Einst Fußballzwerg, am Mittwoch Gegner der deutschen Nationalmannschaft. Zypern ist nicht zu unterschätzen und liefert verrückte Ergebnisse.
In der letzten Zeit hat Michael Ballack des öfteren in einem Büchlein gelesen, das die Presseabteilung des Deutschen Fußball-Bundes als Programmservice zu den Länderspielen anfertigt. Darin finden sich wichtige, nützliche und andere Informationen über die Expeditionen der Nationalmannschaft, und auch das aktuelle Exemplar - herausgegeben anlässlich des Qualifikationsspiels zur EM 2008 am Mittwoch in Nikosia gegen Zypern - lässt da keine Lücken.
Bereitet sich auf Zypern vor: Der torhungrige Michael Ballack (© Foto: AP)
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Unter anderem erfährt der Leser, wo sich am Dienstag um 20.30 Uhr die Delegationen des deutschen und des zyprischen Verbandes zum Abendessen treffen, nämlich in der "Pixida Fish Tavern" (5, Menandrou Street), und wie der zyprische Zeugwart heißt (Evgenios Christodoulou). Aber das dürfte Ballack weniger interessieren.
Der Kapitän blättert lieber nach bis zur Seite 15, was er allerdings nur zögernd zugibt, weil es womöglich unschicklich ist und gegen den Mannschaftsgeist verstößt. Da verhält er sich ein wenig wie jene Zeitungsleser, die angeblich nie ein Auge auf diese Pin-up-Bilder werfen, doch weil Ballack ein ehrlicher Mann ist, gesteht er schließlich: "Ja, ich verfolge die Tabelle natürlich auch öfter."
Torgefährlichster Mittelfeldspieler
Die Tabelle ist die ewige Torschützenliste der Nationalmannschaft und führt Michael Ballack derzeit auf Platz 8, gleichauf mit seinem früheren Leverkusener Kollegen Ulf Kirsten, dessen Tore für den ostdeutschen Verband eingerechnet sind. Ballack hat 34 Treffer auf dem Konto, und es sollte ihm schon gelingen, demnächst Oliver Bierhoff (37) zu überholen.
Danach wären dann Uwe Seeler (43) und schließlich Ballacks Lieblingsvorstandsvorsitzender Karl-Heinz Rummenigge (45) an der Reihe. "Da sind ein paar große Spieler in Reichweite", findet Ballack, "da schielt man schon mal hin mit dem einen oder anderen Auge." Fußball ist zwar ein Mannschaftssport, aber so viel persönlichen Ehrgeiz erlaubt sich der Neu-Engländer, der übrigens der einzige Mittelfeldspieler unter dem ersten Dutzend der Torjägerliste ist: "Ich hoffe, dass ich noch den einen oder anderen Platz hochrutschen kann", sagte er gestern vor seinem Jubiläumseinsatz, dem 75. für Deutschland.
Das sollte kein Problem sein gegen Zypern, diesen typischen Fußballzwerg, gegen den die Tore wie von selbst fallen. Schließlich haben die Deutschen in vier Spielen gegen die Teams von der Mittelmeerinsel viermal gewonnen und dabei 24 Tore geschossen, zuletzt gab es 1969 in Essen sogar ein 12:0 (und Gerd Müller tat mit vier Treffern etwas für seine ewige Bilanz von 68 Toren, die wohl auf ewig spitze bleiben wird). 12:0 - das kann die Mannschaft von Joachim Löw auch, wie sie in San Marino bewiesen hat.
Selbstredend gibt es jedoch gegen solche übermütigen Erwartungen lebhaften Einspruch. Mit der Qualität des zyprischen Fußballs haben sich die Verantwortlichen der deutschen Mannschaft intensiv beschäftigt, und wie Oliver Bierhoff zusammenfassend erläutert, ist dieser Gegner "absolut nicht zu unterschätzen". Stärker als die Slowakei sollen die Anderen angeblich sein, "spielstärker auf jeden Fall", sagt der Teammanager des DFB, "wir müssen tierisch aufpassen. Es wird sehr schwer."
Paul Freier für Bernd Schneider
Wie schwer es werden kann, das haben jüngst die Iren erfahren, die auf Zypern 2:5 verloren. Wie leicht es werden kann, haben kurz zuvor die Slowaken bewiesen, als sie Zypern 6:1 besiegten. Jene Slowaken wurden allerdings dann - sechs Wochen später - von den Deutschen 4:1 geschlagen. "Es gibt einige verrückte Ergebnisse in der Gruppe", gibt Ballack zu bedenken und versteht das als Warnung.
Zumal da die deutsche Elf auf wichtige Einflüsse verzichten muss: Bernd Schneider, der einzige WM-Spieler in Deutschland, der bisher nicht an den Folgen des Sommerturniers krankte, hat es nun doch erwischt. Eine Muskelverletzung zwingt ihn zu zwei Wochen Pause, und da im Mittelfeld außer Tim Borowski auch der Hamburger Pjotr Trochowski verletzungsbedingt fehlt, kommt nun Schneiders Leverkusener Kollege Paul Freier als Ersatzmann unverhofft zu nationalen Ehren, obwohl er bei Bayer zuletzt überwiegend auf der Reservebank saß. So bildet sich die Mittelfeldformation fast von allein, was wiederum Thomas Hitzlsperger zugute kommt, dem wohl die Vakanz auf der linken Seite zufällt.
Zwei Spieler vom VfB Stuttgart
Dem Stuttgarter, bisher beim VfB und im Nationalteam oft als bedauerlicher Fall geführt, gelingt im Herbst auf einmal all das, was ihm im Sommer versagt blieb. Und ähnlich plötzlich hat sich das Schicksal auch für seinen Reisegefährten Timo Hildebrand gewendet.
Neulich noch geschmäht wegen trüber Leistungen im VfB-Tor und in Frage gestellt als zweiter Mann hinter Jens Lehmann, ist er nun mit dem VfB dank seines Leistungsaufschwungs Tabellenführer und beim Spiel in Nikosia die Nummer eins, weil Lehmann krank zu Hause bleiben musste.
"Für mich kommt das Spiel zu einem guten Zeitpunkt", meint Hildebrand, "weil ich gut drauf bin". Die Richtung am Mittwoch dürfte für den Torwart die gleiche sein wie für Hitzlsperger und alle anderen: Alle Torvorlagen zum Jubilar Ballack - und keine zu Miroslav Klose, mit 33 Treffern der dichteste Verfolger des Kapitäns.
(SZ vom 14.11.2006)
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