Von Jürgen Schmieder, Wien

Die spanischen Spieler feiern ausgelassen den ersten Titel seit 44 Jahren. Derweil nimmt die deutsche Elf die Chancenlosigkeit gefasst zur Kenntnis - und feiert ebenfalls bis in den Morgen.

Plötzlich wurde es laut in der Mixed Zone des Ernst-Happel-Stadions. Was war geschehen? Tumulte nach dem Finale? Eine Schlägerei? Nach ein paar Minuten war klar, dass es nur der Partyzug der spanischen Elf war. Iker Casillas führte die Polonaise an, dahinter lief Carles Puyol mit nacktem Oberkörper, Fernando Torres - der Schütze des Siegtores - kippte sein Bier über die Journalisten. "Das ist so großartig, wir werden das jetzt erst mal begießen", sagte Torres und verschwand wieder im Kabinentrakt. Seine Kollegen sagten zunächst gar nichts, sie brüllten lieber "¡Viva España!".

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Torschütze Fernando Torres war der spanische Feier-König. (© Foto: ddp)

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"Es ist einfach fantastisch. Dies ist der schönste Tag in meinem Leben als Spieler", sagte Cesc Fabregas während einer Brüll-Pause. Ich glaube nicht, dass uns schon bewusst ist, was wir erreicht haben. 44 Jahre mussten wir darauf warten. Es war einer meiner Träume, und ich habe ihn erreicht." Fernando Torres sagte: "Das war einfach außergewöhnlich, einfach ein Traum." Dann verteilte er wieder Bier.

Allein im Tor

Immer wieder erweiterten die Spanier den Partybereich um die Mixed Zone, in der die deutschen Spieler standen und die Niederlage zu erklären versuchten. "Spanien hat verdient gewonnen, sie haben sehr, sehr guten Fußball gespielt. Sie haben wenig Fehler gemacht und das ist auf diesem Niveau schon sehr viel wert", sagte Thomas Hitzlsperger. Jens Lehmann ergänzte: "Wir stehen leider auf der Seite, die nichts zu feiern hat, und das ist sehr frustrierend." Lehmann stand nach dem Spiel minutenlang in dem Tor, in das Fernando Torres eine Stunde zuvor den Ball geschossen hatte. Joachim Löw wollte ihn trösten, dann Torsten Frings, dann Michael Ballack. Lehmann schickte alle weg. "Ich rede jetzt erst einmal über gar nichts, bin zu enttäuscht vom Ausgang des Finales", sagte er später.

Die deutschen Spieler mussten den Spaniern beim Feiern zusehen, womit sie im Laufe der Nacht immer besser zurechtkamen. Sekunden nach dem Schlusspfiff ließen sich die Akteure auf den Rasen des Ernst-Happel-Stadions fallen, Bastian Schweinsteiger vergoss einige Tränen. Michael Ballack entfernte die Medaille für den zweiten Platz bereits in dem Moment von seinem Hals, als Michel Platini sie ihm umhängte. Und Lehmann stand eben im Tor und wollte niemanden sehen.

Ein paar Minuten später in der Mixed Zone waren die deutschen Spieler gefasster - was sollten sie auch anderes tun? Zu chancenlos waren sie in den 90 Minuten, zu überlegen führten die Spanier diese Partie. "Die Spanier hatten die besseren Chancen, auch wenn das Tor nicht unbedingt fallen müsste, so wie es letztlich passiert ist. Ich glaube, wir müssen heute die hohe Qualität der Spanier anerkennen", sagte Joachim Löw. "Wir haben leider ein oder zwei Fehler zu viel gemacht. Die Spanier haben nicht unverdient gewonnen", sagte Michael Ballack. "Die Mannschaft hat im Großen und Ganzen eine großartige EM gespielt." Bastian Schweinsteiger huschte gar ein Lächeln übers Gesicht, als er sagte: "Das Schönste ist, dass wir wieder so viele Menschen in Deutschland begeistern konnten."

Diese Leistung feierten die deutschen Spieler dann auch in einem Klub in der Wiener Innenstadt. Am längsten hielten Per Mertesacker und Torsten Frings durch. Sie kamen um 7.30 Uhr zum Hotel zurück und gaben ein paar Autogramme. Am Morgen war auch Jens Lehmann wieder besser gelaunt. Er lachte, scherzte mit den Fans.

Von den spanischen Spielern war am Morgen indes nichts zu sehen. Wahrscheinlich laufen sie immer noch in der Mixed Zone des Ernst-Happel-Stadions herum und führen eine Polonaise auf.

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(sueddeutsche.de/pes)