Bundestrainer Löw baut freundliche Drohkulissen: In Marko Marin hat er einen Herausforderer für die Feldspieler, in Torwart René Adler einen für Jens Lehmann gefunden.
Rund um die deutsche Nationalmannschaft gibt es so viele wichtige Fragen, dass es zunehmend schwer fällt, die normal wichtigen von den sehr wichtigen Fragen und die sehr wichtigen von den wahnsinnig wichtigen Fragen zu unterscheiden. Normal wichtig ist zum Beispiel die Frage, wie Bundestrainer Joachim Löw auf die Idee verfiel, den Gladbacher Marko Marin in seinen erweiterten EM-Kader einzusortieren. Sehr wichtig ist die Frage, ob Marin am Ende zu jenen drei Profis zählt, die Löw nach abgeschlossenem Casting aus seinem Kader rauswählen wird. Und wahnsinnig wichtig ist die kulinarische Frage, wie eine Weißwurst nach Mönchengladbach kommt. ´ Die Weißwurst begegnete Löw vor kurzem, als er in der Halbzeit des Zweitligaspiels Mönchengladbach gegen Wehen an den Imbissstand ging. Löw war mit Chefscout Urs Siegenthaler im Stadion, er war offiziell angemeldet, auch wenn der offizielle Zweck dieser Dienstreise (Ausspähung des Gladbacher DFB-Kandidaten Oliver Neuville) eine kleine Kriegslist enthielt. In Wahrheit waren die beiden Spione wegen Marin gekommen, sie wollten ihn endlich einmal selbst sehen, nachdem sie zuvor "den ein oder anderen verdeckten Agenten" (Löw) auf ihn angesetzt hatten.
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Derzeit sieht es so aus, als sollte Marko Marin mit zur EM fahren. (© Foto: Getty)
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"Nach zehn Minuten hatten wir eigentlich genug gesehen", sagte Löw im DFB-Trainingslager auf Mallorca. Sie sind dann doch geblieben, was lohnenswert war, weil eine Weißwurst am Niederrhein am Ende nicht die einzige Überraschung blieb. Die Überraschung des Tages war dieser kleine Marin, der den überzeugenden Dribblings aus den ersten zehn Minuten zahlreiche weitere folgen ließ. "Er kommt außen an den Ball, geht sofort auf den Mann, und seine Übersteiger sind nicht selbstgefällig, sondern haben immer ein Ziel", sagt Löw. "Seine Übersteiger dienen immer dazu, am Gegner vorbeizukommen."
Wäre Joachim Löw ein Sammler von Paninibildchen, er würde vermutlich drei Messis gegen einen Marin tauschen. Selten hat man Löw so von einem Profi schwärmen gehört wie von diesem 19-Jährigen, dessen Nominierung der Bundestrainer genießt wie einen Luxus, den man sich jetzt einfach mal gegönnt hat. Löw genießt es sehr, dass der Westentaschen-Messi aus Gladbach die strategischen Optionen seines Kaders erweitert, und so hat der Medienbegleittross bei Löws erster Pressekonferenz im Trainingslager einen spektakulär gut gelaunten Bundestrainer erlebt. Man könnte sagen, Löw kam verbal über außen, ging sofort auf den Mann und machte dann ein paar Übersteiger, die nicht selbstgefällig waren, sondern immer ein Ziel hatten.
Viel Raum für Spekulationen
Ein Trainingslager, das ist Löws Welt, da ist er ganz bei sich, und anders als vor zwei Jahren in Genf darf er diesmal als hauptverantwortlicher Trainer die Regeln definieren, die in dieser Welt gelten. Zu diesen Regeln gehört eine freundliche Drohkulisse, die ihren sichtbarsten Ausdruck in jenem 26er-Kader findet, der das Aufgebot unter Spannung halten soll. Löw scheut sich nicht einmal davor, sein listiges Spiel mit den Optionen auf die stets von einiger Hysterie begleitete Torwartposition auszuweiten.
Es gebe derzeit keinen Grund, eine Rangfolge festzulegen, sagte Löw und ließ sich erst auf Nachfrage eine Art Treuebekenntnis zu Jens Lehmann entlocken. Löw will Lehmann in den Testspielen gegen Weißrussland und Serbien in der normalen Lehmann-Form sehen, dann könne man davon ausgehen, "dass er die Nummer eins ist", sagt Löw - eine über außen vorbereitete, direkt auf den Mann zielende Übersteiger-Formulierung, die herrlich Raum lässt für Interpretationen und Spekulationen aller Art.
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