Eishockey in Finnland Wenn eine Sportart schmilzt

Das Eis gehört zum Charakter Finnlands: Ein Junge spielt den Nationalsport vor einem Eisbrecher.

(Foto: HGRA60/SZ Photo/Timeline Images)
  • Der Nationalsport der Finnen steht inzwischen auch dafür, wie die Erderwärmung die Kultur eines Landes verändert.
  • Eis ist eine kostbare Ware geworden im hohen Norden Europas.
Reportage von Thomas Hahn, Helsinki

Svante Suominen hat eine Sehnsucht nach Eis. Aber nicht nach irgendeinem Eis, sondern nach dem Eis, das bei bleibendem Frost Flüsse und Seen bedeckt. Er liebt es, dort Eishockey zu spielen, die Natur um sich herum zu spüren, die kalte Luft, die ruppige Fläche aus erstarrtem Wasser unter den Kufen. Aber er ahnt schon, dass es dieses Jahr nichts wird mit einem Spiel auf Natureis, zumindest nicht in seiner Heimatstadt Helsinki. Der finnische Winter läuft wieder schleppend an. Regen. Plusgrade. Im November ging nur was auf der Kunsteisanlage im Stadtteil Oulunkylä, und der Puck lief nicht ideal, weil der Regen die Bahn langsam machte. Erst seit Anfang Dezember kann er sich mit seinen Kumpels wieder auf dem Freiluftplatz in Käpylä zum Montags-Eishockey treffen. Aber in Käpylä liegt natürlich auch Kunsteis. Eis ist eine kostbare Ware geworden im hohen Norden Europas.

"Klimawandelwetter" nennen die Finnen diese kraftlose Kälte, die ihren Herbst und ihren Winter zu einer grauen Jahreszeit gemacht hat. Zumindest nachdenkliche Finnen wie der Software-Unternehmer und Sportliebhaber Svante Suominen, 31, nennen sie so, weil sie nicht übersehen können, dass sich in den vergangenen Jahrzehnten etwas verändert hat. Auch in Finnland gibt es viele Menschen, die nicht an den Treibhauseffekt durch den Kohlendioxid-Ausstoß der Industriewelt glauben. Aber gerade jene, die das wichtigste Spiel des Landes in ihrer Seele tragen, erkennen, dass Finnland allmählich sein Selbstverständnis als Winterland verliert. Und dass es so zu einem anschaulichen Beispiel dafür geworden ist, wie die Erderwärmung die Kultur einer Nation verändert.

Die Winter sind nicht mehr so, wie sie mal waren

Es gehörte mal zum Alltag der finnischen Kinder, ab Oktober bis ins Frühjahr hinein jeden Tag nach der Schule draußen Eishockey zu spielen. Sie taten dies auf zugefrorenen Gewässern oder auf vereisten Feldern, welche etwa in Helsinki das Sportamt monatelang ohne stromfressende Kühlaggregate anbieten konnte.

Aber seit den späten Achtzigerjahren sind die Winter nicht mehr so, wie sie mal waren. Die Gewässer frieren nicht mehr so oft zu, das Sportamt Helsinki hat Schwierigkeiten, Eisplätze anzulegen - längst verwendet es auch dazu künstliche Kälte. Statistiken des Finnischen Metereologischen Instituts in Helsinki belegen den Wandel: Die Temperatur-Extreme für Januar liegen seit den Achtzigerjahren viel häufiger im Plusbereich als früher.

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Und der Trend setzt sich fort. Svante Suominen und seine Freunde vom Montags-Eishockey spürten schon vor einigen Jahren: "Die Saison wird immer kürzer." Der Klimawandel schmolz ihr Spiel ein. Das beschäftigte sie. Sie wollten etwas dagegen tun und gründeten einen Verein. Er trägt seine Botschaft im Titel: "Save Pond Hockey". Rettet Hockey auf dem Teich. Haltet den Klimawandel auf.

Seit 2015 organisiert SPH Freiluftturniere, um diese Botschaft zu verbreiten. Am liebsten natürlich auf zugefrorenen Wasserflächen wie im Januar, als Suominen und seine Leute mit dem Profiklub Jukurit ein Turnier auf dem See Saimaa in Mikkeli organisierten. Aber das geht nicht oft, und Suominen weiß, dass sein Verein nur einen Windhauch entfacht gemessen an dem Sturm, den es bräuchte, um die Umweltpolitik der Welt zu verändern.

Klimaschutz kann man nicht herbeispielen

Klimaschutz kann man nicht herbeispielen, und umfassende Unterstützung für die Kampagne ist allenfalls eine Hoffnung. Das kommerzielle Eishockey kann den Klimawandel ausblenden, weil sein Sportbetrieb ohnehin nur noch in Hallen mit Kunsteis stattfindet. Bei Jokerit Helsinki zum Beispiel versteht man die Frage nach dem Tauwetter gar nicht. Der Klub spielt in Russlands Profiliga KHL, weil dort das Niveau besser ist als daheim. Ein Gespräch über Kulturwandel durch Klimawandel? Ein Sprecher antwortet: "Wir haben keinen Experten, der am Klimawandel arbeitet - das Interview würde deshalb keine offiziellen Daten enthalten." Absage.

Der Eishockey-Trainer Alpo Suhonen, 69, schmunzelt, als er die Geschichte hört. Sie überrascht ihn nicht. "Hockey ist so eine in sich geschlossene Kultur", sagt er. Suhonen blickt auf eine abwechslungsreiche Karriere zurück, Jokerit hat er zum Beispiel mal zum Meistertitel gecoacht. 2000 war er bei den Chicago Blackhawks der erste gebürtige Europäer auf einem NHL-Chetrainer-Posten seit 50 Jahren. Aber er war auch schon Intendant des Theaters in Turku. Suhonen ist sozusagen ein Spezialist dafür, über den Tellerrand seines Sports hinauszuschauen. Und aus Erfahrung weiß er, dass diese Eigenschaft im Eishockey-Business nicht verbreitet ist. Solange das Geschäft mit dem Spiel läuft, sind Umweltfragen eine entfernte Nebensache.