Von Jürgen Schmieder

Griechenlands Trainer Rehhagel plaudert vor der Partie gegen Schweden munter über Taktik - nur nicht über die seiner Mannschaft.

Die Region um den Fuschlsee mit seinem türkisfarbenen Wasser ist die ideale Kulisse für einen Heimatfilm, dessen Geschichte in etwa so laufen könnte: Der Held aus dem Dorf im Tal meistert eine Krise, holt sich Rat bei seinem Mentor und besiegt am Ende die bösen Gegner. Angelos Charisteas sieht sich solche Filme gerne an, dabei wäre er selbst ein formidabler Protagonist für dieses Genre - es müsste sich nur ein Regisseur finden, der die vergangenen Jahre thematisiert und auf die Leinwand bringt.

Bild vergrößern

Otto Rehhagel ist seit 2001 Trainer der griechischen Nationalmannschaft. (© Foto: Reuters)

Anzeige

"Es ist schön, wieder hier zu sein"

Der Film könnte beginnen mit der Szene, die Charisteas schon grob geschätzt eine Million Mal gesehen hat: Wie der Ball genau auf ihn zufliegt, wie er höher springt als der Verteidiger, wie der Ball ins Tor fliegt und Griechenland Europameister ist. Dann müsste ein Schnitt folgen vom EM-Finale 2004 auf Charisteas im Jahr 2008, wie er im Trainingslager in Seekirchen sitzt, den Blick auf die Berge gerichtet. "Es ist schön, wieder hier zu sein", sagt er und schaut dabei wie einer, der zwei Jahre lang durch böse Welten gezogen ist und nun zu Hause ankommt. Die bösen Welten waren für Charisteas die Städte Rotterdam und Nürnberg, wo die Bälle nicht genau auf ihn zuflogen, wo die Verteidiger höher sprangen und anstatt des Balles manchmal er selbst ins Tor flog. Er will nicht sprechen über diese beiden Jahre: "Nürnberg? Es ist jetzt nicht die Zeit, darüber zu reden." Er schaut dabei wie sein Nationaltrainer Otto Rehhagel, wenn man ihm eine kritische Frage stellt.

Rehhagel schaute allerdings nicht grimmig drein einen Tag vor dem Spiel der Griechen gegen Schweden, er plauderte munter über Taktik und modernen Fußball: "Haben Sie gesehen, wie der polnische Innenverteidiger rausläuft und sagt: ,Da hast du 30 Meter Platz, bitte schieß ein Tor.' Auf Abseits zu spielen ist modern, und schon hast du modern 2:0 verloren." Er konnte sich auch einen Seitenhieb auf jüngere Trainer nicht verkneifen: "Wenn wir auf alles per Laptop reagieren könnten, würden keine Tore mehr fallen."

Rehhagel sprach über viele Dinge, nur nicht über die eigene Mannschaft. Mindestens fünf Mal sagte er: "Ich werde Ihnen doch nicht erzählen, wie wir gegen Schweden spielen werden." Auch aus dem Abschlusstraining könne man nichts herauslesen, sagte Rehhagel: "Ich trainiere so, dass ich selbst nicht weiß, wer spielen könnte."

Rehhagel folgt dem Loyalitäts-Prinzip

Seit Tagen werden die griechischen Spieler abgeschottet, als wären sie Teilnehmer eines G-8-Gipfels, und sie widersprechen einander fröhlich, wenn sie sich doch mal äußern müssen. "Wir werden unsere Geheimwaffen doch nicht verraten", sagt Charisteas. Georgios Karagounis sagt: "Wir haben keine Geheimwaffe." Immerhin war aus dem Hotel zu hören, dass seit Tagen ein brandneues Spielsystem geprobt wird. Das allerdings kann bei Otto Rehhagel auch eine Formation sein, die es schon vor der Erfindung des Liberos gab.

Als sicher gilt lediglich, dass Rehhagel seinem Loyalitäts-Prinzip folgt und er erfahrenen Spielern wie Verteidiger Traianos Dellas und Stürmer Charisteas das Vertrauen schenkt. Zu diesem Prinzip der Loyalität gehört, dass Mittelfeldspieler Georgios Karagounis trotz einer Verletzung am Knie von Beginn an spielen wird. "Er konnte gestern mit der Mannschaft trainieren und ist einsatzfähig. Mal sehen, wie lange er durchhält", sagte Rehhagel, der einer Frage nach dem schwedischen Stürmer Zlatan Ibrahimovic geschickt auswich: "Mal sehen, was wir zulassen. Die Schweden müssen unsere Stürmer auch erstmal stoppen." Das werden wohl neben Charisteas die Bundesliga-Profis Theofanis Gekas und Ioannis Amanatidis sein.

Gegen Schweden muss die griechische Elf vor aller Öffentlichkeit spielen, im Salzburger Stadion kann sie sich nicht mehr abschotten von den Blicken der Welt. Griechenland ist der erste Titelverteidiger, der als Außenseiter in ein Turnier geht. "Das liegt daran dass die Favoriten, seit es den Fußball gibt, immer die gleichen sind", sagt Rehhagel, "aber auch Außenseiter haben eine Chance." Gegner Schweden gab sich in den vergangenen Tagen betont entspannt und übte sich in der Rolle des humorvollen Harlekins. Der spielt entweder eine Nebenrolle - oder er macht mit seiner Kunst den Helden lächerlich.

Leser empfehlen 

(SZ vom 10.06.2008/mb)