Elfmeter-Probleme im Europapokal Demut vor der einfachsten Übung

Das gute alte Ecke-Tor-Prinzip steckt in einer Sinnkrise: Mit Mario Mandzukic, Mats Hummels, Klaas-Jan Huntelaar und Oscar Wendt traten in dieser Woche vier Spieler deutscher Teams vom Elfmeterpunkt an - und scheiterten alle. Muss man sich deshalb Sorgen machen? Ein bisschen.

Ein Kommentar von Boris Herrmann

Wenn etwas ein Mal geschieht, kann es sich um Zufall handeln. Wenn etwas zwei Mal passiert, könnte es sein, dass sich zufällig zwei Zufälle treffen. Wenn sich aber drei Mal nacheinander das Gleiche ereignet, spricht man von einem Trend. So gesehen geht der Trend für die deutschen Teilnehmer der Champions League in diesem Jahr eindeutig zum Auftaktsieg. Und zum verschossenen Elfmeter. Mats Hummels hat es für Dortmund vom Punkt versucht, Klaas-Jan Huntelaar für Schalke, Mario Mandzukic für den FC Bayern. Alle drei sind mehr oder weniger kläglich gescheitert.

Am Donnerstag reihte sich in der Europa League auch noch der Gladbacher Oscar Wendt ein. Muss man sich deshalb Sorgen machen? Ein bisschen.

Sicher, die Trends von heute können morgen schon wieder die Mythen von gestern sein, aber so viel lässt sich sagen: Der deutsche Fußball hat sich zuletzt auf der akademischen Ebene weiterentwickelt, er ist international wieder konkurrenzfähig. Es erhärtet sich jedoch der Verdacht, als sei auf dem Weg dorthin die Demut vor der einfachen Form verkümmert. Deutsche Klubs sind zuletzt nicht nur durch Pfosten- und Fehlschüsse vom Elfmeterpunkt aufgefallen, auch das gute, alte Ecke-Tor-Prinzip steckt in einer Sinnkrise. Die Nationalelf wartet seit vier Jahren auf ein Freistoßtor.

Ecken und Freistöße kann man üben (wenn man möchte). Der Elfmeter hingegen gilt seltsamerweise manchen bis heute als untrainierbar. Er wird gerne dem Bereich des Glücksspiels zugeschrieben. Aus Sicht des Schützen handelt es sich dann allerdings eher um ein Pechspiel, weil es im Grunde ja eine recht simple Übung ist, den Ball aus kurzer Distanz an einem kleinen Torwart vorbei ins große Netz zu dreschen. Die wichtigste Regel lautet: Es sollte niemand schießen, der sich unsicher fühlt. Die wichtigste Anschlussfrage aber heißt: Wer kann sich in diesem Land eigentlich noch sicher fühlen?

Der mutmaßlich allwissende Franz Beckenbauer erinnerte einst nach einem verschossenen Robben-Elfmeter daran, dass der Gefoulte nicht selbst . . . und so weiter. Das sei bloß noch nicht bis nach Holland vorgedrungen. Nach dem verschossenen Hummels-Strafstoß vom Dienstag merkte er an, Verteidiger sollten Elfmeterpunkte grundsätzlich meiden. Dass der FC Bayern mit einem Elfer-Trauma zu kämpfen hat, ahnen derweil sogar Menschen, die nicht allwissend sind.

Man könnte den Forschungsstand in dieser Sache mithin so zusammenfassen: Einen Elfmeter treffen kann in Deutschland eigentlich jeder Spieler. Es sei denn, er lebt in München oder er spielt in der Abwehr oder er stammt aus Holland oder er hat schon einmal verschossen oder er hat noch nie geschossen oder er wurde selbst gefoult. Oder er heißt Beckenbauer. Der ehemalige Verteidiger hat es in der Bundesliga sechs Mal versucht. Drei Mal hat er vergeben. Und damit nichts anderes als einen Trend vorempfunden.

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