Eishockey-Playoffs Erster Eishockey-Titel für den EHC

Was für eine Freude: Toni Söderholm, Schütze des ersten Münchner Tores am Freitagabend, eröffnet mit Pokal in der Hand und Medaille um den Hals auch die Siegesfeierlichkeiten des EHC München.

(Foto: Hermann Hay/dpa)

Der EHC München gewinnt auch das vierte Finalspiel gegen Wolfsburg, diesmal 5:3 bei den Grizzlys.

Von Johannes Schnitzler

Um 22.02 Uhr war noch einmal taktische Disziplin gefordert. Erst Bierdusche und dann Selfie? Oder umgekehrt? Letztlich machte - das erste Mal an diesem Abend, vielleicht das erste Mal in dieser Saison - dann aber jeder, was er wollte. Handschuhe flogen in die Luft, Männer sprangen in die Höhe. Bierdusche, Schnappschüsse, das übliche Chaos. Kappen mit dem Aufdruck "Deutscher Meister 2016" wurden verteilt. Denn das Wesentliche, das hatten sie ja nun hinter sich. Und das Wesentliche, das hatte ihnen Trainer Don Jackson vorher noch einmal eingebläut, das war: "Wir wollen am Freitag den Pokal nach München holen."

Seit Dienstag, seit dem 4:1 in München, dem dritten Sieg in der Playoff-Finalserie der Deutschen Eishockey Liga (DEL) gegen die Grizzlys Wolfsburg, hatten Münchens Profis eine Hand an diesem Pokal. Aber Jackson, der Monolith an der Bande, wusste: Ein 3:0 reicht in einer Best-of-seven-Serie nicht. Um 22.20 Uhr hatte der EHC dann beide Hände am Pokal. DEL-Geschäftsführer Gernot Tripcke überreichte Kapitän Michael Wolf den Silberpott.

Der EHC Red Bull München ist zum ersten Mal in seiner Geschichte deutscher Eishockeymeister, als vierte Münchner Mannschaft nach dem MTV (1922), dem EC Hedos (1994) und den Barons (2000). 5:3 (2:2, 1:1, 2:0) gewann der EHC das vierte Spiel der Serie, ein glatter 4:0-Triumph. "Ich kann es noch kaum glauben", sagte Wolf, der zum wertvollsten Spieler der Playoffs gewählt wurde. Auch für den 35-Jährigen war es der erste Titel. Dann prasselte goldenes Konfetti auf ihn herab.

Don Jacksons sechster Titel

Wolf erging es wie den meisten. Dominik Kahun biss immer wieder auf seiner Goldmedaille herum: "Einfach geil", sagte der 20-Jährige. "Ich bin einfach nur froh, dass wir gewonnen haben", sagte Yannic Seidenberg. Während Torwart David Leggio Grüße nach Hause schickte, an seine Frau, seine Eltern und vermutlich jeden Menschen, den er je getroffen hat.

Für Don Jackson war es die 25. Playoff-Serie in der DEL. 20 der 24 vorausgegangenen hatte er gewonnen, fünf Mal war er bereits Meister. Kein anderer Trainer hat so viele DEL-Titel gesammelt wie der 59-Jährige, sechs sind es nun. Und auch dieser sechste Titel, beteuerte der Amerikaner, "ist ein ganz spezieller". Für den er sich bei jedem Spieler persönlich bedankte. Auch bei den Reservisten.

"Uns erwartet ein heiß umkämpftes Spiel", hatte Jackson prophezeit. Und so begann dieses vierte Duell in Wolfsburg auch. Nach nicht einmal einer Minute kassierten die Grizzlys die erste Strafe. Das erste Tor aber erzielte der EHC (10.). Schütze war ein Verteidiger, Toni Söderholm.

"Unsere Special Teams müssen besser werden", hatte Wolfsburgs Trainer Pavel Gross gefordert, und Mark Voakes gelang tatsächlich das 1:1 (17.), ein Shorthander, ein Tor in Unterzahl. Doch nur 40 Sekunden später, München agierte noch immer mit einem Mann mehr, schoss Wolf den EHC wieder in Führung: der 278. Treffer des DEL-Rekordtorjägers, der achte in den Playoffs - der erste im Finale.

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Keith Aucoins billiger Abstauber kommt die Wolfsburger teuer zu stehen

Wer dachte, Wolfsburg sei nun demoralisiert, brachte den Gedanken kaum zu Ende: Ganze 21 Sekunden später hatte Gerrit Fauser wieder ausgeglichen (18.). Drei Tore binnen 61 Sekunden - es war das hart umkämpfte Spiel geworden.

Münchens Plan lautete, die Grizzlys zu zermürben. "Je länger wir Druck auf ihre Verteidiger machen, desto schwieriger wird es für sie", sagte Wolf - Wolfsburg fehlten fünf Stammkräfte. Trotzdem glaubten sie noch an das Wunder von Wolfsburg. Nach dem 2:2 sogar ein bisschen mehr. Zu Beginn des zweiten Drittels saß beiden Teams noch der Schreck in den Gliedern über diese wilden 61 Sekunden.

Bis Daryl Boyle ein Allerweltsfoul unterlief: Überzahl Wolfsburg, langer Pass von Tim Hambly auf Voakes, 3:2 (34.). Das Powerplay der Grizzlys funktionierte nun. Was weniger funktionierte, war ihre Abwehr. Maximilian Kastner schoss das 3:3 für München (37.), das erste Playoff-Tor für den Stürmer. "Wir hatten unser Spiel verloren", sagte der 23-Jährige, "jetzt sind wir wieder drin."

Und wie: Jaffray und St-Denis hatten das 4:3 auf dem Schläger, Keith Aucoin erzielte es (48.): Ein billiger Abstauber, der Wolfsburg teuer zu stehen kam. Steve Pinizzotto legte das 5:3 (51.) nach, eine feine Einzelleistung, der Münchens Bad Boy eine unfeine folgen ließ: Für seinen provozierenden Torjubel erhielt der Deutsch-Kanadier eine Disziplinarstrafe.

Das Finale drohte kurz zu eskalieren. Jeff Likens erhielt eine Spieldauerstrafe für einen üblen Check gegen Seidenberg, Gross tobte, die 600 Fans aus München sangen: "Oh, wie ist das schön." Dann war das 22. DEL-Finale beendet. Und der EHC zum ersten Mal deutscher Eishockey-Meister.