Von Javier Cáceres

Aufregung beim spanischen Pokalfinale: Der FC Barcelona schlägt Athletic Bilbao, und alle pfeifen Spaniens Hymne nieder.

Es hätte am Mittwochabend so mancher in Valencia ein Königreich für ein Sonometer gegeben, vielleicht sogar der spanische Monarch Juan Carlos höchstselbst. Sonometer, das sind Geräte, die üblicherweise zur Messung von Schallstärken verwendet werden, und im Mestalla-Stadion der spanischen Mittelmeermetropole hätte man so einen Apparatus gut gebrauchen können.

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Den ersten Pokal hat Josip Guardiola gewonnen - nun will er auch noch den wichtigeren Pokal gewinnen, die Champions-League-Trophäe. (© Foto: AFP)

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Unter anderem auch deshalb, weil man einen Vergleichswert für die Zukunft hätte etablieren können: Wie laut können 55.000 Menschen sein, wenn sie Anhänger des FC Barcelona und vom Athletic Club de Bilbao sind und mehrheitlich die spanische Hymne in Grund und Boden pfeifen, brüllen oder hupen?

Doch wie gesagt: Kein Sonometer weit und breit, und somit bloß das Ohrenzeugnis, das da besagt: Es war infernalisch laut, als der König die Arena betrat und der Soundmaster unten das Okay bekam, auf die Playtaste zu drücken und den Regler sechs Stufen hochzufahren, um die 54 Sekunden lange Hymne aus der Konserve durch 26 Lautsprechertürme zu jagen. Und die Menge ein monumentales Pfeifkonzert anstimmte.

So weit, so erwartbar. Schon bei vorangegangenen Gelegenheiten haben die Anhänger von Vereinen der spanischen Peripherie ihrer Ablehnung gegen den Zentralstaat durch massive Pfiffe Luft verschafft, hat ihnen ein Fußballspiel als Ventil gedient. Nicht ganz umsonst vermeidet es etwa der spanische Verband, Länderspiele ins Baskenland oder nach Katalonien zu vergeben.

Das Pfeifkonzert, das Juan Carlos etwa beim Pokalfinale von 1997 im Bernabéu-Stadion (FC Barcelona gegen Betis Sevilla) über sich ergehen ließ, stand dem Radau von Valencia nur deshalb in etwas nach, weil die Andalusier anders als Basken und Katalanen keine separatistischen Gefühle hegen, in anderen Worten: bloß das halbe Stadion pfiff und Stinkefinger in die Höhe reckte, und nicht etwa das ganze. Die Hymne wird also öfter mal verunglimpft, und doch geriet am Donnerstag der Lärm von Mestalla zum Politikum, welches das Spielgeschehen rund um Barcelonas 4:1-Sieg überschattete.

Zum einen, weil rechtspatriotische, zentralspanische Medien wieder einmal den Untergang des Abendlandes beschwörten. Zum anderen, weil sich herausstellte, dass der spanische Staatssender TVE die Realität schlicht ausgeblendet hatte. Denn als der König, die Hymne und die Pfiffe kamen, schaltete der Sender mal eben schnell weg (sinnigerweise nach Bilbao, wo die Leute gleichfalls pfiffen). Als sei das nicht der Peinlichkeit genug, wurde die Realität dann noch parodiert: Zur Halbzeit reichte man die Hymne nach - in offenkundig manipulierter Form. Die Pfiffe waren kaum, die Musik dafür klar wahrzunehmen.

Am Donnerstag wurde TVE-Sportchef Julian Reyes wegen der Frisiererei rasiert, der Sender leugnete jeden Versuch der Manipulation oder Zensur. Und im Parlament bemühten sich Sprecher aller Parteien in der Kunst der Entdramatisierung, mit freilich dissonant klingenden Argumenten.

Die Pfiffe seien nicht repräsentativ, hieß es bei den Konservativen, die Monarchie werde geschätzt, erklärte die Regierung, und die katalanischen und baskischen Nationalisten empfanden die Pfiffe als Ausdruck demokratischer Normalität. "Zu Zeiten des Generalissimus (Franco) habe sich so etwas niemand trauen können", sagte der baskische Nationalist Iñaki Anasagasti.

Der verblüffte König

Ein Sprecher des Königshauses sagte, Juan Carlos sei zwar einerseits "verblüfft" über die Lautstärke des Krachs gewesen, den er nicht nur als Protest wahrgenommen habe. Andererseits sei er aber auch im Bilde darüber gewesen, dass er in einem Fußballstadion saß, wo im Übrigen auch schon mal die Hymnen von befreundeten Ländern zusammengepfiffen worden seien. Das sei mindestens genau so respektlos.

Ach ja: Fußball wurde auch gespielt, der Vortrag des FC Barcelona war wieder einmal von entwaffnender Qualität. Nach neun Minuten war Athletic durch Toquero in Führung gegangen, Touré Yaya glich noch vor der Halbzeit aus. Nach der Pause führte Leo Messi vor, dass er auf dem besten Wege ist, der beste Spieler der Welt zu werden: Er war an allen drei Treffern Barças beteiligt.

Barcelona nennt nun 25 spanische Pokale sein eigen, die Meisterschaft ist so gut wie gewonnen, Ende Mai steht das Champions-League-Finale in Rom an. Und jenseits aller Pfiffe: Die Stimmung im Mestalla-Stadion war unnachahmlich göttlich.

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(SZ vom 15.05.2009)