Eishockey Blinde Passagiere

Die Hamburg Freezers, vor der Saison als Meisterschaftskandidat gehandelt, verpassen die DEL-Playoffs. Die entscheidende Niederlage am Freitag gegen Iserlohn ist das Abbild einer chaotischen Saison.

Von Christian Bernhard, Hamburg/München

Da standen sie, klatschend, wippend, lächelnd. Rund 150 Fans und Geschäftsstellenmitarbeiter der Hamburg Freezers bildeten am Freitagabend ein Spalier, durch das die Freezers-Spieler im letzten Heimspiel der Saison von der Kabine aufs Eis gingen. Geholfen hat auch das nicht. Die Freezers unterlagen am vorletzten Hauptrunden-Spieltag der Deutschen Eishockey Liga (DEL) den Iserlohn Roosters mit 2:5 und haben damit keine Chance mehr, sich für die Playoffs zu qualifizieren. Fünf Minuten vor Schluss hatten sie noch mit 2:1 geführt. Das abschließende Saisonspiel am Sonntag bei den Straubing Tigers (14.30 Uhr), das zum Endspiel hätte werden können, ist nur noch Makulatur.

Das früheste Saison-Ende in der Freezers-Geschichte wird ein größeres Nachspiel haben. Geschäftsführer Uwe Frommhold sagte dem Hamburger Abendblatt im Anschluss an das Playoff-Aus, es sei zu früh, "jetzt schon Konsequenzen zu ziehen", betonte aber gleichzeitig, dass es "zu billig" wäre, "von einem Ausrutscher zu sprechen" - und kündigte "erhöhten Gesprächsbedarf" an. Den gibt es alleine schon aufgrund der finanziell hervorragenden Voraussetzungen der Freezers. Die Anschutz-Gruppe um US-Milliardär Philip F. Anschutz, dem auch DEL-Rekordmeister Eisbären Berlin gehört, hat Anteile am Hamburger Eishockeyklub. Laut der Fachzeitschrift Eishockeynews waren die Hansestädter mit dem vierthöchsten Etat aller DEL-Teams (10,5 Millionen Euro) in die Saison gegangen. Was daraus gemacht wurde, fasste der zuletzt verletzte Kapitän Christoph Schubert schon vor dem Iserlohn-Spiel zusammen: "Es ist schlecht. Das ganze Jahr ist schlecht. Man kann alle Mann durchgehen. Keiner im Verein hat das Beste gezeigt, was er kann."

Im Dezember prügeln sich innerhalb weniger Tage vier Spieler im Training

Schon die Statistiken zeigen, wie sehr die Mannschaft enttäuscht hat. Die 162 Gegentore werden ligaweit nur von Tabellenschlusslicht Schwenningen und Augsburg überboten, noch schwerer wiegt allerdings die schlechte Offensivausbeute der Freezers, die vor der Saison den "verlorenen Sohn" David Wolf aus Nordamerika zurückgeholt hatten und in Wolf, Thomas Oppenheimer und Jerome Flaake über drei begehrte deutsche Angreifer verfügen. Trotzdem trafen die Hamburger nur 138 Mal, einzig Krefeld war noch harmloser. Dazu kommen die wenigsten Überzahltore der Liga, das zweitschlechteste Unterzahlspiel, die schlechteste Auswärtsbilanz aller DEL-Teams sowie die zweitschlechteste Torhüter-Fangquote. Horror-Statistiken für eine Mannschaft, die vor der Saison zu den Meisterkandidaten gezählt worden war.

Dass es innerhalb der Mannschaft nicht stimmte, wurde spätestens im Dezember offensichtlich, als erst Oppenheimer und Flaake im Training aneinander gerieten, ehe sich eine Woche später Marcel Müller, eine der größten Enttäuschungen der Saison, und Kevin Schmidt ebenfalls im Training eine Schlägerei lieferten. Kurz vor Weihnachten erklärte Cheftrainer Serge Aubin, im Team seien "einfach zu viele Passagiere", sprich Mitläufer, und betonte: "Einige Spieler müssen in den Spiegel blicken und sich hinterfragen, ob sie alles für diesen Verein geben."

Nicht nur die Spieler, auch Trainer und Sportdirektor stehen in der Kritik

Erneut unruhig wurde es Anfang Februar. Da reagierte Torhüter Dimitrij Kotschnew, der wie seine Goalie-Kollegen Sebastien Caron und Calvin Heeter keine gute Saison spielte, auf die Ansage von Sportdirektor Stephane Richer, die Freezers bräuchten "einen Torhüter, der uns drei, vier Spiele hintereinander gewinnt" mit den Worten: "Bei Forderungen, dass einzelne Spieler Partien gewinnen sollen, muss ich mich übergeben." Eishockey sei ein Mannschaftssport, "es wäre fahrlässig, sich einzelne Schuldige rauszusuchen."

2011, als die Freezers zuletzt die Playoffs verpasst hatten, reagierte der Verein mit dem Rauswurf von Kapitän Alexander Barta, zu dem sich 16 weitere Spielerabgänge gesellten. Damals schon Sportchef: Stephane Richer. Nicht nur die Spieler müssen sich unangenehme Fragen gefallen lassen. Auch Trainer und Sportdirektor stehen in der Kritik. Cheftrainer Aubin schaffte es nicht, dem auf dem Papier guten Kader Stabilität und Konstanz einzuimpfen. Selbst im vorentscheidenden Spiel gegen Iserlohn würfelte er die Reihen noch kräftig durcheinander.

"Danke, Fans! Ihr habt mehr verdient!"

Eine erste Entscheidung scheint schon gefallen zu sein: Richer, der den Sportdirektor- und Co-Trainer-Posten in Personalunion ausübte, wird dem Vernehmen nach in der kommenden Saison nicht mehr als Co-Trainer tätig sein. Geschäftsführer Frommhold sagte, er wisse nicht, "ob es diesen einen Fehler" gebe und unterstrich: "Jeder" habe Fehler gemacht.

Die einzigen, die sich nichts vorzuwerfen haben, sind die Fans der Freezers. Mehr als 9000 kamen trotz der schwachen Saison im Schnitt zu den Heimspielen, Rang vier in der Zuschauertabelle. "Wir müssen unseren Fans danken, dass sie uns durch diese Saison getragen haben", sagte Frommhold, sie hätten "mehr geleistet als die Mannschaft". Und auf der Freezers-Homepage war am Samstag in Großbuchstaben eine deutliche Botschaft zu lesen: "Danke, Fans! Ihr habt mehr verdient!"