Eiskunstlauf-WM Weitere Medaillen - oder viel Geld im Showgeschäft

Aljona Savchenko und Bruno Massot bei ihrer Olympia-Kür in Pyeongchang.

(Foto: dpa)
  • Für Aljona Savchenko und Bruno Massot geht es nach ihrem Olympiasieg um den Titel im Paarlauf bei der Eiskunstlauf-WM in Mailand.
  • Nicht einen Tag Pause gönnten sie sich nach der Rückkehr aus Pyeongchang.
  • Ihre Zukunft ist ungewiss: Sie könnten sich weiter im sportlichen Wettkampf mit den Besten messen - doch für eine Weile ins lukrative Show-Geschäft wechseln.
Von Barbara Klimke, Mailand

Zur Ruhe gekommen sind Aljona Savchenko und Bruno Massot nicht in den vergangenen fünf Wochen: Viel vermag ein olympischer Triumph den Athleten im glücklichsten Fall zu geben, Erlösung, Erleichterung, Ekstase - aber Erholung gehört definitiv nicht dazu. Eine strapaziöse Eistournee durch die Schweiz mit neun Auftritten bei "Art on Ice" liegt hinter dem Paarlauf-Duo, erst seit einer Woche perfektionieren sie wieder ihre Wettkampfprogramme, am Mittwoch in der Kurzkür wollen sie sich bei den Weltmeisterschaften in Mailand noch einmal in Bestform präsentieren. "Aber leicht", sagt Aljona Savchenko seufzend, "ist das alles nicht."

Nicht einen Tag Pause gönnten sie sich nach der Rückkehr aus Pyeongchang. Massot schleppte seine nacholympische Grippe aus Südkorea mit nach Mailand, ganz auskuriert wirkte er am Dienstagnachmittag nicht nach dem Training im Mediolanum Forum, einer nüchternen Multifunktionshalle südlich der Stadt. Die Konzentration auf die Hebungen, Rotationen und Sprünge, gab Savchenko zu, falle ihnen noch schwer: "Und am Stress hat sich auch nicht viel geändert."

Trainer Alexander König geht nach Berlin, das Paar bleibt in Oberstdorf

Sie sind zurück in der Normalität des Hochleistungssports. Aber hinter dem Gewohnten hat sich eine Tür geöffnet, die ins Ungewisse führen wird. Seit sie in Pyeongchang die Eiskunstlaufwelt von oben sahen, seit sie den Zenit ihrer Karriere erreichten, ist nichts mehr so verlässlich, wie es ihnen in den vergangenen vier Jahren ihrer Zusammenarbeit erschienen war. Auch wenn sie dieses Thema für die Dauer der WM noch nicht ansprechen wollen.

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Ihr vertrautes Lebensumfeld in Oberstdorf wird sich auflösen. Das zumindest steht jetzt schon fest, ehe Savchenko, 34, und Massot, 29, einen Beschluss darüber gefasst haben, wie sie ihre Leben fortan gestalten wollen: ob sie sich weiter im sportlichen Wettkampf mit den Besten messen oder doch eher für eine Weile ins lukrative Show- und Unterhaltungsfach wechseln.

Ihr Trainer, Alexander König, packt bereits die Koffer. Am 28. April siedelt er um nach Berlin, zu seiner Familie. Der Rückumzug war seit langem geplant, sagt König, nur aus Fürsorge um Savchenko und Massot ist König ein Jahr länger als ursprünglich beabsichtigt im Allgäu geblieben, um das Duo auf den gemeinsamen Olympiatraum vorzubereiten. Ein Nachfolger steht bereit für die vielfältigen Trainingsverpflichtungen am Stützpunkt, König hat den Tschechen Petr Barna, Europameister von 1992, nach Oberstdorf gelotst. "Ich lasse nichts ungeordnet zurück", sagt er. Dass der neue Mann auch die Olympiasieger betreut, ist allerdings unwahrscheinlich.

König war nie Paarlauf-Bundestrainer, einen solchen Posten gibt es derzeit in der Deutschen Eislauf-Union nicht; er hat Zeit seines Lebens freiberuflich gearbeitet und bislang nach eigener Aussage noch nicht einmal entschieden, ob er dem Eiskunstlauf überhaupt verbunden bleibt. Er ist ein künstlerisch vielseitig begabter Mensch, der nebenbei malt und zudem eine Ausbildung als Mediator begonnen hat. Am Sportforum Berlin, wo sein Kollege Knut Schubert tätig ist, gebe es "ein sehr gutes Team", sagt er: "Warum soll ich da meine Ellbogen ausbreiten und mich reindrängen?" Der Verband würde ihn ungern ziehen lassen, Sportdirektor Udo Dönsdorf will nach der WM Gespräche führen, um auszuloten, in wie weit er den Goldtrainer "in die Strukturen integrieren" kann.

Aljona Savchenko und Bruno Massot wollen ihre Zeit nutzen

Es sei für alle eine "Umbruchsituation", sagt König. Aljona Savchenko und Bruno Massot allerdings werden ihren Lebensmittelpunkt kaum nach Berlin verlagern, selbst wenn eine weitere Kooperation möglich sein sollte. "Die beiden werden in Oberstdorf bleiben, zumal sie ja bereits Anfragen für Shows und Schaulaufen haben", sagt König. Derlei Auftritte gehören von jeher zum Brot-und-Butter-Geschäft der besten Kufentänzer. Seit dem Triumph von Südkorea hat Marc Lindegger vom "Art on Ice"-Team in der Schweiz, der die Termine für Savchenko/Massot seit langem koordiniert, eine gestiegene Anfrage für die Olympiasieger registriert, aus Deutschland, aber auch aus dem asiatischen Raum, aus Japan, Korea und China, wo das Eiskunstlaufen nach dem leichten Abflauen des Interesses in den USA weiterhin das Publikum elektrisiert.

Seit einer Woche ist das Team aus Zollikon am Zürichsee nun auch für Medienanfragen und die Sponsorensuche für Savchenko/Massot verantwortlich. Aber dass ein Athlet vom Eiskunstlauf auf Dauer leben könne, sagt Lindegger, sei wohl eher eine Illusion, "es sei denn, man wird zum Beispiel Trainer". Vier bis fünf Jahre hätten Läufer erfahrungsgemäß nach Triumphen, "um ein bisschen Geld zu verdienen und sich ein neues Standbein aufzubauen". Aljona Savchenko und Bruno Massot werden diese Zeit wohl nutzen wollen. Und wenn in Mailand jetzt noch ein Weltmeistertitel dazukommt, ihr erster als Duo übrigens, dann wird das kaum zu ihrem Schaden sein.

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