SZ: Wie waren Sie denn für Ihr Abenteuer ausgerüstet und vorbereitet?

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Gärtner: Wir sind einfach drauflos, kein Reiseführer und keine Ahnung, wie die Städte aussehen. Schweiz war sehr weit und richtig Ausland. Als Kleidung: Kurze Hose, kurzes Hemd, Mütze. Zelt auf dem Gepäckträger, Campingausrüstung, Spiritus-Kocher, alles voll bepackt, zig Kilo. Die Fahrräder hatten nicht einmal eine Dreigang-Schaltung. Man schob eben den Pass hoch. Und bergab fahren war gefährlich. Das Gepäck hinten schob und schob, die Rücktrittsbremsen liefen heiß. Den Freilauf hinten konnte man nicht mehr anfassen, der hat geglüht. Es war ein furchtbar heißer Sommer, außer die sehr verregneten letzten Tage. Da waren wir zum Glück in Faulensee in einem Heulager, für 50 Räppli.

SZ: In der Nähe wohnten doch die Spielerfrauen?

Gärtner: Ganz genau, in Spiez. Wir sind abends dorthin geradelt, zum Hotel Belvedere. Die Spieler standen oft draußen. Da war alles von Angesicht zu Angesicht, nicht wie heute mit Hochsicherheitszone. Man konnte auch ins Belvedere einfach hinein, Kaffee trinken. Den konnten wir uns zwar nicht leisten. Aber Gerhard hat Fotos gemacht. Er fuhr auch mit zum Trainingsplatz, da war alles offen. Er schaffte es bei jedem Spiel mit seiner Kamera auf den Platz. Irgendwie muss man ihn immer für einen Pressefotografen gehalten haben. Wie er das geschafft hat, hat er nie verraten. Gerhard hatte immer eine auffallende weiße Schieber-Mütze auf: Also, wenn jemand nochmals einen Film von Bern 1954 sieht, achten Sie auf die weiße Mütze; die ist immer dabei. Das ist der Gerhard.

SZ: Und das Endspiel?

Gärtner: Vom Thuner See sind wir, wie die Mannschaft, nach Bern gefahren, die 30 Kilometer, auf einen Zeltplatz. Morgens haben wir unsere Räder am Bahnhof abgestellt, mit dem gesamten Gepäck drauf. Abschließen brauchte man nicht, da wurde nichts geklaut. Dann sind wir zum Wankdorf-Stadion gegangen, eine halbe Stunde Weg, wunderschön. Linker Hand war eine Gartenbauausstellung. Die haben wir uns noch angesehen.

SZ: Bitte? Im vollen Fußballfieber, kurz vor dem WM-Endspiel, schauen Sie sich noch Blumenbeete und Bepflanzungstechniken an?

Gärtner: Da war kein Fußballfieber. Wir haben uns immer etwas von der Schweiz angesehen, wenn gerade kein Spiel war, einmal sind wir nach Interlaken, um die Eigerwand und die Jungfrau anzuschauen. Über die Prachtstraße von Luzern sind wir gegangen und über den Limmatquai in Zürich. Nach der Gartenbauausstellung ging es dann zum Stadion. Ich hatte einen Stehplatz auf einer der Zusatztribünen. Ein Schweizer neben mir sagte nach dem 2:0 für Ungarn zu mir: "Na? Wieder 3:8?" Nach dem 2:2 hat er nur noch geschaut, und nach Rahns 3:2 kam nur noch: "Das gibt's ja gar nicht." Der Mann war dann auch voller Freude. Und hat mir gratuliert.

SZ: Klingt abgeklärt. Wurde in Bern nicht getrunken, gesungen, gebrüllt?

Gärtner: Nein, nein. Man stand da ganz aufrecht, meist ziemlich stumm. Gute Szenen beklatschte man, bei Toren wurde auch gejubelt. Aber andere auspfeifen - das gab es nicht. Alkohol konnte man im Wankdorf-Stadion auch nirgendwo kaufen. Ich habe während der gesamten WM keinen einzigen Betrunkenen gesehen. Und nach dem Finale war auch nicht viel los. Zur Siegerehrung waren schon viele Zuschauer gegangen. Ich bin dann hinüber auf die Haupttribüne, das ging einfach so. Kurz vor der Pokalübergabe wurde die Nationalhymne gesungen, vielleicht 5000 Zuschauer waren Deutsche. Ich hatte schon den neuen Text gelernt, die meisten sangen "Deutschland, Deutschland über alles". Hat aber kein Ärgernis erregt. Auf dem Platz waren etwa 50 Reporter, nicht mehr. Und der Gerhard.

SZ: Fühlten Sie sich als Weltmeister?

Gärtner: Deutschland hatte gewonnen. Das war schön. Das hatte aber nichts von der großen Bedeutung von heute. Wir sind im Regen zum Bahnhof, dann im Zug nach Basel. Dort hat einer auf einem krummen Horn, einer Hirtentrompete, geblasen. Ein anderer brüllte: "Dem deutschen Weltmeister, ein dreifaches..." - und der ganze Zug antwortete: "Hipp Hipp Hurra". Das war toll, eine ganze Viertelstunde lang. Ist das ein Weltmeistergefühl? Am nächsten Morgen waren wir wieder zu Hause.

SZ: Und Sie dann gleich zur Arbeit?

Gärtner: Vom Düsseldorfer Bahnhof habe ich meinen Chef angerufen und gesagt, ich kann kommen, aber nur in kurzer Hose und völlig verschwitzt. Da sagte er: "Ach, dann fahr mal lieber nach Hause." Jedenfalls habe ich das schönste von Gerhards Fotos mit den dreckverschmierten Spielern gleich nach dem Schlusspfiff leichtsinnigerweise meinem Chef geschenkt. Wegen des Sonderurlaubs. Am nächsten Tag hat man sich mit den Kollegen ein bisschen unterhalten, aber da gab es wenige Enthusiasten. In Neuss war das Schützenfest zehn Mal wichtiger als so ein Fußballfinale. Fußball war nicht so der Renner damals. Und das Spiel hatten auch nur wenige im Fernsehen gesehen, eher im Radio gehört. So war das damals - heute ist mein fünfjähriger Enkel Timo fußballverrückter als ich es jemals war.

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(SZ vom 26.06.2008/mb)