Ein Kommentar von Philipp Selldorf

EM ohne England: Eine europäische Durchschnittsmannschaft fehlt, nicht mehr. Vielleicht ist sie besser als Russland, aber vielleicht auch schlechter als Dänemark.

Jens Lehmann hat ein Problem. Wenn er sich jetzt wieder zum Training beim FC Arsenal einfindet - wen soll er dann verspotten? Die 18 Jahre alten Marc Randall und Theo Walcott sind zu jung, als dass er sie schweren Lästereien aussetzen dürfte, und der Verteidiger Justin Hoyte ist mit seinem Schicksal als Hinterbänkler gestraft genug. Sonst jemand? Niemand. Drei englische Mitspieler hat Lehmann in seinem Team, das Tabellenführer der englischen Premier League ist. Echte Insulaner im Fußballerpersonal des Londoner Weltklubs, dessen Handelswert mit 415 Millionen Pfund bemessen wird, finden sich lediglich im ,,Arsenal Ladies Football Club'', aber dort Späße über das Scheitern der Engländer bei der EM-Qualifikation zu machen, verbietet Lehmann die gute Erziehung.

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Aus diesem Mangel an echten Engländern lässt sich natürlich leicht die These bilden, es seien die vielen Gastarbeiter vom europäischen Kontinent und aus anderen unzivilisierten Erdteilen, die den Weg für die einheimische Fußballjugend versperren. An dieser Behauptung mag einiges dran sein, aber insgesamt bleibt sie unbefriedigend, weil sie den komplexen Hintergrund der Misere nur auf die grobe Art durchdringt. Ja, es stimmt, die Auswahl englischer Spieler, die Nationaltrainer Steve McClaren aus den 20 Klubs der ersten Liga treffen konnte, war relativ übersichtlich. Aber für den Zweck der Qualifikation hätte sie genügen können. Als Coach hat McClaren versagt, ganz einfach.

Auf Täuschung beruht allerdings das Entsetzen, das nun in der ganzen Welt ausbricht, weil England nicht am Turnier im Alpenreich teilnimmt. Eine europäische Durchschnittsmannschaft fehlt, nicht mehr. Vielleicht ist sie besser als Russland, aber vielleicht auch schlechter als Dänemark. Überall glaubt man, dass die englische Nationalelf eine Eliteauswahl der Premier League sei, gewissermaßen das Konzentrat der neben der Primera División besten europäischen Liga, aber das stimmt nicht.

Der Sport der Premier League ist ein großartiges Kulturprodukt und globales Fernsehereignis, das die Menschen in den Savannen Afrikas und den hintersten Dschungeldörfern Asiens begeistert, aber mit Englands Nationalelf hat das nicht viel zu tun. Es führt bloß dazu, dass die Handvoll wirklich guter englischer Profis maßlos überschätzt wird und die Gagen für die Terrys, Gerrards oder Rooneys ins Absurde steigen.

Jens Lehmann mag es als guten Witz auffassen, dass er bei Arsenal Reservist ist, während die Torhüter seines Gastlandes regelmäßig groteske Vorstellungen bieten. Tatsächlich aber geht es ihm wie den meisten Fußballfans in Deutschland: Man kichert darüber, dass die Engländer für ihren immer noch herrschenden imperialen Hochmut bestraft wurden. Aber man wird sie vermissen. Nicht wegen ihres Fußballs, sondern wegen ihrer Anhänger und der lustigen Geschichten, die die Zeitungen erfinden.

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