England bei der Fußball-WM Als wäre das Herz in zwei Teile zersprungen

Trauer nach dem Spiel: Englands Trainer Gareth Southgate tröstet Torwart Jordan Pickford.

(Foto: AP)
  • England scheidet trotz eines frühen 1:0 im WM-Halbfinale gegen Kroatien aus.
  • Die Fans sind trotzdem stolz auf ihre Mannschaft - Mittelfeldspieler Eric Dier spricht über den großen Unterschied zur EM 2016.
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Von Martin Schneider, Moskau

Immer mehr Zuschauer verschwanden aus dem Luschniki-Stadion in Moskau, auf dem Rasen spielten fünf Kinder im Kroatien-Trikot mit dem Ball, und immer, wenn der Nachwuchs von Ivan Perisic und Co. ein Tor schoss, jubelte die kroatische Kurve. Verteidiger Domagoj Vida machte sich gerade auf den Weg zu ihnen, um sie wieder einzufangen, da erklangen aus den Stadionboxen die ersten Akkorde eines in England altvertrauten Liedes.

Einige England-Fans ließen sich erschöpft in ihren Sitz zurückfallen, andere standen erst recht wieder auf, und dann sang eine ganze Kurve das Oasis-Lied "Don't look back in anger" - schau nicht im Zorn zurück. In jedem "Soooooo Sally can wait", das die Fans mit den drei Löwen auf der Brust in die Moskauer Nacht hinaus schmetterten, lag ein Meer an traurigem Stolz. Auf der anderen Seite des Feldes schoss eins der Kinder noch ein Tor für Kroatien.

England hat es nicht geschafft. Mal wieder. Trotz einer Führung im WM-Halbfinale, trotz einer Euphorie im Land, trotz Gareth Southgate als Trainer stand am Ende ein 1:2 gegen Kroatien nach Verlängerung. Es wäre das erste WM-Endspiel seit 1966 gewesen. "Wir wissen nicht, ob und wann so eine Gelegenheit wiederkommt", sagte Harry Maguire mit traurigem Blick später. Maguire war der letzte Spieler, der in die Kabine ging. Er stand am längsten vor den englischen Fans, die das Team schon sofort nach Abpfiff feierten und ihm applaudierten. Maguire reiste vor kurzem noch selbst als Fan der englischen Nationalmannschaft hinterher, jetzt hielt er sich gedankenverloren seine Schienbeinschoner vors Gesicht.

Der Kontrast zur EM 2016

"Im Moment fühlen wir nur den Schmerz", sagte Southgate auf der Pressekonferenz und schaute dabei aus, als wäre sein Herz mit dem Abpfiff in zwei Teile zersprungen. "Es ist schwierig zu beschreiben, wie es einem geht. Vor dem Turnier hätten wir nicht gedacht, dass wir schon bereit für ein Halbfinale sind, aber nach diesem Spiel, vor allem nach der ersten Halbzeit ...". Es begann ja alles so gut für England. Kieran Trippier hatte nach fünf Minuten einen Freistoß direkt zur Führung verwandelt, in der ersten Halbzeit dominierte das Team, Harry Kane und Jesse Lingard hatten gute Gelegenheiten. "Wir hätten das zweite Tor machen müssen", sagten Southgate und Maguire und wahrscheinlich ein ganzes Land nach dem Spiel. "In der zweiten Halbzeit war vielleicht in den Köpfen, dass wir vor dem Finaleinzug stehen", sagte Southgate.

Denn nach dem Halbzeitpfiff war Kroatien besser, schoss verdient den Ausgleich durch Ivan Perisic und hätte auch das zweite Tor bereits in der regulären Spielzeit schießen können. Spätestens ab dem Pfostenschuss von Perisic wankte England wie ein getroffener Boxer, Mario Mandzukics Siegtor in der dritten Verlängerung der Kroaten bei diesem Turnier war folgerichtig. Nur ein besonderer Moment, vielleicht ein Glückstor, hätte England noch geholfen, John Stones setzte in der Verlängerung noch einen Kopfball aufs Tor, aber Sime Vrsaljko köpfte ihn von der Linie.

Harry Kane war der erste, der nach dem Spiel aus der Kabine kam. "Es tut weh und wird noch eine Zeit wehtun, aber wir werden positiv in die Zukunft blicken", sagte er. Es sei eine fantastische Reise gewesen, England sei weiter gekommen, als der Mannschaft das jemand zugetraut hätte. Der eingewechselte Eric Dier, der mit einem Pizza-Karton Richtung Bus stapfte, sagte: "Ich war ja vor zwei Jahren in Frankreich schon dabei, wenn man das Aus vergleicht - das ist schon ein Kontrast." Vor zwei Jahren schied England bei der Europameisterschaft gegen Island aus, die Nation wandte sich von der Nationalelf ab. Zu reich, zu selbstgefällig, kein Team des Volkes.