Eiskunstlauf Die Kunstläuferin

Kunstlauf statt Sprunglauf: Carolina Kostner, 31, aus Italien ist doppelt so alt wie die russische Olympiasiegerin Alina Sagitowa.

(Foto: Luca Bruno/AP)

Die Italienerin Carolina Kostner ist mit 31 Jahren doppelt so alt wie manche Konkurrentin - und ist ein Gegenentwurf zu all den jungen Hüpfern auf dem Eis.

Von Barbara Klimke, Mailand

Interessant, was der Faun am Nachmittag so treibt: Sitzt schläfrig unterm Baum und sinnt darüber nach, ob er tatsächlich den Nymphen nachjagte oder ob das alles nur ein wilder Traum gewesen sei. Dieses ziegenbärtige Zwischenwesen, halb Mensch, halb Bock, hat Poeten, Komponisten und Tänzer vor mehr als hundert Jahren fasziniert, hat Stephane Mallarmé, Claude Debussy und Vaslav Nijinsky zu wegweisenden Werken der Moderne inspiriert. Kein Stoff für die leichte Muse; nicht wirklich ein Thema für Eisprinzessinnen und Kringeldreher. Aber das Leichte, Banale hat Carolina Kostner selten interessiert.

Debussy also soll es sein, "Prélude à l'après-midi d'un faune", bei der Kür der Weltmeisterschaft in Mailand an diesem Freitagabend, der 14. ihrer langen Karriere, vielleicht ihrer letzten. Sie hat sich mehrere Kostüme schneidern lassen, unter anderem einen lindgrünen Hosenanzug, angelehnt an das Ballett-Plakat Nijinskys von 1912, der in der mitunter stockkonservativen Eislaufszene für einige Diskussionen sorgte. Zuletzt bei den olympischen Winterspielen hat sie auf den extravaganten Einteiler dann lieber doch verzichtet. Einig aber ist sich die Fachwelt in dem Urteil, dass Carolina Kostner aus St. Ulrich in Südtirol, Weltmeisterin 2012, vielleicht die Einzige ist, die über das Können verfügt, das befähigt, zum Klang der Flöten Spuren von Nijinsky im Eis nachzuzeichnen. Auch wenn Kostners Faun keine künstlichen Hörner trägt.

Mit 31 Jahren verkörpert sie den Gegenentwurf zu all den jungen Hüpfern auf dem Eis. Zu den Teenagern, die fabelhaft springen können, aber zu ihrer Allerweltsmusik, mal Musicals, mal Schwanensee, oft einstudierte Gesten bieten und nur graziös die Ärmchen schwingen. Katarina Witt hingegen schwärmt von Carolina Kostners Anmut und Ausdrucksstärke, Sportwissenschaftler führen sie als Paradebeispiel für die Kategorie "expressive Perfektion" an. Und für ihre Kollegin Nicole Schott, 21, die mit Kostner lange in Oberstdorf trainierte, ist sie "die Frau neben den Kindern", eine Eisathletin, die noch das vollführt, was Schott "den Kunstlauf" nennt, "der so viele Menschen berührt".

Am Mittwoch hat Kostner den Jüngeren noch einmal eine Lektion im Kunstlauf erteilt, auch wenn sie das in ihrer scheuen, vorsichtigen Art nie so bezeichnen würde: Im Kurzprogramm der WM lieferte sie ein weiteres Gesamtkunstwerk ab, diesmal zu Jacques Brels "Ne me quitte pas", in der Version von Céline Dion. Fast beiläufig wob sie eine Kombination aus dreifachem Flip und dreifachem Toeloop in die Choreografie ein, dazu einen Dreifach-Rittberger, und weil ihr das so mühelos gelang, wurde sie mit der Höchstnote und der besten Wertung ihrer Karriere belohnt. Das bedeutete, dass sie zumindest in diesem Segment die 15-jährige Olympiasiegerin Alina Sagitowa schlug, jene junge Russin, die noch keinen Wettkampf dieser Saison verloren hat. Sagitowa ihrerseits sagte über die Ältere, dass sie stets ihr Idol gewesen sei.

Nach den Winterspielen zum Sprungtraining nach Russland

Ohnehin ist es ein kleines Wunder, dass Kostner noch einmal zurückkehrte aufs Eis nach ihrer Sperre 2015. Sie war 16 Monate wegen Dopings suspendiert, ohne dass sie selbst des Doping bezichtigt wurde; vielmehr wurde der fünfmaligen Europameisterin und olympischen Bronzegewinnerin von Sotschi zur Last gelegt, dass sie in einem Akt der Beihilfe die Ermittlungen gegen ihren damaligen Verlobten, den Leichtathleten Alex Schwazer, behinderte. Als die Fahnder 2012 vor der Tür ihrer Wohnung standen, log sie, Schwazer, später der Einnahme von Epo überführt, sei nicht zuhause. Italiens Olympisches Komitee ging mit Kostner ins Gericht. Aber sie habe sich nicht aus Rache zum Comeback entschieden, sagte sie später, als sie von ihrem früheren Lebensgefährten längst getrennt war, dem Corriere della Sera; vielmehr habe sie das Eiskunstlaufen vermisst.

Leicht hat sie es sich auch danach nicht gemacht. Von ihrem langjährigen Trainer Michael Huth wechselte sie zu Alexej Mischin nach St. Petersburg in die russische Eislaufschule. Mischin, der vor allem einen Ruf als kompromissloser Männertrainer genießt und Läufer wie Alexej Jagudin und Jewgenij Pluschenko zu Olympiasiegern trimmte, sollte nach der langen Wettkampfpause ihre Sprungtechnik stabilisieren. Er lobte sie als eine der "seriösesten Schülerinnen", mit denen er je gearbeitet habe. In diesem Winter trainierte sie zunächst bei Huth in Oberstdorf. Nach dem für sie enttäuschenden fünften Platz bei den Winterspielen in Pyeongchang kehrte sie kürzlich zu Mischin nach St. Petersburg zurück. Sie sei dankbar, "ein solch bewundernswertes internationales Team" um sich zu wissen, hat sie in Mailand gesagt.

Dann resümierte sie noch einmal den Anfang ihrer Karriere, die Jahre, in denen sich in Italien kein Mensch für Eiskunstlauf interessiert habe: "Es ist schön zu sehen, dass die Halle nun voll ist und dass ich so viele Menschen inspirieren kann." Denn das ist der Auftrag der Kunst. Und mit Debussy und Nijinsky wird sie es noch einmal versuchen. Als Faun ohne Hufe. Aber mit Kufen an den Füßen.