Von Jürgen Schmieder

Nun auch Pawljutschenko: Sollte sich der Angreifer nicht erholen, fehlt Russlands Mannschaft das Trio, das sowohl Torgefahr als auch Erfahrung garantiert.

Guus Hiddink saß einfach nur da. "Ich muss nachdenken", sagte er, "sehr lange nachdenken." Weiter saß er also da und starrte in den Raum. Seine Gesichtsfarbe war tiefrot, er kniff die Augen zusammen, er atmete schwer. Ein Journalist hatte den Trainer der russischen Nationalmannschaft gefragt, ob er denn eine seiner Entscheidungen der vergangenen Wochen bereue. Bei der Zusammenstellung des EM-Kaders, bei der Nachnominierung, bei den Auswechslungen im ersten Spiel gegen Spanien. Hiddink saß und regte sich nicht und dachte nach. 30 Sekunden lang. Dann sagte er: "Nein, wir haben keine gravierenden Fehler gemacht."

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Gegen Spanien noch fit: Russlands Angreifer Roman Pawljutschenko. (© Foto: DDP)

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Die russische Nationalelf sieht sich vor dem wichtigen Gruppenspiel gegen Griechenland einem Szenario gegenüber, das sich bereits im Trainingslager abgezeichnet hatte. Hiddink holte den für die ersten beiden EM-Spiele gesperrten Offensivakteur Andrej Arschawin in den Kader, er hoffte auf eine Genesung von Stürmer Pawel Pogrebnjak, der sich am Meniskus verletzt hatte und inzwischen operiert wurde.

Fehlende Erfahrung

Für ihn nominierte Hiddink aber nicht Stürmer Aleksandr Kerzhakow, sondern den defensiven Mittelfeldspieler Oleg Iwanow. Diese Entscheidung könnte sich als falsch erweisen, zumal auch der Einsatz von Stürmer Roman Pawljutschenko am Samstag fraglich ist, er laboriert an einer Verletzung im Oberschenkel. "Er kann derzeit nur Lauftraining absolvieren. Wir werden erst kurz vor der Partie entscheiden, ob er spielen kann", sagte Hiddink.

Dabei geht es am Samstag für die Russen bereits um alles. Bei ungünstigem Ausgang dieses zweiten Spieltages könnte seine Mannschaft ausgeschieden sein. Für den danach spielberechtigten Arschawin, der sich ja den europäischen Spitzenklubs präsentieren will, könnte diese EM also nach einem Freundschaftsspiel gegen Spanien zu Ende sein.

Arschawin, Pogrebnjak und Pawljutschenko sind nicht nur allesamt Offensivkräfte. In der jungen russischen Mannschaft - das Durchschnittsalter des Kaders beträgt 22,9 Jahre - sind sie die wenigen Spieler mit internationaler Erfahrung. Pawljutschenko erzielte im Qualifikationsspiel gegen England beide Treffer, Arschawin und Pogrebnjak gewannen mit Zenit St. Petersburg den Uefa-Pokal. "Diese junge Mannschaft hat kaum Erfahrung in Endspielen, da fallen diese Spieler natürlich ins Gewicht", sagte Hiddink. "Anders als die Favoriten sind wir nicht in der Lage, solche Akteure zu ersetzen."

"Wir wollen attraktiv spielen"

Hatte Hiddink noch vor wenigen Monaten von einer "Traum-Offensive" geschwärmt, bereitet eben dieser Mannschaftsteil dem Trainer Kopfzerbrechen. Sollte Pawljutschenko ausfallen, müsste Hiddink Roman Adamow oder Ivan Saenko aufs Feld schicken. Die beiden kommen auf zehn Länderspiele. Zusammen.

Bisher vertraute Hiddink darauf, dass seine starken Angreifer die Mängel in der Defensive kompensieren würden. Doch der Abwehr musste er nach der 1:4-Niederlage gegen Spanien Schüler-Niveau attestieren. Hiddink kündigte personelle Konsequenzen an - zumal er auch bei Gegner Griechenland Veränderungen erwartet: "Sie werden sicher mit einer anderen Einstellung ins Spiel gehen, wahrscheinlich wird sich auch taktisch etwas verändern." Darauf werde er reagieren.

"Die Qualität unseres Kaders lässt sich jedoch nicht mit großen Mannschaften vergleichen, die Spieler außer Form einfach auf die Bank setzen können. Deshalb werden sich die Veränderungen in Grenzen halten", sagte Hiddink. An der offensiven Ausrichtung jedoch will er festhalten: "So wie wir auftreten ist es schwierig, die Spieler zu bremsen und darauf zu warten, bis der Gegner den Fehler macht. Wir wollen attraktiv spielen, aber ich will auch sehen, dass meine Mannschaft klüger agiert als beim Spiel gegen Spanien."

Hiddink will die Ausfälle der Offensivkräfte nicht als Entschuldigung gelten lassen: "Wir haben zahlreiche andere Optionen." Eine davon ist der Einsatz des erfahrenen Außenstürmers Dmitri Sytschew. "Ich werde darüber nachdenken", sagte Hiddink. Wahrscheinlich wird das sehr lange dauern.

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(SZ vom 14.06.2008/pes)