Geschickt versteckt das Fernsehen den Puck. Manchmal ist das egal. Doch jetzt vermissen wir ihn.
Eigentlich stimmt alles in dieser Sportart: Fliegende Wechsel, brutale Checks, rasendes Hartgummi, wüste Stockstiche, fieses Gehakel, brillantes Powerplay und dazwischen drei schwarz-weiße Harlekine, die alles zu bändigen versuchen.
(© Foto: dpa)
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Warum findet Eishockey trotz allem meist nur noch in den entlegensten Winkeln des deutschen Fernsehens statt? Offenbar will es keiner mehr sehen.
Und das sicher nicht nur, weil das Spiel so merkwürdig unsichtbar ist: Der Puck, die Finesse der Stockführung und die tausend Hände des Torwarts - all das ist nur in Bullet time, in der Zeitlupe erkennbar.
Nein, es geht um mehr: Das internationale Eishockey ist hierzulande verloren gegangen. Ein Wendeopfer. Denn das, was die Zuschauer einst in den Bann und vor die Bildschirme zog, war der Kampf der Systeme. Ost gegen West, sowjetische Geschwader gegen westliche Einzelkämpfer. Und dazwischen ein paar deutsche Lehrlinge.
Das Sowjet-Kollektiv
Untrennbar verbunden damit war das Modell Tichonow. Viktor Tichonow, einst selbst Spieler in einer legendären Truppe, war der Mann hinter der Bande; gescheiteltes Haar, geschulter Blick und geschlossener Mund. Er war der Trainer, der Diktator, der Offizier. Alle Spieler waren in der Roten Armee. Wer gehen wollte, beging Fahnenflucht. Wer gehen sollte, wurde ausgemustert. Die Spieler hassten ihn.
Tichonow lehrte sie zunächst das Basketball und übertrug dann die Spielzüge auf das Eis. Dies und das tausendfach geübte Kombinationsspiel machten Eishockey zur Kunst, geschaffen von den Sputniks des Klubs ZSKA Moskau: Tretjak im Tor, Fetisow und Kasatonow davor und Makarow, Larionow und Krutow im Sturm. Namen für Gold, wo auch immer Eishockey gespielt wurde.
Auf der Gegenseite sah es meist schlecht aus: Collegespieler bei Olympia, Stanley-Cup-Verlierer bei den Weltmeisterschaften und nur beim unregelmäßig stattfindenden Canada Cup die Creme nordamerikanischer Spieler: Messier, Lemieux, Yzerman und natürlich Gretzky.
Doch selbst die Spitzenformationen waren nur selten Gegner für die Sowjets. "Wissen Sie, wir haben so viele Gretzkys bei uns", antwortete Tichonow einst auf die Frage, ob wenigstens der Mann mit der 99 auf dem Rücken so gut sei, dass er in seiner Mannschaft spielen dürfte.
Gegen die Sowjets zu gewinnen, war das Größte. Wenn das den Kanadiern selbst mit der besten Mannschschaft nicht gelang, lag das Land am Boden. Wenn aber Deutschland nicht zu hoch verlor, war das schon fast ein Unentschieden und damit ein Sieg.
Schonfrist bis 2010
Heute ist der Zauber weg, ein wenig Mythos ist geblieben. Das Niveau hat sich angeglichen. Nicht, weil alle besser geworden sind. Sondern weil die Sowjets jetzt Russen sind und spielen wie die Amerikaner. Das heißt: Der Puck fliegt nach vorne und alle kufen hinterher.
Und doch: USA gegen Kanada, Schweden gegen Finnland, Slowakei gegen Tschechien und alle gegen Russland - das sind schillernde Duelle, in denen Niederlagen noch immer Demütigungen sind. Schon das macht sie sehenswert.
Da sich zudem das olympische Eishockey längst den Profis geöffnet hat, kommt in Turin - erstmals überhaupt in Europa - die Elite des internationalen Eishockeys zusammen.
Das ist nicht so selbstverständlich, wie es sich anhört, denn andere internationale Turniere, etwa die Weltmeisterschaft, interessieren die Profis der National Hockey League kaum.
Doch Olympia hat bei den Profis mittlerweile einen Stellenwert: Immerhin haben sich die NHL-Spieler die Teilnahme im Rahmen der letztjährigen Tarifverhandlungen extra zusichern lassen.
Was also die heutige Zeit an Dreamteams hervorzubringen vermag, spielt in diesen Tagen. Und das, zumindest das, lohnt sich anzuschauen - sofern es übertragen wird.
Denn, auch daran sei erinnert, schon nach den nächsten Winterspielen in Vancouver könnte die ganze Herrlichkeit wieder vorbei sein: Die NHL möchte ihre All-Stars für Olympia nicht länger freistellen. Das hat sie jetzt schon klar gemacht.
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