Nach der besten Saison ihrer Geschichte scheitern die Hannover Scorpions erst im DEL-Halbfinale an Düsseldorf - und wecken damit Hoffnung auf eine Fortsetzung.
Womöglich ist der Niedersachse mindestens so konservativ wie, sagen wir, der Bayer, Schwabe oder Rheinländer. Dass zum Beispiel der einstige Eishockey-Provinzklub ESC Wedemark mit dem Schlachtruf "Kühe, Schweine, Wedemark" seit 1997 als Hannover Scorpions Geschichte schreibt und in diesem Jahr zum dritten Mal nach 2001 und 2006 das DEL-Halbfinale erreichte, hat die hannoverschen Fans gerade mal so interessiert, dass die 5810 Zuschauer in der 10.500 Plätze bietenden Tui-Arena am Dienstagabend im fünften und entscheidenden Spiel um den Final-Einzug schon Klubrekord in den Playoffs bedeuteten. Sie erlebten mit dem 1:3 gegen die Düsseldorfer EG das Ende der bislang besten Scorpions-Saison.
Hans Zach bei den Playoffs. (© Foto: dpa)
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Nach Platz zwei in der Hauptrunde und der letzten Partie, in der die Unterschiede der beiden Teams "mit bloßem Auge nicht zu erkennen waren", wie Düsseldorfs Trainer Harold Kreis sagte, mochte auch sein Hannoveraner Kollege Hans Zach "kein böses Wort" an seine Mannschaft richten. Die Schweine sind perdu, das neue, von Marketing-Experten erfundene Motto "We are Family", ist trotzdem noch ausbaufähig. Nur in der Mannschaft wird es gelebt, aber noch nicht im Umfeld. Dass aber das Team eine Familie ist, hat auch mit Familie Goc zu tun. Nikolai Goc, 22, der junge Verteidiger, ließ in den Playoffs für die Zukunft hoffen, über die ja in Hannover so viel debattiert wird. Sascha Goc, 29, sein älterer Bruder, war der Mann, an dem viele sich aufrichteten.
Schon 2007 wurde der seit 2005 in Hannover spielende Profi zum besten Verteidiger der Saison gewählt. Diesmal erzielte er 24 Tore in der Hauptrunde und vier weitere in den Playoff-Spielen gegen Wolfsburg und Düsseldorf, dazu gab er allein im Halbfinale sieben Torvorlagen. Das wäre so, als würde im Fußball der Abwehrspieler Philipp Lahm zum besten Torjäger und Regisseur seiner Elf. Auch dieses Mal dürfte Goc, der einst von den Mannheimer Adlern wegen einer Viruserkrankung ausgemustert wurde und wegen eines irreparablen Meniskus-und Kreuzbandschadens nie ohne stabilisierende Bandagen und Schienen aufs Eis geht, erneut den Preis des besten Verteidigers einstreichen, denn trotz seines Handicaps zeichnet ihn, so Zach, "neben der spielerischen Fähigkeit auch die Schnelligkeit" aus.
Nur im letzten Spiel gegen Düsseldorf ging schließlich auch er unter. Den Vorsprung nach dem schnellsten Playoff-Tor der DEL-Geschichte durch Matt Dzieduszycki nach gerade acht Sekunden konnten die Scorpions nicht behaupten, weil Düsseldorfs Torjäger Adam Courchaine (18.) auch diesmal traf. Dann verkantete Hannovers Center Tino Boos mit dem Schlittschuh und stürzte, was Rob Collins zum 2:1 nutzte (50.). Den dritten Treffer erzielte Brandon Reid (60.), weil Scorpions-Keeper Dimitri Pätzold ausgewechselt worden war gegen einen Feldspieler, um noch den Ausgleich zu erzwingen.
Dennoch ist auch der ältere der beiden gebürtigen Schwarzwälder ein Mann für die Zukunft. Noch zwei Jahre läuft Sascha Gocs Vertrag, und wie es aussieht, verschwendet er keinen Gedanken an das vorzeitige Ende der Scorpions. Es mache "Riesenspaß, in Hannover zu spielen", sagte er nach dem Spiel, das eine Zeitung schon als letztes der Scorpions angekündigt hatte. Besitzer Günter Papenburg droht seit Monaten, den Geldhahn zuzudrehen, falls er nicht Unterstützung von Region, Stadt und anderen Unternehmen bekäme. "Wir haben versucht, die Tumulte außerhalb der Mannschaft zu ignorieren", sagt Goc.
Eine gute Idee, denn es geht wohl tatsächlich weiter. Der Patriarch Papenburg, der scheinbar den Spaß verlor, hat sich jedenfalls bei Spielern, dem Trainer Zach und dem Geschäftsführer Marco Stichnoth nicht nur für "tolles Eishockey" bedankt. Der Bauunternehmer und Arena-Eigner hat auch "neue Dinge" angekündigt. Nach Ostern könne er mit Politik und anderen Unternehmen eventuell eine Einigung treffen, die ihn entlastet. Dann, sagt er, werde man auch nächstes Jahr mit einer guten Mannschaft "Marketing für Hannover" machen. Sein Traum ist noch immer, einmal deutscher Meister zu werden. Deshalb habe er 2006 Hans Zach verpflichtet, "den besten deutschen Trainer". Und deshalb versprach er dem Team für den Titel zuletzt eine Million Euro.
(SZ vom 09.04.2009/jüsc)
Documenta-Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev