EM-Sieg Triumph der deutschen Handball-Mauer

  • Die deutsche Handball-Nationalmannschaft gewinnt völlig überraschend die EM in Polen.
  • Zu verdanken hat das junge Team dies einer starken Abwehr und dem überragenden Torwart Andreas Wolff.
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Von Joachim Mölter, Krakau

Das Endspiel um die Handball-Europameisterschaft 2016 zwischen Deutschland und Spanien war gerade einmal 24 Sekunden alt, da beschlich Finn Lemke schon das Gefühl, dass er und seine Kollegen es nicht verlieren würden. Ein Wurf des spanischen Angreifers Jorge Maqueda, ein Block des 2,10 Meter großen Lemke - "danach denkst du, das ist heute mein Spiel, da geht gar nichts für die anderen, da fühlt man sich sehr, sehr stark". Und weil sich offenbar alle Auswahlspieler des Deutschen Handballbundes (DHB) an diesem Sonntagnachmittag in der Tauron Arena von Krakau sehr, sehr stark fühlten und dann auch sehr, sehr stark spielten, waren sie 59 Spielminuten und 36 Spielsekunden später Europameister - nach einem 24:17 (10:6) über ein spanisches Team, das mit immerhin noch zehn Weltmeistern von 2013 angetreten war.

Gegen diese Spanier hatte das DHB-Team in der Vorrunde noch 29:32 verloren, es war seine einzige Niederlage bei diesem Turnier gewesen, und Bundestrainer Dagur Sigurdsson hatte offenbar die richtigen Lehren daraus gezogen vor dem Wiedersehen. "Er hat uns perfekt eingestellt", fand jedenfalls Lemke, einer der jungen, außerhalb der Fachwelt unbekannten Handballer, der sich bei seiner ersten großen Turnierteilnahme zum Abwehrchef entwickelte. "Der Plan, den Dagur uns gegeben hat, war für mich schlüssig", sagte der 23-Jährige vom SC Magdeburg. Offenbar waren auch seine Mitspieler überzeugt, dass er funktionieren würde.

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Denn egal, mit welchem deutschen Spieler man vor diesem Finale gesprochen hatte, jedem war das Selbstvertrauen aus den Poren und aus den Ohren gequollen. Selbst einem wie dem 22 Jahre alte Julius Kühn, der erst während des Turniers für den verletzten Christian Dissinger nachgekommen war. Für Kühn hatte sich die Frage überhaupt nicht gestellt, ob diese junge, unerfahrene, enorm ersatzgeschwächte Mannschaft den Titel gewinnen könne. "Wir werden!", hatte der Gummersbacher nur gesagt, "wir werden!"

Das waren große Worte, denen große Taten folgten. 10:6 führten die deutschen Handballer zur Pause - nur sechs Tore in einer Halbzeit zuzulassen, hatte noch kein Team geschafft in der 22 Jahre währenden EM-Geschichte. Sigurdsson hatte den Spaniern ein kompaktes 6-0-Bollwerk entgegengestellt, sie brauchten sechseinhalb Minuten, um es erstmals zu überwinden - und das gelang auch nur durch einen Siebenmeter von Valero Rivera, dem Torschützenkönig dieses Turniers. Es war sein einziger Treffer an diesem Abend, es war das 1:2, und näher kamen die Spanier nicht mehr heran.

Oft prallten ihre Würfe schon an den ausgestreckten Armen der deutschen Verteidiger um Lemke, Hendrik Pekeler (2,03) oder Erik Schmidt (2,04) ab. Und wenn sie doch mal darum herum oder darüber hinweg kamen, stand dahinter immer noch der Torwart Andreas Wolff, der eindrucksvoll demonstrierte, dass er zu Recht in das All-Star-Team der EM gewählt worden war. Er parierte die Hälfte der Bälle, die auf sein Tor kamen - sein Gegenüber Arpad Sterbik brachte es auf 37 Prozent abgewehrter Würfe, und schon das gilt als Weltklasse.

Selbst wenn die deutsche Defensive wegen Zeitstrafen dezimiert war, fanden die Spanier kaum eine Lücke, so flink waren die DHB-Akteure auf den Beinen - und das im achten Spiel innerhalb von 16 Tagen. "Wir sind eine junge Mannschaft, vielleicht haben wir etwas mehr Kraftreserven", hatte Rechtsaußen Tobias Reichmann gehofft, mit insgesamt 46 Treffern der zweitbeste Torschütze des Turniers. Womöglich saugten sie ihre Kraft auch aus der lautstarken Unterstützung der überwiegend deutschen Fans unter den rund 13 000 Zuschauern.

Und zumindest einer war sicher auch noch frisch genug, das war Kai Häfner, der wie Kühn erst für die letzten drei Partien eingeflogen worden war, als Ersatz für den ebenfalls verletzten Kapitän Steffen Weinhold. Im Halbfinale gegen Norwegen (34:33) hatte Häfner mit fünf Toren schon einen großen Anteil am Sieg, im Finale war er mit sieben Treffern bester Schütze. Doch auch für den 26-Jährigen war die Betonabwehr der Grundstein des Erfolges. "Es macht es einem einfacher, wenn man im Angriff nicht jedes Mal den Druck hat, treffen zu müssen", sagte der Mann vom TSV Hannover-Burgdorf.

"Es gab viele Spieler, die uns auf diesem Weg geholfen haben", sagte Bundestrainer Sigurdsson. Der weitere Weg seiner Auswahl wird nun ein leichterer sein: Mit dem Finaleinzug hatte sie sich bereits für die WM 2017 in Frankreich qualifiziert, als Europameister darf sie nun sogar bei den Olympischen Spielen in Rio mitmachen. "Das ist eine Riesensache", findet der Isländer, denn seine junge Gruppe müsse nun "lernen, unter Druck spielen zu können". Den Druck, ein Favorit zu sein, hatte sie ja bislang nicht, wegen der vielen verletzungsbedingten Ausfälle war wenig erwartet worden. "Es ist unfassbar, was wir geleistet haben", fand Steffen Fäth, 26, der sowohl als Torjäger als auch als Spielmacher überzeugt hatte bei der EM.

Am meisten überzeugt hatte jedoch Dagur Sigurdsson, der Trainer, der die Auswahl vor anderthalb Jahren übernahm und nach diversen verpassten Turnieren schnell zum Titel führte. "Für mich", sagte Finn Lemke, "ist er ein taktisches Genie." Eines das bodenständig wirkt, aber auch mal hoch fliegt - die Spieler schleuderten ihn im Taumel bis fast unters Hallendach.

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