Von Birgit Schönau

Das Duell zwischen Italien und Rumänien ist hochbrisant. Nicht nur, weil dem Weltmeister das Aus droht. Die Begegnung bedeutet vielen weit mehr als nur Fußball.

"Fußball ist Völkerverständigung", sagt Gianluca Zambrotta. "Es gibt überall nette Menschen", sagt Simone Perrotta. "Ich hoffe, es bleibt nur ein Fußballspiel", sagt Fabio Grosso. Das wäre ja auch schon genug - schließlich geht es für die Italiener um Sein oder Nichtsein am Freitag gegen Rumänien. Aber es geht nicht nur um Fußball bei Italien gegen Rumänien, sondern um eine Neuauflage des Klassikers Patron gegen Arbeitsmigranten. Was Deutschland gegen Italien in den vergangenen 40 Jahren war, ist heute Italien gegen Rumänien. "Die Deutschen spielen gegen ihre Kellner und Eisverkäufer", war dem Corriere della Sera vor dem WM-Halbfinale 2006 eingefallen. Jetzt spielen die Italiener gegen ihre Bauarbeiter und Altenpfleger

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Für Adrian Mutu (vorne) und die Rumänen wird es auch gegen Italien ein heißer Kampf. (© Foto: DDP)

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Gut 600.000 rumänische Arbeitnehmer leben in Italien, exakt genau so viele wie Italiener in Deutschland. Die Rumänen haben in Italien einen schlechten Ruf und einen schweren Stand. Als im Herbst letzten Jahres am Stadtrand von Rom ein rumänischer Roma eine Italienerin überfiel und derart schwer verletzte, dass die Frau Tage später starb, löste das eine beispiellose, antirumänische Hetze aus.

Protest und Bedrohung

Die Medien erklärten die Rumänen im Land zum Sicherheitsproblem Nummer eins, die damalige Mitte-Links-Regierung erließ eine Notverordnung zur rascheren Abschiebung. Beim römischen Lokalderby spielten AS Rom und Lazio mit Trauerflor - das Überfall-Opfer war da noch nicht gestorben. Noch nie hatten Erstliga-Fußballer für ein Verbrechensopfer Trauer getragen, die Geste war ebenso spektakulär wie die Entscheidung des damaligen römischen Bürgermeisters, die geplante Woche der multikulturellen Küche in den Schulmensen zu streichen. Es gab Anschläge gegen Rumänen und rumänische Geschäfte - eine Folge der ausländerfeindlichen Stimmung.

Die neue Regierung von Silvio Berlusconi tat dann das ihre, um die Rumänen weiter ins Abseits zu stellen. Kaum im Amt, kündigte der Innenminister eine Verschärfung der Ausländergesetze an, die im Land genauso verstanden wurde, wie sie gemeint war: als Anti-Rumänen-Regel. Bukarest protestierte gegen die "Fremdenfeindlichkeit" der Italiener und klagte, die Rumänen in Italien fühlten sich "bedroht."

Das Europäische Parlament machte die Zustände der Roma-Lager an der Peripherie der italienischen Großstädte zum Thema und kritisierte "menschenunwürdige Zustände". In Neapel brannten Einheimische ein Barackenlager nieder, nachdem eine minderjährige Roma der versuchten Kindesentführung verdächtigt worden war. Il Giornale, die Mailänder Zeitung im Familienbesitz Berlusconis, machte mit der Schlagzeile auf: "Hier sind die Zigeuner, die Ferrari fahren."

Die von italienischen Medien und Politik gleichermaßen betriebene, unselige Gleichsetzung von Roma, Kriminellen und Rumänen fand ihren selbstverständlichen Widerhall in den Stadien, wo Adrian Mutu und Christian Chivu von gegnerischen Anhängern als "dreckige Zigeuner" beleidigt wurden. Mutu, der von Schalke 04 umworbene Torjäger beim AC Florenz, ist der bekannteste Rumäne in Italien. Vor dem Match gegen die Azzurri hat er sich lieber mit seinem Trainer Victor Piturca (Spitzname Satan, wie Italiens Presse nie zu erwähnen vergisst) angelegt, als mit dem Gegner.

Sollen andere Entspannungspolitik betreiben

Anders als Kapitän Chivu von Inter Mailand. "In Zürich werden uns 15.000 Fans unterstützen", tönte er, "und die benehmen sich musterhaft." Kleiner Seitenhieb an Gegner und Gastland Italien: Wer hatte da noch ein Hooligan-Problem? "Die Italiener stehen unter Druck. Wir nicht. Sie werden angreifen und in unserer Abwehr die Hölle finden", versprach Chivu. Sollen andere Entspannungspolitik betreiben, hier geht es um Fußball.

Auf dem Trainingstrikot der Rumänen steht der Schriftzug "Dacia" (Dakien), so hieß ihr Land, nachdem es von Trajans Legionären erobert und dem römischen Weltreich einverleibt wurde. Paul Codrea, Mittelfeldspieler beim AC Siena und in Italien, seitdem er 18 war, fühlt sich sowieso als Italiener: "So nennen sie mich zu Hause in Timisoara." Codrea hat an der römischen Sporthochschule Isef studiert, er sagt: "Am Freitag spielen wir gegen die Besten der Welt." Die gegen die Niederlande allerdings weniger bestens aussahen.

Weil in dem ohnehin erhitzten Klima die Partie für die Squadra Azzurra nach der Holland-Pleite auch noch entscheidend geworden ist, hat der Verband der Rumänien in Italien (112.000 Mitglieder) den Landsleuten dringend davon abgeraten, beim Public Viewing auf der Piazza zu erscheinen. "Nach allem, was geschehen ist, würden wir uns nicht sicher fühlen", sagt der Vorsitzende Eugen Tertelac. Nicht auszudenken, was geschieht, wenn Italien verliert.

Der einzige Roma in Rumäniens Nationalelf ist Banel Nicolita. Er spielt für Steaua Bukarest, die Fans dort wollten ihn erst nicht. Begründung: "Der Zigeunerverein ist Rapid Bukarest." Rassismus ist nichts, was Italiener Rumänen voraus hätten. Nicolita, gerade 20, ist Antirassismus-Botschafter der Uefa. Er sagt: "Einem Italiener verdanke ich alles." Der Italiener ist Walter Zenga, 48, früher Nationaltorwart, dann Trainer bei Steaua. Mittlerweile trainiert Zenga den Erstligisten Catania Calcio. Banel Nicolita sagt, er würde gern wieder bei Walter Zenga spielen:"Mein Traum ist die Serie A."

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(SZ vom 13.06.2008/pes)