Vor dem wichtigen Spiel am Samstag (16 Uhr, ARD) ist es mit Berti Vogts und den Journalisten wie immer: ein bisschen traurig.
Glasgow - Berti Vogts, so hört man es hier von den schottischen Journalisten, sei argwöhnisch und misstrauisch und bringe immer die gleichen Klagen vor. Sie sagen, man könne ihn nicht zitieren, weil er so schlecht englisch spreche. Sie sagen, er mache schreckliche Witze. Sie sagen, sie könnten nicht begreifen, wie es Deutschland - das Kraftwerk des europäischen Fußballs - acht Jahre mit dem Bundestrainer Berti Vogts ausgehalten habe. Und schließlich sagen sie, dass Berti Vogts keine Schuld an den schlechten Resultaten seines Teams trage - weil die schottische Nationalmannschaft niemals so schlecht gewesen sei wie heute.
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Die Voraussetzungen waren also nicht besonders günstig, als Berti Vogts gestern Mittag zur Pressekonferenz vor dem großen EM-Qualifikationsmatch erschien. Sie fand wie üblich im "Rock Bowling Club" in der Nähe von Glasgow statt, herrlich gelegen unterhalb der historischen Dumbarton Burg, die auf einem Felsen über dem weitläufigen Delta des River Clyde thront. Die schottische Presse macht Witze über diesen Ort, schreckliche Witze. Im Namen Dumbarton verbirgt sich das Wort dumb, das bedeutet dumm; der Witz lautet, dass dieser Ort wie geschaffen sei für Vogts.
Vogts betritt den Raum, setzt sich hin und lächelt die Journalisten freundlich an. Er macht einen Witz und zwinkert dann fröhlich mit dem linken Auge. Seine Scherze, die gar nicht mal so schrecklich sind, werden von den schottischen Journalisten mit höflichem Gelächter erwidert. Nur die deutschen Journalisten dürfen nicht mitlachen. Vogts hat sie vor seinem Treffen mit der schottischen Presse hinausgeschickt - er wollte nicht, dass seine Englischversuche das deutsche Fernsehpublikum belustigen. Die deutschen Journalisten verfolgen dann aber im Nebenzimmer seinen Vortrag live am Bildschirm, und die Kameraleute von ARD bis RTL filmen mit.
So schlecht ist sein Englisch gar nicht, auch wenn er gelegentlich Singular und Plural durcheinander bringt. Vogts sagt: "Wir sind die Underdogs - aber wir haben eine gute Chance. Wir können gewinnen." Es ist das, was er immer sagt. Das Problem ist: Keiner glaubt ihm mehr so recht. Vogts' Team hat in 15 Spielen neun Mal verloren, kürzlich sogar 0:2 gegen Österreich, das seit 50 Jahren in Schottland nicht gewonnen hatte. Nach dieser landesweit als Tiefpunkt empfundenen Niederlage reichte der Mittelfeldspieler Craig Burley, 31, seinen Rücktritt ein, was bereits der dritte Rücktritt eines schottischen Profi in der Ära Vogts war. Die seriöse Zeitung The Scotsman stellte daraufhin fest, dass sich seit Vogts' Amtsantritt Apathie und Antipathie gegen die Nationalmannschaft in rasendem Ausmaß verbreitet hätten: "Lasst uns die Tatsachen nennen: Die Spieler wollen nicht mehr für Schottland spielen. Und hinter jedem Spieler, der nicht mehr für das Nationalteam antreten möchte, stehen Tausende Fans, die nicht mehr die schottische Fahne schwenken."
Das Stadion wird trotzdem voll sein, und Vogts glaubt, dass die Anhänger seiner Mannschaft im Hampden-Park Überzahl gegen die Deutschen verschaffen werden. Ihm fehlen zwar Barry Ferguson und James McFadden, seine beiden besten Spieler, doch Vogts versichert: "Wir werden sehr, sehr scottish spielen, und wenn Deutschland gewinnen will, dann müssen sie sehr, sehr hart dafür arbeiten." Die Aussichten auf einen Erfolg werden trotzdem als miserabel eingeschätzt, und die Wettbüros haben sich komische Dinge ausgedacht, um die Leute zu locken. Wer darauf wettet, dass Berti Vogts beide Hymnen mitsingt, die schottische und die deutsche, erhält beim Buchmacher "bet365" eine 5:1-Quote, Steve Freeth, der Sprecher des Büros, sagt: "Nachdem er mit Deutschland als Spieler die WM und als Trainer die EM gewonnen hat, wird er Tränen in den Augen haben, wenn er hört, dass, Deutschland uber alles' gesungen wird. Es wird sicherlich sehr emotional für Berti."
"Emotionen muss man abschalten", sagt Vogts jedoch und schaut sehr entschlossen. Den schottischen Journalisten hatte er zuvor erzählt: "90 Minuten lang werde ich sehr, sehr schottisch denken." Es steht außer Frage, dass er der glücklichste Mann auf Erden wäre, sollte seiner Mannschaft ein Sieg gegen die hoch favorisierten Deutschen gelingen.
Alles in allem ist es, wie immer, ein bisschen traurig mit Berti Vogts. Gern möchte er Sportsgeist und Respekt vermitteln und jedermanns Freund sein. Den Deutschen berichtet er: "Die Schotten lieben die Deutschen!" Den Schotten erzählt er: "Schottland hat einen großen Namen in Deutschland!"
Sein eigener Name in Schottland lautet seit Freitag "Berti Bombproof" - Berti Bombensicher, weil Verbandschef Taylor mitgeteilt hatte, er werde Vogts auch bei einer Niederlage nicht entlassen. Umso größer waren die Schlagzeilen in den schottischen Blättern, nachdem DFB-Chef Mayer-Vorfelder erklärt hatte, er habe nichts gegen eine Rückkehr Vogts' zum DFB. "Wir nehmen Euch Berti ab", meldete der Daily Record. Zwischen den Zeilen stand: Seid so gut und macht es!
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