Von Raphael Honigstein

Das Zweckbündnis zwischen Trainer van Basten und Torjäger van Nistelrooy zahlt sich für Holland aus.

Drei Rolltreppen führen hinauf zum Olymp, nein: zum Olympischen Museum über den Dächern der Stadt. Hier, unweit vom Mannschaftshotel, halten die Niederländer im dunklen Auditorium ihre Pressekonferenzen ab, aber an diesem Donnerstagmittag kommt nicht jeder hinein. Nach dem bewegenden 3:0 gegen Italien interessieren sich auf einmal alle für das Team von Marco van Basten. Damit hatte die Museumsdirektion nicht gerechnet. Der Bondscoach hat den unterkühlten, zu sarkastischer Schnippigkeit neigenden Torsteher Edwin van der Sar mitgebracht. Beide geben sich eine halbe Stunde lange große Mühe, die allgemeine Begeisterung zu moderieren. "Wir haben tagelang von dem Italien-Spiel geredet, das muss jetzt aufhören", sagt Marco van Basten leise, "natürlich war das ein gutes Spiel. Aber mit nur einem guten Spiel kann man kein Turnier bestreiten."

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Ruud van Nistelrooy hat seinen Platz in der niederländischen Nationalmannschaft gefunden. (© Foto: dpa)

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Die Situation in der Gruppe C habe sich verändert, das gibt er zu. Wenn es aber nach dem 43-Jährigen geht, fängt die Elftal gegen die Franzosen am Freitag "wieder von vorne an". "Die Füße", sagt er, "müssen zurück auf die Erde." Ein paar Journalisten haben schon die Bodenhaftung verloren. Sie fragen nach einer Einschätzung zum möglichen Halbfinalgegner Spanien und ob er nach einem Sieg gegen die Franzosen im letzten Gruppenspiel gegen die Rumänen seine erste Elf schonen wird. Van Basten bügelt sie höflich ab. So weit sind seine Jungs noch nicht. Van der Sar sagt, er kenne dieses trügerische Gefühl. Monatelange wurde sein Verein Manchester United für innovatives Spiel gerühmt, doch eine Woche vor Ende der Saison hatte man noch gar nichts gewonnen.

"Er mag meine Spielweise nicht"

"Einen historischen Sieg" hat der unnahbare Nationaltrainer das Ergebnis gegen den Weltmeister in einem Anflug von Euphorie genannt, seitdem ist er bestrebt, die Fallhöhe wieder zu senken. Er spürt, dass es trotz des Jubels in der Heimat noch viele gibt, die ihn am liebsten auf dem Boden sähen. Ob er durch das 3:0 etwas Ruhe vor den Kritikern gewonnen habe, will jemand wissen. "Nein", sagt er, "aber ich bete darum." Frankreichs 0:0 gegen die Rumänen hat ihm in die Karten gespielt, gibt er zu, "die müssen jetzt gewinnen, wir nicht". Die Niederlande werden in Bern nicht ins Verderben stürmen. Nicht seine Niederlande.

Van Basten hat den orangenen Fußball ideologisch entrümpelt, und ein wichtiger Grund für den Erfolg ist, dass der als Sturkopf verschrieene Europameister von 1988 zuerst im eigenen Kopf mit den Aufräumarbeiten angefangen hat. Als Absolvent der Ajax-Schule konnte er früher mit nicht ganz so künstlerisch veranlagten Spielertypen wenig anfangen. Bayerns Mark van Bommel, der "Aggressiv-Leader" (Ottmar Hitzfeld), hatte bei ihm keine echte Chance, genauso wie AC Milans Clarence Seedorf. Sogar mit Ruud van Nistelrooy, dem treffsichersten Niederländer seiner Generation, überwarf er sich nach der WM in Deutschland. "Er mag meine Spielweise nicht", beklagte der Stürmer von Real Mdrid und verkündete im Januar 2007 das Ende seiner Länderspielkarriere.

Van Nistelrooys Schicksal war typisch für die Obsessionen des holländischen Fußballs. Tore allein waren nie genug. Vom Establishment wurde der Sohn eines Heizungsmechanikers wegen seinen vergleichsweise schlichten technischen Fähigkeiten nie ganz für voll genommen. Aus Nordbrabant, seiner Region, kamen nach landläufiger Meinung gute Fahrradfahrer, aber keine echten Kicker. 150 Tore in fünf Jahren bei Manchester United bestätigten, man glaubt es kaum, die Vorurteile: Van Nistelrooy hatte 149 davon im gegnerischen Strafraum erzielt, mit staubtrockener Nüchternheit.

Vorbild van Basten

Van Basten war Van Nistelrooys Vorbild, aber er spielt ja ganz anders. Er ist ein Torjäger, ein Opportunist. Keiner dieser Zauberer, der mit dem Ball am Fuß die Gegner stehen lässt. Bei der EM in Portugal vor vier Jahren, als es in ganz Europa keinen besseren Stürmer gab, sangen die orangenen Scharen nicht seinen Namen, sondern den des eleganteren, aber längst der eigenen Dekadenz zum Opfer gefallenen Flaneurs Patrick Kluivert.

Es dauerte ein paar Monate bis van Basten seinen Irrtum erkannte. Van Nistelrooy signalisierte vor zwölf Monaten Gesprächsbereitschaft, nach einigen Telefonaten kam er wieder zurück in den Kader. Man spürt, dass dem 31-Jährigen nach einer Knöchelverletzung ein wenig die Antrittschnelligkeit fehlt, doch van Basten braucht ihn in erster Linie als Leuchtturm, der den ständig rotierenden Jungspunden im offensiven Mittelfeld den Weg zum Tor weist.

Am Donnerstag meldete der Trainer, dass sich Flügelflitzer Arjen Robben überraschend von seinen Leistenbeschwerden erholt habe. Schon gegen Frankreich könne der 24-Jährige wieder spielen. So war am Ende alle Mühe vergeblich: Man verließ die Pressekonferenz und sah Hollands traumhaft schöne Aussichten. Der Blick hinunter auf den in der Sonne glitzernden Genfersee war übrigens auch ganz hübsch.

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(SZ vom 13.06.2008/mb)