Von Christof Kneer

Das Tor zum 1:0 gegen Polen zeigt stellvertretend, wie Joachim Löw sich den idealen Fußball vorstellt.

Wenn das Joachim Löw hört! Da saß jetzt also Leo Beenhakker, der sogenannte Trainerfuchs, und er sagte, dass "die Deutschen eben Spieler haben, die in den besten Ligen der Welt spielen, zum Beispiel in der Bundesliga". Das war nett gemeint, aber zum Glück war Trainerjungfuchs Löw noch nicht im Raum, als Beenhakker in der Pressekonferenz ausgerechnet jene Liga rühmte, deren Trainingsmethoden Löw mit seinem Stab zu überwinden versucht. Aber, lobte Beenhakker weiter, man habe auch gemerkt, dass ein paar deutsche Spieler "Woche für Woche in England, Spanien und Italien auf Höchstniveau spielen", so der Coach der polnischen Elf. Mit England hatte er gewiss Michael Ballack gemeint und vielleicht Jens Lehmann (der dort immerhin auf Höchstniveau trainierte), und bei Spanien hatte er wohl an Christoph Metzelder gedacht, der bei Real vermutlich auf Höchstniveau medizinisch behandelt wird. Aber sonst? Meinte er Odonkor (Betis Sevilla), der sich gegen Polen auf Höchstniveau warmlief? Meinte er Timo Hildebrand? Bernd Schuster? Und wen meinte er mit Italien? Oliver Bierhoff?

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In der Kette sind sie am stärksten: Torsten Frings (links) und Philipp Lahm (rechts) stützen Christoph Metzelder (nicht im Bild). (© Foto: dpa)

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Auch Trainerfüchse können irren, und immerhin war dies ein Irrtum, aus dem sich nach dem überwiegend heiteren 2:0-Auftaktsieg der DFB-Elf einiges lernen lässt. Aus gegnerischer Perspektive sieht Deutschland also schon wieder aus wie eine Ansammlung schlachtenerprobter Legionäre, und das war so ziemlich das größte Kompliment, das man Lukas Podolski, Marcell Jansen oder auch Clemens Fritz machen konnte. Sie sind alle noch Fußballer in Ausbildung, aber für die Polen fühlten sie sich offenbar an, als gehörten sie zum Stammpersonal von Manchester oder Mailand. Das ist nach Recherchen dieser Zeitung erwiesenermaßen nicht der Fall - und das wiederum ist ein Kompliment für Joachim Löw.

"Spiel auf der Kippe"

Wer die letzten zwei Jahre kein Länderspiel gesehen hat, der hat nur Sonntagabend zufällig in Klagenfurt sein müssen, um zu verstehen, welchen Plan Löw mit dieser Mannschaft hat. Etwa 60 der 90 Minuten gegen Polen waren eine bündige Zusammenfassung dessen, was diese Elf - an einem guten Tag - leisten kann und soll, und wer noch weniger Zeit hat, dem sei zur Ansicht das Führungstor aus der 20. Minute empfohlen. Es war ein Tor, das zeigte, wie lebendig etwas aussehen kann, das am Reißbrett entstand. Es war genau jenes Tor, das Löw und sein Stab seit zwei Jahren lehren: Christoph Metzelder hatte sich nach vorne gewagt und einen Pass gespielt, der beim Gegner landete - worauf die DFB-Elf in Person von Philipp Lahm binnen Sekunden zwei Lernziele auf einmal erfüllte.

Erst schaltete Lahm defensiv um, indem er mittels geschickter Balleroberung den polnischen Konter unterband - dann schaltete er offensiv um, indem er den Ball ohne schuldhaftes Zögern zu Mario Gomez passte, der - das nächste Lernziel erfüllend - einen artistischen Steilpass in Kloses Lauf schickte, der - auch das gut gelernt - von der Seite kommend (aus allerdings stark abseitsverdächtiger Position) die Abwehr-Nahtstelle durchtrennte und quer nach innen passte, wo die herauskombinierte Überzahl in Gestalt von Lukas Podolski den Ball ins Tor schob.

Wer Löw eine Freude machen möchte, der könnte dieses Tor auf ein T-Shirt drucken und ihm zum Geburtstag schenken. Wer ihn ärgern möchte, könnte noch irgendeine Szene aus der zweiten Hälfte auf die Rückseite drucken, denn "da hätt' mr müssen zwei, drei Schritte mehr rausrücken", sagt Löw in seiner alemannischen Diktion, die nicht automatisch freundlich klingen muss. So wurde der Bundestrainer in der zweiten Halbzeit zweimal beim lautstarken Seitenliniengespräch mit Torsten Frings erwischt, dem er klarmachte, "dass wir uns haben zu weit zurückfallen lassen". In der Tat hatte sich plötzlich ein bedenklicher Demutsreflex ins Spiel geschlichen, das Pressing verlor an Schärfe, die Zuspiele an Präzision, die Elf zeigte ihre anfällige Seite. "Beim Stand von 1:0 ist ein Spiel immer auf der Kippe", sagt Löw, "am Ende hat es die Mannschaft aber souverän nach Hause gespielt."

Niveau-Obergrenze neu definiert

Gleich das erste Turnierspiel unter Löws alleiniger Verantwortung zeigte, wie sehr der Bundestrainer aus dem deutschen Fußball einen Mannschaftssport gemacht hat. Löw weiß ja selbst am besten, dass seine Elf den weltbesten Teams an individueller Klasse immer noch unterlegen ist, trotz den fürs Höchstniveau taugenden Ballack, Gomez und Lahm; und so hat er seiner Elf ein flügelzentriertes Spielsystem anerzogen, in dem im Idealfall so viel Tempo und Physis stecken, dass man die Absenz von ein paar phantasievollen Füßen kaum bemerkt. Auf diese Weise hat sich eine Elf mit umfangreichem Helfersyndrom entwickelt, die mit vereinten Kräften eigene Defizite überspielt. Sinnbildlich für dieses karitative Spielverständnis steht Kapitän Ballack, der mannhaft den eigenen Offensivreflexen widersteht und gemeinsam mit Frings in der Tiefe des Raumes schuftet. .

Auch sonst gibt es Hilfskommandos, wohin man blickt: Mertesacker hilft dem verbesserten, aber immer noch bedenklich langsamen Metzelder bei der Formsuche; die ganze Abwehr hilft dem verbesserten, aber immer noch nicht souveränen Torwart Lehmann bei der Formsuche; Jansen hilft Podolski beim Seitenabdichten; bekommen beide Probleme, rückt Frings automatisch nach links; klafft dann in der Mitte ein Loch, kommt Gomez zum Grätschen ins Mittelfeld zurück; und der frühere Torjäger Klose hilft mit seinen Dauervorlagen sowieso allen, außer sich selbst.

Auf diese Weise hat Löw die Niveau-Obergrenze seiner Elf neu definiert, und wer dieser Elf in Klagenfurt beim Jubeln zusah, dürfte gewarnt sein. Sie hat sich gefreut, das schon, aber es war eine sehr konzentrierte Freude, und nach ein paar Minuten haben die Freunde und Helfer einen Haken unter dieses Spiel gemacht. Es war erst der Anfang. Diese Mannschaft hat noch einiges vor

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(SZ vom 10.06.2008/mb)