, überhaupt einen Torwart zu finden, dem die Mannschaft vertraut.

Pickford kam bislang nur bei Testspielen zu Einsatz

Sofern der Auswahlprozess an der neuralgischen Stelle im Kader nicht eine unvorhergesehene Wende nimmt, ist die Entscheidung zugunsten Pickfords gefallen. Bereits bei der englischen U21 baute Southgate auf den Torwart des FC Everton und setzte ihn kürzlich bei der Nominierungsliste für die WM an die vorderste Stelle seines Aufgebots. Der 24-Jährige steht somit kurz davor, zum jüngsten Torhüter der englischen Fußball-Historie bei einem Großereignis zu werden - und zum unerfahrensten. Ohne in seiner Karriere ein Pflichtspiel für die Three Lions bestritten zu haben, darf sich Pickford vor dem Auftaktduell mit Tunesien am 18. Juni in Wolgograd als Nummer eins des Teams fühlen. Bei seinen bisherigen drei Länderspielen, die allesamt Testpartien waren, wehrte er 14 Schüsse aufs Tor ab: vier gegen Deutschland (0:0) im November, sechs gegen die Niederlande (1:0) im März und vier gegen Nigeria (2:1) vor einer Woche.

Zum ersten Mal sorgte Pickford im vergangenen Sommer für Aufsehen, als er durch seinen Weggang vom FC Sunderland für 34 Millionen Euro den Status des teuersten britischen Torwarts bekam. Neben dem forschen Auftreten heben ihn seine fußballerischen Fertigkeiten am Ball von den Widersachern ab. Mit seinem starken linken Fuß gestaltet er den Spielaufbau der Engländer mit und kann mit zielgerichteten Abschlägen sogar Tore einleiten.

Nachgewiesen hat er das bislang in 69 Spielen der Premier League, bis auf drei Partien in der Europa League fehlt ihm jedoch die Expertise im internationalen Spitzenfußball. Und mit 1,85 Metern gehört Pickford, der aus Washington bei Newcastle im Nordosten der Insel stammt, zu den eher kleineren Torleuten. Das lässt ihn beweglicher und dynamischer erscheinen, aber auch ungeduldiger und zappeliger. Nicht zu unterschätzen ist Pickfords Nachteil bei der Reichweite und im Zweikampf mit den gegnerischen Stürmern in der Luft.

Bei Pickfords steilem Aufstieg in der Nationalelf kamen ihm im Verlauf der Saison mehrere Missgeschicke der Konkurrenz zugute: Nach dem Abgang bei Manchester City im Sommer 2016 verlor Englands eigentlicher Stammtorwart, Joe Hart, seine Form. Bei der Ausleihe in dieser Spielzeit zu West Ham United fiel er überwiegend mit Unsicherheiten auf. Seinen Kaderplatz verlor Hart letztlich an einem Montagabend im April, als Southgate auf der Tribüne einem folgenschweren Patzer beiwohnte. Obwohl Hart im Nationaltrikot zunächst unumstritten war, missfiel Southgate insgeheim schon bei der Amtsübernahme im Herbst 2016 dessen geringes Spielverständnis. Nach der gemeisterten Qualifikation wurde Hart abserviert.