Von Wolfgang Gärner

Erstmals seit 1993 ist Russland wieder Eishockey-Weltmeister. Die Kanadier zogen den Kürzeren: Das Heimteam scheiterte erneut beim Angriff auf den Titel.

"Das war definitiv der Traum für beide Mannschaften", sagte Wjatscheslaw Bykow. Der Traum wurde wahr, im Finale der Eishockey-WM standen sich am Sonntag Russland - von ihm gecoacht - und die Kanadier als Titelverteidiger gegenüber.

Duell der Giganten (© Foto: AFP)

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Sie brauchten eine Verlängerung, um den Sieger zu ermitteln, und als Ilja Kowaltschuk nach 62:42 Minuten der entscheidenden Treffer zum 5:4-Sieg der Russen gelungen war, war eine Serie beendet, gleichzeitig hatte eine andere überdauert: Erstmals seit 1993 waren die Russen wieder Weltmeister, und wieder wie stets seit 1986 scheiterte das Heimteam beim Angriff auf den Titel.

Nachdem Team Canada sich den Weg freigemacht hatte mit einem 5:4-Sieg über Schweden, und die Russen die vorletzte Aufgabe mit 4:0 gegen die Finnen erledigt hatten, war das Wunschfinale zum 100. Jubiläum des Weltverbandes IIHF perfekt, das Ereignis, das einst der Gipfel war. Zum letzten Mal trafen sich beide im Finale eines globalen Turniers bei Olympia 1992 in Méribel.

Alte Sowjethymne gesungen

Die Russen, damals geführt als Vereintes Team (Gus) und gecoacht von Viktor Tichonow, gewannen 3:1, den Endstand stellte her: Wjatscheslaw Bykow, der gestand, er habe die alte Sowjethymne gesungen, während für sie als Olympiasieger die olympische Hymne abgespielt wurde. "Denn ich dachte, die Zukunft ist russisch". Diese Zukunft dauerte im Eishockey nicht lange: der WM-Titel, den sie im Jahr darauf in München gewannen, sollte der letzte seither bleiben. Sie firmierten inzwischen offiziell als Russland, Trainer war Boris Michailow, und der Kapitän des Weltmeisterteam hieß... Wjatscheslaw Bykow.

Bykow war Vertreter der Zwischengeneration, ging nicht in die NHL, obwohl die Grenzen offen waren, sondern beließ es bei einem Wechsel in die Schweiz (nach Fribourg); die prägenden Kräfte in seinem WM-Kader 2008 dagegen sind amerikanische Zelebritäten wie: Alexander Oweschkin, Sergei Fedorow, Alexander Semin (alle Washington Capitals) oder Ilja Kowaltschuk (Atlanta Thrashers). Die Kanadier setzten die dominierende Reihe des Turniers mit Ryan Getzlaf (Anaheim), Dany Heatley (Ottawa) und Rick Nash (Columbus) dagegen. Jeder von ihnen traf im Halbfinale, zusammen hatten sie 20 Tore in acht Spielen erzielt, und Heatley zog durch sein elftes Tor gleich mit Eric Lindros (1993) als Kanadas bestem Torschützen bei einer WM.

Es war auch für sie ein paar Mal knapp in den vergangenen zwei Wochen - beim 5:4 über die USA, 2:1 gegen Norwegen, 3:2 gegen Schweden. "Aber wann immer wir unter Druck gerieten, hatten wir eine Antwort", lobte Kanadas Trainer Ken Hitchcock sein Ensemble, "wann immer es nötig war, konnten wir einen Gang höher schalten." Auch die Russen hatten zuweilen ihre Mühe, so beim 5:4 nach Verlängerung gegen Tschechien, erst Recht im Treffen mit den bjelorussischen Nachbarn, das Morozow im Penaltyschießen zum 4:3 entschied.

Jedes Team trat bei der Jubiläums-WM einmal in einem Traditionsdress an, die Russen wählten dafür im Eröffnungsspiel das Hemd der glorreichen Sowjet-Auswahl mit den Buchstaben CCCP auf der Brust und gewannen 7:1 gegen Italien. "Wir müssen viel besser werden", sagte Sergei Fedorow danach, "alles muss besser werden bei uns."

Erst mal wurde ihre Situation deutlich schlechter, weil gegen die Tschechen ihr Torwart Alexei Jeremenko mit Kreuzbandschaden ausfiel. Rechtzeitig für die Zwischenrunde kam aber Jewgeni Nabokow, mit den San José Sharks im NHL-Playoff ebenso ausgeschieden wie Stürmer Radulow. Als es ernst wurde, hielt Nabokow alle Schüsse fest, verzeichnete im Halbfinale den nächsten Shutout nach dem 6:0 über die Schweiz eine Runde zuvor.

Russland verstärkte

Russland war stärker geworden, weil Bykow sein Team im Verlauf des Turniers noch um die Verteidiger Markow Montréal Canadiens und Tyutin (New York Rangers) verstärkte. Team Canada dagegen blieb personell unverändert von Anfang bis Ende. "Wir spielten genau, wie wir es uns vorgenommen hatten", sagte Getzlaf.

Der Schlüssel dafür, dass die Russen den letzten Schritt schafften im Gegensatz zu 2007, als sie in der Verlängerung des Halbfinals in Moskau 1:2 an den Finnen scheiterten, war taktische Klugheit, lobte Slawa Bykow: "Unsere Leute zeigten ein sehr diszipliniertes, organisiertes Spiel. Das war es, was uns ins Finale brachte." Sie wollten die Fehler vom vergangenen Jahr auf keinen Fall wiederholen, erklärte Alexander Oweschkin.

Für ihn war das Traumfinale gegen Kanada nichts Neues, er war an so was schon mal beteiligt - 2003 bei der Junioren-WM in Halifax. Russland gewann, und Oweschkin werde es nie vergessen, sagt er: "Es war ein großartiges Gefühl, die Kanadier in Kanada zu besiegen." Am Sonntag in Québec City spielten keine Junioren, sondern Männer. Aber der Sieger über Kanada in Kanada hieß wieder Russland.

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(SZ vom 19.05.2008/dmo)