Eishockey Mit dem Plan aus der Hotellobby

Cory Clouston verliert wenige Stunden nach seiner Ankunft in Deutschland sein erstes Spiel als Trainer der Kölner Haie 0:3 in München. Er sagt: "Wir hatten Momente, in denen wir okay aussahen."

Von Christian Bernhard, München

Selten dürfte sich Cory Clouston mehr über seinen Notizblock gefreut haben als am Freitagabend. Immer wieder schaute der 46-jährige kanadische Eishockeytrainer auf ihn, es schien, als klammere er sich ganz besonders daran. Eishockeytrainer haben gerne solche Zettel, sie notieren darauf ihre Reihen und Spielzüge. Für Clouston waren sie dieses Mal aber mehr als das, sie gaben ihm zusätzlichen Halt bei seinem Aufbruch in eine neue Welt. Für den Kanadier war ja alles komplett neu: der Kontinent, die Liga, die Spieler - selbst seine eigenen.

Cloustons neue Welt ist Deutschland, genauer gesagt Köln. Seine ersten 14 Stunden als neuer Trainer der Kölner Haie verbrachte er jedoch in München. Nach einer 18-stündigen Reise, die in Vancouver begann, war Clousten am Freitagmorgen in München gelandet. Er hatte im Hotel seine neuen Spieler kennengelernt und eine erste Videoeinheit mit ihnen abgehalten, ehe er am Abend erstmals in der Deutschen Eishockey Liga (DEL) an der Bande stand.

"Verrückt" seien seine letzten 36 Stunden gewesen, sagte der Nachfolger des am Mittwoch entlassenen Niklas Sundblad. Denn vor 36 Stunden hatte er in Vancouver überhaupt erst die Entscheidung getroffen, Trainer der Kölner Haie zu werden. Was ihn erwartet hat er sich schon auf Videos in Kanada angesehen, dann sah er es in München: 0:3 unterlagen die Haie dem EHC München, zwei Gegentore innerhalb von neun Sekunden am Ende des Mitteldrittels besiegelten die siebte Kölner Pleite in den letzten neun Spielen. Damit fielen die Haie aus den Playoffrängen, sie sind nun Tabellenelfter.

In München ist Clouston erst Vielsprecher, dann Beobachter

Clouston, der ohne Co-Trainer an der Kölner Bande stand, sprach während der ersten zwei Drittel viel mit seinen Spielern. Im Schlussdrittel aber, als die Kölner dann nahezu aussichtslos zurücklagen, beobachtete er das Geschehen auf dem Eis meist nur noch ruhig mit verschränkten Armen. Seine erste Spielanalyse fiel zurückhaltend aus. "Wir hatten Momente, in denen wir okay ausgesehen haben", erklärte er.

Generell würden die Spieler in der aktuellen Situation zu viel nachdenken. Da es nun vordergründig darum gehe, Selbstvertrauen zurückzugewinnen, begann Clouston sofort, seine neue Mannschaft stark zu reden. "Wir sind ein gutes Eishockeyteam", betonte er, "wenn wir konstant spielen, haben wir genug Talent, um Spiele zu gewinnen. Wir müssen uns nun organisieren." Nach der nächtlichen Busfahrt zurück nach Köln bat Clouston die Haie am Samstagnachmittag erstmals zum gemeinsamen Training, am Sonntag feiert er gegen Meister Mannheim seine Heim-Premiere (16.30 Uhr).

Köln ist Cloustons erste Trainerstation in Europa. Er beendete seine Karriere als Spieler schon mit 23 Jahren, seit 1995 ist er im Trainergeschäft. Nach einigen Jahren in diversen Juniorenligen und dem Gewinn des U18-Weltmeistertitels mit Kanada im Jahr 2006 stieg er ein Jahr später in die American Hockey League (AHL), und damit in den Profibereich, auf. 2009 schaffte er den Sprung in die National Hockey League (NHL), wo er etwas mehr als zwei Spielzeiten die Ottawa Senators trainierte. In jener Zeit erarbeitete er sich aufgrund seiner harten Trainingsweise den Spitznamen "Drill Sergeant mit Babyface". Sein letztes Engagement bei den Prince Albert Raiders endete im Oktober 2014.

Clouston trainierte schon den deutschen NHL-Spieler Leon Draisaitl

"Er ist ein starker Typ, mit klarer Linie", sagte Kölns Geschäftsführer Peter Schönberger. Verteidiger Shawn Lalonde hob nach dem Spiel in München Cloustons Präsenz hervor: "Seine Autorität ist im Raum spürbar." Clouston, so Lalonde, wisse, was er zu tun habe. Haie-Kapitän Moritz Müller informierte sich bei Leon Draisaitl, der unter Clouston bei den Prince Albert Raiders gespielt hatte, über den neuen Coach. Vom NHL-Spieler erfuhr er, dass Clouston ein "eher harter Trainer mit viel Sachverstand" sei. Müller sieht den Ruf, der Clouston vorauseilt, nicht als Problem. Harte Arbeit sei nicht schlimm, erklärte er, "wir brauchen keinen Ponyhof, sondern wollen einen Plan, um in der Tabelle nach oben zu klettern." Clouston selbst sieht seine Anpassungsfähigkeit als eine seiner Stärken. "Um Erfolg zu haben, musst du dich überall anpassen können. Ich spüre, dass ich das kann."

Clouston zog nach der Niederlage in München eine Parallele zu seinem Start bei den Ottawa Senators. Auch dort konnte er die Mannschaft nicht groß auf die erste Partie vorbereiten, die ebenfalls verloren ging. Nach einer weiteren Niederlage reihte er damals fünf Siege aneinander. Clouston weiß, dass er in Köln bei nur noch 14 ausstehenden Spielen eine ähnliche Serie braucht. "Wir können nicht herumsitzen und in Selbstmitleid zerfließen", betonte er. "Wir haben nicht viel Zeit, das Ding ins Rollen zu bringen."